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Das Nationaldenkmal

Von Tilleda aus bin ich hinaufgestiegen zum Kyffhäuser, unserem Nationaldenkmal. Der Weg war beschwerlich. Nun stehe ich vor diesem Monument und betrachte den mürrisch dreinblickenden Barbarossa und einen in Bronze stolzen Hauptes reitenden Wilhelm I. Das Nationaldenkmal wurde 1890-1896 geschaffen in dem Bewusstsein, einen Beitrag zur deutschen Einigung zu leisten. Die Deutschen sollten in Krieg und Frieden zusammenstehen wie ein Mann oder die Frau hinter dem Mann. Heute würde kein Fürst mehr vergessen, auch der Frauen zu gedenken, sonst würde die Gleichstellungsbeauftragte protestieren. Geschichte ist nicht korrigierbar. Wir versuchen aber, aus ihr zu lernen.

Einträchtig staunt rundherum das Volk. Es steht wegen der Erhabenheit und Größe der Darstellung dieser Helden in gebührendem Ab- stand. Nach Anreise und schwerem Aufstieg hat es sich gestärkt mit Thüringer Rostbratwurst oder erfreut an einer Tüte Eis. Ringsum sehe ich nur zufriedene Gesichter. Die Menschen liegen auf der Lauer mit Fotoapparaten und Videokameras. „Dem Deutschen Volk“. Das deutsche Volk hat seine Ehrung angenommen, die ihm vor mehr als 100 Jahren widerfahren ist, und zehrt noch heute von diesem in Stein gehauenen Glück. Trotz der hohen Eintrittspreise sind alle mit ihrer Entscheidung, hierher gekommen zu sein, offensichtlich einverstanden. Aus den aufzuschnappenden Bemerkungen wird der Stolz deutlich, der die Besucher angesichts dieser monumentalen Pracht erfüllt. Ich bin ein Deutscher! Ich bin vom Kaiser persönlich angesprochen worden an diesem frühen Ostersonntagnachmittag.

Das Volk. Das deutsche Volk. Es hat sich aufgemacht zur massenhaften Einkehr. Unterhalb des Kyffhäusers lockt eine Walhalla des Essens, Trinkens und des bürgerlichen Frohsinns, Biker wie Bustouristen, Naturfreunde und Wanderer. Alle haben sich versammelt zu Schweineschnitzel in vielen Variationen, Wildgulasch und Forelle. Auge, Magen und Gemüt schmausen, stärken die Vorfreude auf das kommende Erleben. Es ist dem Ordnungssinn der Kellner und dem Geschäftssinn der Gaststättenleitung zu danken, dass alles in wohl- geordneten Bahnen verläuft und so die Zufriedenheit erhalten bleibt. Durch den Einwurf von Glückssteinen in einen Brunnen ist es möglich, Kaiser Barbarossa in der Tiefe seiner Höhle anzurufen. Kinderspielplätze und Erlebnisbereiche schaffen Parallelerfahrungen von nachhaltigem Erinnerungswert.

Sinnend stehe ich noch vor Kaiser und Barbarossa und werde mir des Opfers bewusst, welches die beiden erbringen mussten, um dem deutschen Volk einen österlichen Anschauungsfrieden zu verschaffen. Ich schaue in die Gesichter, die mit mir hochblicken zum Reiter, beobachte eine ältere Frau, die ihre Handtasche über den Kopf hält, um die Sichtweise trotz Sonneneinstrahlung zu verbessern, und ein Kind, welches dabei ist, sich mit dem Ärmel der Jacke das Eis aus Mund und Nase zu wischen. Seht her, ihr Kaiser und Könige. Euer Volk ist gekommen, um eure Herrlichkeit zu bewundern. Während schon die Bikermotoren aufheulen, bin auch ich aufgebrochen, um über gut ausgeschilderte Wege wieder diese Monumentenstätte zu verlassen. Die eben noch unterscheidbaren Geräusche von Lachen, Schreien und Hupen werden allmählich gedämpft durch die Geschäftigkeit des Waldes, während ich ins Tal stürze.

Auf welcher Seite stehe ich? Ein Gefühl sagt mir, dass nicht das Volk die Schuld an dieser Banalität trägt, sondern die mit den Insignien der Macht ausgestatteten Helden. Ihnen hat man den schwarzen Peter zugeschoben. In ihrem steinernen Glanz sonnt man sich nun, um dem Volk stellvertretend ein Beispiel zu geben, wie die eigenen Möglichkeiten, die niemals genutzt werden, beschaffen sein könnten. Aber diese Zufriedenheit. Womit kann ich sie erklären? Reicht es, Andere dafür zu bewundern, was sie für Deutschland erledigt haben? Sind unsere Kaiser und Könige etwa Vorbilder? Wie sollten sie es denn sein, wo wir sie doch abgeschafft haben. Sie sind Teil des deutschen Geschichts- und Sagenschatzes. Sie haben keinen Einfluss mehr! Und doch sind wir stolz auf sie. Es muss eine außergewöhnliche Verbindung bestehen zwischen uns und denen, die wir erledigt haben. Hitler zum Beispiel. Natürlich distanzieren wir uns von ihm, aber er ist harmlos gegenwärtig in Witzen und Betrachtungen zu seinen Malkünsten und kriegerischen Fähigkeiten. In unseren Museen hat alles Platz. Wir archivieren das Banale und den Schrecken, schaffen Holocaustdenkmale und zapfen flott daneben bayerisches Bier. Das wirkliche deutsche Denkmal ist die Fähigkeit des Deutschen, mit sich selbst einverstanden zu sein im Anspruch und der Verweigerungshandlung gleichermaßen. Hier stehe ich und kann nicht anders. Der trotzige Reformatorenspruch bedeutet dem Deutschen das Eingeständnis, nicht bewegungsfähig zu sein. Er beansprucht die eigene Sicherheit von der Wiege bis zur Bahre und gibt Anderen nur dann, wenn es ihm einen Vorteil verschafft. Mir scheint, der lebendige Deutsche unterscheidet sich wenig von dem in Stein gemeißelten Monument.

In dieser Ähnlichkeit sind sie sich vertraut, deshalb die Freude und der Frohsinn an diesem schönen Osterspaziergangsnachmittag.

Als ich Tilleda erreiche, schäme ich mich wegen meiner abgründig bösen Gedanken und wechsle ein paar nette Worte mit dem Wirt, der mir einen klaren Apfelschnaps einschenkt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehr davon gibt es im nächsten Beitrag …