Zuweilen nehme ich an Kongressen, Gesprächsrunden oder Seminaren teil. Die Meisten haben zeitliche Ausdehnungen von mehreren Stunden und Tagen. Nach Begrüßungen und Einführung in die jeweiligen Themenbereiche kommen dann mehrere Referenten zu Wort. Üblicherweise nennt man dies dann Podiumsdiskussionen.
Zu Veranstaltungen, bei denen ein bestimmter zeitlicher Rahmen nicht vorgegeben ist, gehe ich überhaupt nicht mehr. Aber selbst dann, wenn ein solcher Rahmen besteht, ist er oft nur Anhaltspunkt für die Länge einer Veranstaltung, scheint aber die Agierenden selbst nicht zu binden. Bei Veranstaltungen, die den selbst gesetzten Rahmen um mehr als 20 Minuten überziehen, verschwinde ich. Selbst der verlockende Hinweis, dass es anschließend noch Fingerfood gäbe, kann mich davon nicht abhalten. Mir ist keine Veranstaltung bekannt, bei der es darum geht, eher die Einschätzung des Publikums zu erfahren, als sich selbst möglichst ausufernd zu präsentieren.
Das Publikum ist natürlich wichtig, denn ohne das Publikum gäbe es diese Veranstaltungen nicht. Wenn die Referenten zu Beginn ihres Vortrages erklären, sich zu beschränken und das Thema eingekreist zu haben, dabei sogar ihre Armbanduhr auf das Pult legen, kann der Zuhörer davon überzeugt sein, dass selbst vorgegebene Zeitrahmen nicht eingehalten werden.
Bei vielen Referaten herrscht der Vollständigkeitswahn. Möglichst viele Detailinformationen werden in den Vortrag gepackt und den Zuhörern auferlegt. Dabei wird übersehen, dass auch ein umfassender Vortrag nicht beglaubigt, dass tatsächlich viel inhaltlich gesagt wird. Das inhaltliche Sagen korrespondiert mit dem Verständnis der Zuhörer, die oft mit der Fülle der Details überhaupt nichts anfangen können. Nach geraumer Zeit erlahmt ohnehin die Möglichkeit des kohärenten Zuhörens, d. h. einzelne bekannte Erinnerungsmomente strukturieren den gesamten Vortrag aus Sicht des Zuhörers.
Ich bin überzeugt, dass nach einem mehrstündigen Kongressgeschehen kein Kongressteilnehmer mehr genau weiß, was er gehört hat. Er könnte zwar nachlesen, aber das ist mühsam. Zudem gibt es die nächste und übernächste Veranstaltung und irgendwann bleibt nur noch die Reminiszenz an das vernommene Wort.
Von besonderer Heimtücke sind Podiumsveranstaltungen unter der Führung eines medial erprobten Moderators. Er hat sich mit einem umfassenden Fragenkatalog auf diesen Moment vorbereitet und wird nicht aufhören, alle seine Fragen abzuarbeiten und dabei auch seine Wertung mit einfließen zu lassen. Da die meist vielzähligen Podiumsteilnehmer – man möchte ja auch keinen übersehen – nur themenweise auf die Podiumsdiskussion vorbereitet wurden, ergeben sich ihre Antworten situativ und improvisiert. Die meisten sind davon überzeugt, dass sie das Thema ohnehin völlig im Griff haben, denn sie wurden ja als Experten geladen.
Wenn der Moderator irgendwann eine bestimmte Unruhe im Zuhörerraum festgestellt hat, leitet er über zur Fragerunde, wobei die Zuhörer ermahnt werden, nur Fragen zu stellen und keine Co-Referate zu halten. Das gelingt nicht immer, aber schnell ist es auch wieder zu Ende mit der Publikumsbeteiligung, um anschließend noch weitere Schlussrunden auf dem Podium zu drehen. Zuletzt fasst der Moderator noch einmal zusammen, was thematisch vorgegeben war. Eine Kakofonie von Wiederholungen, Meinungen und längst bekannten Umständen klärt nicht auf, sondern verhindern Erkenntnisse.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski