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Erwartungshaltung

Do ut des: Gib, dann wird dir gegeben. Erwartungshaltung? Ich gebe und erwarte dann, dass mir gegeben wird. Und wenn dies nicht geschieht? Wie verhalte ich mich dann? Wie verhält es sich überhaupt mit Vorleistungen? Führen sie erwartbar zur erwünschten Kompensation des eigenen Einsatzes? Erwartungshaltungen gründen sich auf Ausgleichserfahrungen, und zwar, dass Unwuchten zumindest auf Dauer keinen Bestand haben.

Wenn aber diese Erfahrungen durch Prognosen widerlegt werden? Ein trauriges Beispiel der Gegenwart: Wir könnten die Erwartung haben, dass Russland, wenn die Ukraine diesem Land die Krim oder sogar den Donbass auf Dauer abtritt, in einen Friedensschluss einwilligt, also den Krieg beendet. Dies könnte unsere Erwartungshaltung sein, ist sie aber begründet? Stimmt es denn tatsächlich, dass, wenn ich gebe, mir gegeben wird? Diese Hoffnung ist zwar prinzipiell berechtigt und insofern dieser Wunsch nachvollziehbar, aber die von Menschen gestaltete Wirklichkeit bestätigt die Erfüllung dieses Wunsches nicht.

Bei kriegerischen Auseinandersetzungen über Gebiete und Menschen verhält es sich wie in der Wirtschaft, zwischen Staaten oder überhaupt im menschlichen Zusammenleben an sich. Einem Ausgleich wird nur dann zugestimmt, wenn der anderen Partei nichts mehr anderes übrigbleibt oder der Ausgleich weniger als die Gegenleistung erfordert.

Nur Macht, Vorteilsgewährung und weitere prägende Umstände, wie Katastrophen, Hungersnöte und unvermeidbare rechtliche Einhegungen von Sachverhalten können zumindest auf Zeit dafür sorgen, dass Ausgleichsleistungen erwartbar werden. Wer in der Hoffnung gibt, dafür kompensiert zu werden, wird enttäuscht. Wer ohne Erwartungshaltung gibt, weil er das Geben als gerecht empfindet, zeigt unerwartet Haltung, schafft Nachdenklichkeit und könnte sogar belohnt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vertraut sein

Wem kann ich vertrauen? Von dieser Frage hängt im Leben aller Menschen viel ab. Die gesamte Werbung ist auf Vertrauen aufgebaut und auch unser persönliches Werben um andere Menschen, die uns nahe sind oder uns näher kommen sollen. Oft bleibt uns Menschen nichts anderes übrig, als zu vertrauen, denn Vertrauen schafft zumindest Hoffnung.

Es gibt Momente, die das Vertrauen rechtfertigen, aber rechtsverbindlich wird es dadurch nicht. Vertrauen beruht nicht auf Anspruch, sondern auf Gewährung und setzt darauf, dass derjenige, der Vertrauen begehrt, souverän im Interesse des Vertrauenden handelt. Er muss großzügig, aufklärend und verantwortungsbewusst damit umgehen können.

Trotz des sorgsamen Umgangs mit gewährtem Vertrauen, muss der Vertrauensnehmer einkalkulieren, dass das in ihn gesetzte Vertrauen objektiv nicht gerechtfertigt war. Dann muss er nach Lösungen suchen, um dem Vertrauenden Genugtuung ggf. Kompensation und Ersatz zu verschaffen.

Was in wirtschaftlichen Funktionszusammenhängen Erfolg haben mag, scheitert meist in persönlichen Beziehungen. Eine gestörte Vertrautheit, die auf Verabredungen beruht, ist nicht kompensierbar. Eine letztgültige Vertraulichkeit zwischen Menschen scheitert schon an ihrer Behauptung. Nähe beruht auf Souveränität und Achtsamkeit. Durch Nähe wird das Maß an Fremdheit bestimmt. Je detaillierter diese erarbeitet wird, desto geringer wird die Fremdheit und rechtfertigt Vertrauen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

WEGFINDUNG (Teil 2)

Der Markt bestimmt, welchen Wert er einem Produkt zubilligt, um die Nachfrage zu stimulieren, es verkaufsfähig zu machen und es für die Befriedigung der Verbraucherwünsche einzusetzen. Nichts anderes geschieht im philanthropischen Bereich, nur dass die Ware in der Regel nichts Gegenständliches sein muss, sondern eine besondere Form der Dienstleistung mit anderen signifikanten Merkmalen darstellen kann. Diese Ausstattungsmerkmale der Dienstleistung können unter den Merkwörtern Integrität, Vertrauensbildung, Selbstlosigkeit und Effizienz zusammengefasst werden. In ihrem Wertmaßstab unterscheiden sich philanthropische Produkte zwar einerseits von Dienstleistungsprodukten, die nur darauf gerichtet sind, eine finanzielle Gegenleistung zu provozieren, sie erweitern aber   andererseits   sozusagen   als   Leitidee   auch   den   Bereich   der Durchsetzungsfähigkeit und der Wirksamkeit aller nicht primär philanthropischen Produkte auf dem Markt.

Kompensation, das heißt, das Wechseln von Geld ist eine Form der gesellschaftlichen Anerkennung für ein erwerbbares Produkt und verschafft demjenigen, der die finanzielle Anerkennung im Austauschprozess erfährt, einen Bedeutungszuwachs. Geld ist daher nicht das eigentliche Ziel aller unserer täglichen Bemühungen, sondern es ist das Mittel, um den entscheidenden Zweck zu erreichen, und zwar Freiheit, Unabhängigkeit und gesellschaftliche Anerkennung. Das sich selbst aufzehrende Geld würde keinerlei Bedeutungszuwachs für den handelnden Menschen mehr bieten. Im Dienstleistungsbereich, insbesondere im philanthropischen Dienstleistungsbereich, ist eine Form der Anerkennung vorgesehen, die demjenigen, der leistet, eine hohe gesellschaftlich relevante Bedeutung verschafft, ohne dass diese unmittelbar darauf beruht, dass der Leistende für die einzelne Dienstleistung auch stets eine finanzielle Kompensation verlangt bzw. erhält. Die Raffinesse des Vorgangs besteht vielmehr darin, dass nicht der eigentliche Akt des Gebens und Nehmens, sondern die Grundlage des Handelns selbst bereits eine maßgebliche gesellschaftliche Bewertung erfährt und das philanthropische Handeln nur die Konsequenz aus der zuvor bereits getroffenen Richtungsentscheidung des Handelnden ist.

Aus seiner eigenen Integrität heraus hat er sich dazu entschlossen, Verantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren. Die Stiftung, die gemeinnützige Gesellschaft oder der gemeinnützige Verein werden von ihm gegründet, die Mittel zur Verwirklichung des Zweckes eingeworben und auf der Grundlage bestehender Erträge, Spenden und Zuwendungen können seine Vorhaben umgesetzt werden. Der Handelnde vertraut das von ihm hergestellte philanthropische Produkt dem Markt an. Dabei werden Arbeitsplätze geschaffen, Dienstleistungen nachgefragter Art erledigt und insgesamt gesellschaftliche Prozesse gefördert, die in struktureller Weise einer industriellen Produktionsgesellschaft nicht nachstehen, sondern die gleichen Merkmale der Verschränkung von gesellschaftlichem Begehren und dessen Anerkennung aufweisen.

Diese Anforderungen hat die Philanthropie berücksichtigt. Sie spiegeln sich schon heute wider im Milliardenvermögen der Stiftungen, das sich nicht verzehrt, sondern im Gegenteil stetig anwächst, weitere Erträge schafft und die Handelnden in die Lage versetzt, immer selbstbewusster zu werden, das heißt den Herstellungsprozess und den Vertrieb des Produktes auf dem Markt permanent machtvoll zu steuern. Diejenigen, die bereits über große Vermögen verfügen und dieses in philanthropischen Unternehmen eingesetzt haben, erkennen ihre Chancen,   auf   diesem   neuen   Tätigkeitsfeld   zu   reüssieren,   dabei   das Alleinstellungsmoment in vielen Bereichen zu festigen und die philanthropische Nachfrage des Marktes auf manchen Feldern fast exklusiv zu bedienen. Dies wird sich allerdings bald ändern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski