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Begegnung

Schau, da läuft er also auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ihr Mann. Wo er denn hin will? Sie versucht, ihn auf sich aufmerksam zu machen. Er eilt aber vorwärts, ohne sie zu bemerken. Rufen ist zwecklos. Er würde sie weder hören, noch verstehen, der Straßenlärm übertönt jede Stimme.

An der nächsten, mit einer Ampelanlage versehenen Kreuzung, ergibt sich dann doch eine Chance zur Kontaktaufnahme. Er kreuzt die Straße in ihre Richtung, während sie ihm hurtig entgegengeht, aber auf der Straßenmitte anhält: es ist doch nicht ihr Mann, aber sie kennt diese Person ganz genau! Sie bricht ihre Straßenquerung ab, kehrt um und folgt diesem nur scheinbar Fremden, um sich seiner Identität zu vergewissern. Nachdem sie ihn eingeholt hat, spricht sie ihn an: „Verzeihen Sie, ich kenne Sie, Sie sind doch ein Arbeitskollege meines Mannes“. Dieser sagt „aha“, was sie dazu bringt, ihm genauer zu erklären, für wen sie ihn halte. Dabei macht die Person keine Anstalten weiterzugehen, bleibt einfach stehen und wirft in ihre Ausführungen nur ab und zu ein „aha“ ein. Nachdem sie ihn ausführlich belehrt hat, wer er sei, verabschieden sie sich beide voneinander und gehen ihrer Wege. Als sie abends ihren Mann von dem Ereignis berichtet, sagt dieser „aha“, schaut weiter fern und isst den wirklich köstlichen Borschtsch, den sie ihm bereitet hat. Damit ist das Vorkommnis eigentlich abgearbeitet. Allerdings noch nicht ganz.

Am Wochenende fahren sie – wie oft – auf ihre Datsche. Sie ist verblüfft. Ihr Nachbar ist offensichtlich der Mann, den sie zunächst für ihren Mann gehalten hatte, aber eigentlich ein Arbeitskollege ihres Mannes hätte sein sollen. Da ist sie sich weiterhin sehr sicher. Als sie aneinander vorbeigehen, grüßen sie sich, mehr haben sie nicht zu sagen.

Wo ist denn hier die Pointe? Geht es um ein Missverständnis oder darum, dass wir sehen, was wir sehen sollen oder sehen wollen? In unserem Beispiel geht es um eine private Verwechslung, im politischen Leben aber etwa um Täuschung oder Selbsttäuschung mit einschneidenden Folgen. Für wen halten wir den, der uns begegnet? Halten wir an seiner ihm zugedachten Identität fest, und zwar auch dann, wenn wir es bereits besser wissen, wer er ist? Es sind zwar meist Vorkommnisse aus unserem Alltagsleben, die dazu beitragen könnten, mit unseren Mutmaßungen vorsichtiger umzugehen, aber auch nur dann, wenn wir zu Erkenntnissen bereit sind.   

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski