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Das Böse lehren lernen

Denkmäler werden geschliffen. Nicht nur diejenigen von bekannten Sklavenhändlern, sondern auch von geschichtlichen Wegweisern wie Christoph Columbus. Nach Auffassung einiger Menschen kann deren Verhalten nicht gerechtfertigt werden, weil sie für Sklaverei, Menschenhandel, Diskriminierung anderer Menschen und Kolonialismus verantwortlich seien.

Ziel der Kampagne ist es aufzuzeigen, dass unsere Menschheitsgeschichte auch immer eine schreckliche, andere diskriminierende und verachtende Geschichte gewesen ist. Unter Benennung aller Einzelheiten, persönlichen und kollektiven Fehlverhaltens verbiete es sich, dieses Verhalten geschichtlich zu relativieren, in dem man den Vorgang nur in seiner Zeit und aus seinen Umständen heraus betrachtet. Vielmehr sei alles, was geschehen ist und Menschen sich wechselseitig angetan haben, höchst gegenwärtig und werden durch Verhaltensweisen und ggf. auch Denkmäler bezeugt. Deshalb müssten diese weichen und diejenigen, die entwicklungsgeschichtlich eher den Tätern zuzurechnen seien, sich in Buße üben. Buße bedeute dabei, sich der Rolle zu vergegenwärtigen, die die heutigen Menschen damals gespielt haben könnten, wären sie am Leben gewesen.

Keineswegs könnten aber heutige Menschen, die sich im Wahrnehmungskreis der Täter befänden, eine Opferdeutungsrolle übernehmen, ganz gleich, ob dies im geschichtlichen Kontext oder im Zusammenhang mit denjenigen stehe, die heute noch das Stigma des Opfers tragen müssten. Zwischen Opfer und Täter, ob geschichtlich oder gegenwärtig, gibt es so nur einen angestrengten Weg der Verständigung, nur über Buße und Nachsicht. Dabei gäbe es einen Weg, gemeinsam zu lernen und das Böse, das Menschen anderen angetan haben und immer wieder antun, als Lehrmeister auszubilden für das eigene Verhalten und daraus die Kraft des Verstehens, der Überwindung und der Vergebung zu schöpfen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Denk – Mal

Straßennamen und Denkmale kommen immer wieder ins Gerede, insbesondere dann, wenn sie Namen aufweisen oder Personen darstellen, die fragwürdig geworden sind. Da politische und gesellschaftliche Anschauungen sich verändern, ist dieser Prozess verständlich und leicht nachvollziehbar. Kolonialismus ist kein Ruhmesblatt mehr und mit Militaristen sowie Revanchisten haben wir abgeschlossen. Gleiches gilt für Rassisten, Frauenfeinde, Sexisten und was es noch so gibt.

Andererseits gibt es immer wieder neue auch positive Helden, deren Gegenwart wir uns selbst dann versichern wollen, wenn sie tot sind. Sie schmücken Straßennamen und zu ihren Ehren werden Denkmale errichtet. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass sie dereinst ebenfalls in Ungnade fallen, Name und Statue getilgt werden sollen. Sind Denkmale damit Zeiterscheinungen?

Ich denke nein. Denkmale haben aus meiner Sicht eine ganz andere Bedeutung als ich aufgrund des öffentlichen Diskurses wahrnehme. Für mich sind Denkmale Reibungsflächen, ob dies das Holocaustdenkmal ist oder eine Leninstatue. Ein General Lüderitz im afrikanischen Viertel bringt mich zum Nachdenken über den Schrecken der kolonialen Herrschaft. Verschwinden Name und Denkmal, so schwindet auch die Erinnerung. Und genau das halte ich für gefährlich.

Wir schaffen nicht nur gute Erinnerungen, sondern killen auch das, was uns dazu bringen könnte, sorgfältig, nachdenklich und kritisch mit unserem historischen Erbe umzugehen. Wenn wir alles weichgespült haben, sind wir zwar unwissend, aber unschuldig keineswegs, denn wir tragen die Schuld des Vergessens mit uns herum. Ein Denkmal sollte gerade aber die Aufgabe haben, uns stets herauszufordern, uns zu zwingen, uns mit Menschen und Ereignissen auseinanderzusetzen und zu entscheiden, wo wir heute stehen.

Es ist unverantwortlich, dass uns zunehmend diese Möglichkeit des Denkens entzogen wird. Ich wage den Vergleich mit der Bücherverbrennung. Wenn uns das historische Gedächtnis abgeschafft wird, vernichten wir unsere gute und fragwürdige Kultur gleichermaßen und steuern in eine Zukunft, in der es keine Leitplanken des Denkens mehr gibt. Wenn große Teile der deutschen Geschichte tabuisiert werden, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis „rechtschaffende“ Menschen dafür plädieren, das Holocaustdenkmal in Berlin Mitte ebenfalls zu schleifen. In unserer ständigen selbstverliebten Bespiegelung zeitgeistigen Korrektseinwollens vergessen wir, wie anfällig wir für Verführungen sind.

Wir schulden uns selbst und unseren Kindern und Enkelkindern Denkmäler. Deshalb sollten sie bleiben, auch dann und gerade dann, wenn sie problematisch sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski