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Tyrannis

Einmal unterstellt, jeder Leser kennt die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern. Er ist nackt, aber der Schneider hat ihm eingeredet, die feinste Kleidung zu tragen, so dass er das nicht nur selbst glaubte, sondern seine Vorstellung, angezogen zu sein, auch als Gebot verkündete, damit auch keiner daran zu zweifeln gedenke. Wer es dennoch tat, musste mit schlimmsten Konsequenzen rechnen. Was hat diese Geschichte mit uns zu tun?

Alles. Jeder von uns Menschen ist nackt und bloß, ob Arbeiter, Handwerker, Intellektueller, Politiker oder Künstler. Der Unterschied ist nur, ob wir uns zu unserer Nacktheit bekennen oder behaupten, bekleidet zu sein und andere dazu zwingen, dies ebenso zu sehen. Gemeint ist natürlich nicht die Nacktheit im tatsächlichen Sinne, sondern metaphorisch. Um unsere Nacktheit zu verbergen, hängen wir uns Mäntel um, von denen wir behaupten, sie seien Schutzpanzer. Ihre Beschaffenheit ist jedoch das Gefühl von Angst, Trostlosigkeit, Unruhe, Allmachtsfantasien, Kleinmut und Überlegenheit.

Der Zuschnitt der Mäntel geht mit der Mode, aber was immer wir anziehen, wir versuchen nur, unsere Blöße zu bedecken. Natürlich wird kein gewiefter Politiker, Autokrat oder Schurke sich zu seiner Nacktheit bekennen, aber es bedarf nur des spontanen Ausrufs eines Kindes: „Mensch, du bist aber nackt!“ und schon wird alles ganz klar. Er ist wie ich, deshalb müssen wir uns nicht fürchten. Wir sind der Tyrannei unserer Vorstellung entronnen, also frei.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski