Schlagwort-Archive: Konstrukt

Gravierender Kategorienfehler (Leserbrief an die „ZEIT“)

Leider begeht auch die ZEIT im zweiten Teil ihrer Serie zur Intelligenz den gravierenden Kategorienfehler, den erblichen Anteil an der Intelligenz bildhaft zu vergleichen mit erblichen Anteilen beispielsweise der Körpergröße.
Während die Körpergröße objektiv messbar zum Gegenstandsbereich der physikalischen Welt gehört, ist die Intelligenz ein Konstrukt auf der Wirklichkeitsebene der Phänomene, die überhaupt nicht vergleichbar wären mit denen der physikalischen Welt: Dieser Kategorienfehler ist noch gravierender als der, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, gehörten diese doch wenigstens noch derselben Wirklichkeitsebene an! Ein Konstrukt selbst kann man nicht objektiv wahrnehmen, ein Konstrukt ist ja letztlich die generalisierende Schlussfolgerung aus einzelnen beobachtbaren Datensätzen: So mag man objektiv beobachten, ob jemand ein Problem löst oder Aufgabenstellungen aus diversen Bereichen bewältigt; sodann kann man plausibel und stringent ableiten, dass diese einzelnen beobachtbaren Daten auf einem eventuell übergeordneten Faktor basieren, den man hier allgemeine Intelligenz nennen mag. Das wäre dann ein Konstrukt, das selber aber eben nicht empirisch nachweisbar wäre, lediglich ein allgemein über Kommunikation und Verabredung anerkannter Baustein eines theoretischen Modells darstellte. Nachweisbar wären bestenfalls die verbredeten Operationalisierungen eines Konstrukts, nicht aber das Konstrukt an und für sich.

Für Konstrukte kann es daher auch keinerlei Blaupausen aus dem Genom geben!

Mit „Intelligenz“ wird man also nicht geboren, auch nicht mit 50% davon- das wären unsinnige Aussagen. Man wird allerdings mit der Möglichkeit (!) geboren, problemlösendes Verhalten zu entwickeln, das man a posteriori als „intelligent“ bezeichnen mag – jedoch wissen wir ja: Das Zeichen ist nicht das Bezeichnete!

Außerdem möchte ich noch auf einen weit verbreiteten methodischen Irrtum hinweisen: Niemand, auch kein noch so renommierter Intelligenzforscher, hat je belegen können, wie stark der Einfluss der Gene an der Intelligenz eines Individuums sei. Auch die Behauptung, 50% der Intelligenz seien erblich determiniert – wie übrigens auch in der ansonsten lobenswerten ZEIT-Serie zum Thema Intelligenz geschehen (vgl. auch Abbildungssunterschriften) -, ist schlicht falsch. Richtig dagegen ist, dass es evidenzbasierte Wahrscheinlichkeitsaussagen, also Schätzungen gibt, die angeben, dass die Varianz (!) der Intelligenz zwischen untersuchten Gruppen (!) zu etwa 50% durch Gene erklärbar sei.
Das bedeutet auch, da man von keinem einzigen konkreten Menschen angeben kann, wie hoch der Anteil seiner Gene an der Höhe seines IQs sei, dass man auch durch die Ergebnisse der genetisch orientierten Intelligenzforschung nicht entlassen ist, Individuen möglichst effektiv zu fördern. Also können sich konservative Bildungspolitiker und -vermittler nur auf Pseudoargumenten ausruhen …

Dr. Reinhard Mario Fox