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Menschsein

Ein Kind wird geboren. Anschließend wird es von Menschen, die auch Kinder waren ans Kreuz genagelt. Menschen, die Kinder waren, foltern, morden, betrügen, verfolgen andere Menschen, die ebenfalls einmal Kinder waren. Sind bereits die Kinder böse, ihre Gene oder Geburt und Kindheit so traumatisiert, dass sie zwangsläufig nur durch rücksichtslose Vorteilssuche auf Kosten anderer ihre Verluste kompensieren können? Nichts scheint zu bleiben von einer unschuldigen Geburt, einer geborgenen Kindheit und Lebensfreude. Das Menschsein als Kampf und Behauptung, Anerkennung und Vorteil.

Schaut man auf uns Menschen, könnte man den Eindruck gewinnen, man schaffe nur die eigene Wehrhaftigkeit auf Kosten anderer, den armseligen Erfolg, der das Leben sichert. Da stellt sich natürlich die Frage nach dem Leben wozu? Die Sinnfrage des Lebens kann nicht nur philosophisch, esoterisch oder religiös gestellt und beantwortet werden. Konkret stellt sich die Frage nach dem Leben durch Überprüfung des täglichen Handelns. Tägliches Handeln bedeutet hier, was wir unserem Kind geben, dass es sich persönlich und gemeinschaftlich so entwickeln kann, dass es einen Nutzen für unsere Gesellschaft darstellt. Die gleiche Frage nach dem Nutzen unseres Handelns müssen wir uns als erwachsene Menschen dann immer wieder selbst stellen.

Unser Menschsein kann sich nicht erschöpfen in einem Verhalten, das darauf angelegt ist, uns Vorteile zu sichern. Nur der Gebende ist gerecht. Das ist keine Gutmenschenplattitüde, sondern das Wissen darum, dass alles, was wir machen, von Menschen für Menschen gemacht wird. Darum geht es und nicht um absonderliche Selbstanerkennung und Bestätigung. Klar ist, dass nur der, der sich selbst annehmen kann, auch bereit ist, andere anzunehmen. Auch der Prozess des sich Annehmens ist keine Selbstschau auf die eigene Befindlichkeit, sondern eine Herausforderung, die durch die Menschwerdung entsteht.

Wir leben nicht, um möglichst viel Geld zu horten, zumal dies mit Ver-dienen schon deshalb nichts zu tun hat, weil kein Dienst an der Gemeinschaft damit verbunden ist. Es geht nicht darum, der Reichste, Schönste oder Klügste zu sein, sondern Erfahrungen zu sammeln mit anderen Menschen, die der Gemeinschaft erlauben, sich weiter zu entwickeln. Um dies zu gewährleisten, müssen auch die Bedingungen dafür stets erhalten und verbessert werden, sei es in der Natur, den Produktionsabläufen, im Dienstleistungsbereich, der sozialen Kontrolle und wo auch immer dies erforderlich ist. Viele halten sich nicht daran und verraten damit ihr eigenes Menschsein.

All diejenigen, die auf Kosten anderer leben und diese dadurch verachten, haben ihr Menschsein aufgegeben und sind lediglich Schatten eines eigentlichen Lebens. Eine Menschheit, die sich ihrer integren Verfasstheit selbst bewusst ist, könnte ihnen ihre Grenzüberschreitungen vorhalten und ihm Gelegenheit geben zu erkennen, dass sie letztlich nichts anderes sind, als Menschen und dies als Programm der Selbstbescheidung begreifen müssten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das Leben ist schön

Der bemerkenswerte Titel des Filmes von Roberto Benigni erinnert uns daran, das Leben trotz aller widriger Umstände mutvoll anzunehmen und uns dadurch zu bewähren. Das ist schnell gesagt, aber schwer getan. Vieles stinkt uns, wir sind genervt vom Wetter, dem Verkehr oder unseren Nachbarn. Wir haben zu wenig Geld, fühlen uns krank, übergangen, überhaupt schlecht behandelt. Die Liste der Befindlichkeiten, zu denen wir fähig sind, ist kaum zu erstellen.

Die meisten Befindlichkeiten sind dabei negativ besetzt. Es geht uns schlecht und das Leben ist überhaupt nicht schön. Wenn das alles so ist, warum leben wir dann und wie leben wir? Wir leben, weil wir geboren wurden. Wir haben uns das nicht ausgesucht. Auch wenn wir heute missmutig sind, so haben sich doch in den allermeisten Fällen bei unserer Geburt unsere Eltern über uns gefreut. Wir haben uns auch gefreut zu leben und dies durch alle zutraulichen Aktivitäten bei Aufnahme der Muttermilch bis zum Nachplappern des Gehörten zum Ausdruck gebracht.

Unsere Kindheit war meist schön, es sei denn, wir wurden systematisch unterdrückt und schlecht behandelt. Was hat dazu geführt, dass wir den Glauben an das Schöne am Leben auf der Strecke lassen? Die äußeren Umstände sind dies zwar auch, vor allem aber unsere eigene Ein­stellung, die routiniert schlechte Vorkommnisse addiert, die guten aber wie selbstverständlich aussondert. Wir sind auf das Unschöne fixiert. Missmut und Kritik kommt uns leicht über die Lippen, weniger aber Anerkennung und freudvolle Zustimmung.

Damit uns das Leben aber nicht nur zeigt, was es versagen kann, ist es erforderlich, dass wir es willkommen heißen, seine Schönheit behaupten, um dann den Beweis als Belohnung für unsere Zuversicht zu erfahren.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski