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Interpretation

„Ich ging im Walde so für mich hin und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“

Eine scheinbar völlig harmlose Aussage, die wir Johann Wolfgang von Goethe verdanken. Was hat er sich dabei gedacht, als er diesen Satz niederschrieb? Was wollte er mit diesem Satz ausdrücken? Wenn wir uns als Adressaten des Satzes begreifen, was nehmen wir zur Kenntnis, was denken oder empfinden wir, wenn wir diesen Satz hören oder lesen? In welchem Kontext zur Persönlichkeit und zum Schaffen des Verfassers, unserem Leben und Erfahrungen steht dieser Satz? Worauf liegt seine Betonung? Nimmt der Verfasser Kontakt zu uns auf oder spricht er ausschließlich zu sich?

Wenn wir unsere Sphäre der Wahrnehmung verlassen und eintauchen in die Sprache, das geschriebene und gesprochene Wort, und uns dem Metrum widmen, werden wir wissen wollen, weshalb der Verfasser dieser Zeile nicht innehielt, sondern ein Versmaß wählte, mit welchem er uns aufmerksam und neugierig macht, uns von der Beschreibung des Offensichtlichen mehr und mehr mit seiner eigenen Walderfahrung vertraut macht. Was sucht er in diesem Wald?

Erwartet er eine Überraschung, sucht er etwas, ohne dabei einen bestimmten Blick und ein bestimmtes Ziel zu haben? Setzt er auf Erkenntnis, weil er weiß, dass das Nichts ohne das Etwas nicht genannt werden kann? Und was will er im Wald? Er könnte ins Offene gehen, er bevorzugt aber den Wald. Hat er dafür Gründe, setzt er auf die Dunkelheit des Waldes und auf eine Überraschung, ein Abenteuer? Er behauptet, nichts im Sinn zu haben, sondern nur zu gehen. Bedeutet das, dass er sich der Verantwortung für sein Verhalten entledigen will, ganz egal, was in diesem Wald passiert?

Auch, wenn er angeblich nichts sucht, so hat er doch etwas vor, indem er geht, aber die Gründe hierfür nicht offenbart. Dabei weiß er wohl, dass ihm der Wald etwas ermöglicht, denn auch dann, wenn er nichts sucht, so lässt er dennoch zu, dass sich etwas unerwartet einstellt. Wir wissen nicht, wer uns anspricht. Ist es ein Mann oder eine Frau oder beides? Je nach biologischem oder sozialem Geschlecht des Waldgängers oder der Waldgängerin, welche Perspektiven ergeben sich hieraus auf das beschriebene Vorkommnis?

Dabei kann nicht unberücksichtigt bleiben, dass offensichtlich von einem noch nicht abgeschlossenen Vorgang berichtet wird, der seinen unbekannten Anfang schon hinter sich hat und sich auf ein Bekanntwerden des kommenden Ereignisses einstellt. Wer immer hier in den Wald gehen mag, er bleibt stets auf unsere Wahrnehmung und uns als Interpreten angewiesen.

Allein unsere Bewertung individualisiert den Waldgänger und bewertet sein Verhalten. Der Leser vermag sich der Zukunft zuzuwenden, da die beschriebene Vergangenheit bereits in einem abgeschlossenen Vorgang die Projektionsfläche für ein noch denkbares kommendes Geschehen bildet. Hätte sich der Verfasser ausschließlich darauf beschränkt, uns einen Waldbesuch zu beschreiben, bei dem er nichts gesucht habe, würden wir uns wahrscheinlich gefoppt fühlen. Tatsächlich fordert er aber unsere Neugierde heraus, will, dass wir wissen wollen, was geschehen wird. Das verrät er uns, aber das ist eine andere Geschichte.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ruhe

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;

so verrät uns der Dichter Johann Wolfgang von Goethe das Geheimnis der Stille. Dass das Ruhen der Beginn des Rasens sei, vermittelte uns in bleibender Bedeutung der Zeitungswissenschaftler Professor Emil Dovifat in einem Colloquium über die Bedeutung der Wörter die mit „r“ beginnen, wie rennen und rasen. Natürlich hat er recht. Ohne Ruhen bewegt sich nichts.

Bekannt ist auch die Ruhe vor dem Sturm, wobei unter Sturm nicht nur das meteorologische Phänomen gemeint ist, sondern auch die stille Ankündigung einer Aufregung oder eines Unheils. Ruhe und Ereignis stehen damit in einem Bedingungszusammenhang. Ruhe vermag zu verkünden, verfügt aber nicht unbedingt über Ausdehnung. Es gibt Phasen der Ruhe und auch der Entkopplung aus einem Moment und Einkopplung in den nächsten.

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, so verlangte es Graf von Schulenburg. Gemeint ist damit aber nicht die Ruhe als inneres Erlebnis, sondern das angeordnete Verhalten der Bürger. Auch, wenn die Begrifflichkeit stark changiert, je nachdem, wie sie genutzt wird, gibt es eine gewichtige für Menschen relevanten Kernaussage. Nur in der Ruhe liegt die Kraft.

So banal das klingen mag, ist doch gültig, dass nur die Ruhe die schöpferische, emotionale und geistige Kraft gewährt, um sowohl im persönlichen, als auch im gesellschaftlichen Bereich segensreich wirken zu können. Später werden wir einmal zur ewigen Ruhe gebettet, das allerdings ist dann keine selbstbestimmte Ruhe mehr, sondern ein Abschluss, in dem allerdings viele Theologen erst den Beginn des geistigen und manche sogar des körperlichen Lebens sehen. Wenn es sich so verhält, kommt der Mensch letztlich doch nie zur Ruhe.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski