Schlagwort-Archive: Körperlichkeit

Urteil

Wir sind, wer wir sind. Doch, wer sind wir? Was wissen wir von uns, unserer Körperlichkeit, unserer Abhängigkeit von Essen und Schlafen, unseren Vorbehalten, Ängsten, unserem Fortpflanzungs- und Lebensverwirklichungswillen?

Wir wissen nur so viel davon, wie uns der Spiegel, in den wir schauen, davon verrät. Es sind reale Spiegel, aber auch Kommunikationsspiegel mit anderen Menschen, Medienspiegel und Selbstbetrachtungen. Zu welchen Erkenntnissen über uns selbst führt dies? Vermutlich zu solchen, die uns entlasten. Vorurteile schreiben wir uns nicht selbst zu, sondern bezeichnen sie als Einschätzungen, die auf einem fremden, ggf. auch besorgniserregenden Verhalten anderer beruhen. Wir sind nach unserer Einschätzung nicht krank, weil wir uns selbst durch unsere Ernährungsweise und durch Genussmittel gefährdet haben, sondern es ist stets eine Kombination zwischen Umwelt und Verführung, die uns krankmacht.

Den Stress, dem wir uns ausgesetzt sehen, haben wir nicht selbst verschuldet, sondern Andere stressen, ob Arbeitgeber oder Kinder. Bei der Beurteilung des Verhaltens anderer Menschen erkennen wir oft viel deutlicher, was sie in Gefahr bringt, anstatt bei uns selbst nachzuforschen. Das Maß der „Selbstoptimierung“, das wir an uns vollziehen, bekritteln wir bei anderen Menschen als anmaßend und egozentrisch. Wir haben aufgehört, unsere Verhaltensweise in Frage zu stellen, sei es bei der Arbeit, beim Konsum oder in der Freizeit.

Das Normative unserer üblichen Tätigkeit enthebt uns von der Betrachtung deren Sinns. Für alles, was den Menschen in seinem sozialen Verhalten im weitesten Sinne während seines Lebens ausmacht, gibt es inzwischen Muster. Es sind die Kindheitsmuster, die Bildungsmuster, die Erwerbsmuster, die Konsummuster, das Seniorenmuster, das Burnout-Muster, das Pflegemuster und alle Muster der Krankheiten.

Ein durchgemustertes Menschenleben lässt wenig Raum für Fehler, Umwege, Muße und andere Formen der Nutzung der Lebenszeit. Bezeichnenderweise bezeichnen wir jede Normabweichung als Verschwendung. Der Mensch definiert sich gemäß seinem Verhalten. Begreift er, dass alles von Menschen für Menschen gemacht wird, könnte er das Maß seiner Beurteilung anderer Menschen verändern und damit auch selbst mehr Freiheit bei der kritischen Selbstbetrachtung erlangen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Realität

Realität ist der Inbegriff in jedem Augenblick erfahrbarer Körperlichkeit im weitesten Sinne. Realität im subjektiven Sinne ist die geistige, seelische und emotionale Fixierung eines Zustandes, auch wenn er objektiv nicht existent ist. Die Realität im objektiven Sinne ist ein Zustand, der der subjektiven Betrachtung zum Opfer fallen kann. Die zwei Realitäten des Menschen sind demnach Fixierungen, deren Kongruenz infrage steht. Wie beim Schielen laufen die Bilder der Realität auseinander und werden doch in der zentralen Wahrnehmung als eins begriffen. Die Botschaft der Realität wird aus dem Empfängerhorizont mit unserem Anspruch an die Realität abgeglichen und das beseitigt alles, was uns aufgrund von eigener Erfahrung, Einstellung und Erwartung als ungeeignet, überflüssig oder unpassend erscheint. Dies geschieht in einem Prozess ständiger Überprüfung mit anderen veröffentlichten Realitäten, die auch ihre Botschaften zur Abgleichung schicken. Jeder molekulare Entstehungs- und Zerfallsprozess gestaltet auch die Realität immer wieder neu. Realität hat zwar kein Gedächtnis, folgt aber der Zwangsläufigkeit des zeitlichen Maßes von „Stirb und Werde“. So vermeidet es die Realität, von ihren Schöpfern selbst infrage gestellt zu werden. Die grundlegende Bereitschaft, die Realität anzunehmen, ist eine der Prämissen unserer Existenz. Kündigten wir die Realität als fragwürdig auf, stellten wir unsere Körperlichkeit infrage und negierten deren Sinneswahrnehmungen. Vor unseren Augen würde die Welt zerfallen. Die Verabredungen von Zeit und Raum verlören ihre Gültigkeit.

Trotz unseres Einverständnisses mit der Realität kennen wir ihr Alter Ego: die Illusion. Die Illusion ist die abgelegte Realität. Sie ist verwahrt und vermag doch jederzeit Platz zu nehmen am Tisch der Realität. Die Illusion ist wie die Realität konkret erfasstes Anderes, welches gegebenenfalls noch eine Chance erhält.

Realität und Virtualität ähneln sich. Sie unterscheiden sich nur in der Verabredung, das eine als konkret, das andere als außerhalb des körperlich Greifbaren liegend anzunehmen. Durch Umlegen des Schalters lassen sich die Pole anders ausrichten und aus Virtualität wird Realität. So ist eine parallele Welt auch kein Wahn, sondern existiert ständig in uns. Wie die Realität geht sie uns alle an und ist gleichermaßen vernetzt. In dieser parallelen Welt ist alles in gleicher Weise vorhanden. Beide Welten stehen im Dialog, beschicken sich mit Informationen, Bildern und Eindrücken. Auch so sind Korrekturen möglich, wenn die Realität aus dem Ruder läuft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Alter (Teil 1)

Das Klischee vom alternden Menschen hält einer Überprüfung nicht stand. Er ist anders, als wir uns ihn vorstellen wollen. Wir wissen nichts von ihm. Wir sind sogar bereit, ihn lächerlich zu machen, weil wir ihn nicht einschüchtern können. Er lässt es zu, weil ihm der Spott der jüngeren Menschen gleichgültig ist.

Der ältere Mensch will aber nicht 20 oder 30 sein. Er sehnt sich keineswegs in die Rolle eines Teenagers zurück, sondern will allenfalls dann noch den Körper eines 20-Jährigen, wenn er die Fähigkeit seines Alters besser ausleben möchte. Im Gegensatz zur Ansicht jüngerer Menschen hat der ältere Mensch noch Potenzial. Sein Potenzial liegt in der Lebenserfahrung, in der Souveränität im Umgang mit Regeln und deren Durchbrechung. Die Souveränität des älteren Menschen liegt vor allem in dessen Unverwundbarkeit. Als Tschernobyl über uns alle hereinbrach, ging mein Vater unbekümmert in seinen Garten und erklärte der staunenden Familie, dass ihm der Atomregen nichts antun könne. Er hatte Recht, und wir wissen es. Das Kalkül des älteren Menschen ist seine Endlichkeit. Das Kalkül des jungen Menschen ist seine Unendlichkeit, die er täglich verteidigen muss. Das macht den jungen Menschen unfrei und oft genusslos. Der ältere Mensch begibt sich in keine Konkurrenzsituation. Er genießt meist. Der ältere Mensch genießt jeden Tag die Wärme, die Kälte, seinen Hunger, seinen Durst und seine Fähigkeit zu sehen, zu hören, zu riechen. Er hat Zeit, er ist gebildet, er hat möglicherweise Geld aber vor allem Freude. Freude am Lernen, Freude am Arbeiten, Freude an seinen Enkelkindern. Dagegen plagen sich seine Kinder in den besten Jahren mit ihren Kindern, also seinen Enkelkindern, sind im ständigen Kampf zwischen Erwerbssucht und Vergnügen gefangen. Sollte der ältere Mensch nicht denjenigen, die so durch ihre Zeit rasen, Einhalt gebieten, auffordern auszusteigen aus ihrem lauten Gefährt? Er könnte es, muss es aber nicht. Der ältere Mensch wäre nicht weise, wenn er der Jugend ihre Jugend nicht ließe, denn wenn die Jugend schon nach dem Alter strebte und so sein wollte wie er, bliebe dem Alter nichts Besonderes mehr.

Sex und Körperlichkeit. Dies reklamiert die Jugend für sich und vergisst dabei oft das Entscheidende: Erotik! Die Fantasie des älteren Menschen ist weit ausgeprägter als diejenige der Jugend. Die Jugend will tun. Sie will machen. Sie will erleben. Sie will Luft ablassen. Sie will fahren, springen, rennen. Im Kopf und in der Seele des älteren Menschen ist eine Bilderwelt, ein Kosmos von Blicken, Empfindungen, Gedanken und Erfahrungen. Düfte und Geschmäcker haben sich verwoben in einem gelassenen Augenblick der Lust. In fast jedem Au- genblick empfindet der ältere Mensch Lust. Lust am Leben. Lust am Sex. Lust an der Beobachtung. Lust an der Arbeit. Lust an der Bildung. Lust am Wissen. Alles ist Lust.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski