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Media Overflow

Sollte ich etwa behaupten, dass es ein mediales Überangebot gäbe, würden mir wahrscheinlich etliche Menschen zustimmen. Einmal unterstellt, dies wäre richtig, so kommt es dabei, so meine ich, weniger auf das vielfältige Medienangebot an sich an, sondern vielmehr auf dessen Wirkung im Empfängerbereich. Die Empfänger, das sind letztlich wir, als die Konsumer aller medialen Botschaften.

Und wer sind wir? Wir sind die Menschen, die hochbegabt und emsig die technischen Voraussetzungen geschaffen haben, die das hohe Medienangebot ermöglichen und uns dessen Konsum auch zur Verfügung stellen. Und genau da scheint mir auch ein Problem aufzutauchen. Es ist so mit dem Konsum jeglicher Ware: Irgendwann macht er uns satt, wir haben genug davon und erkranken sogar an ihr. All dies ist auch bei dem Konsum von Medienartikeln nicht ausgeschlossen. Deshalb gibt es zunehmend Warnhinweise und nicht nur solche, die sich an Kinder richten.

Aber, wo beginnt das schwer konsumierbare, also schwer verdaubare Angebot? Meines Erachtens bereits mit dem medialen Erstkontakt. Weshalb? Weil wir Menschen weder über die Speicher, noch über ausreichende Verarbeitungsfähigkeit verfügen, differenziert und ganzheitlich permanente Medienangebote abrufbar zu speichern und zu verarbeiten. Wir behelfen uns mit der flüchtigen Lektüre, dem Wegdrücken von Informationen und der Einschaltung von KI zu deren jederzeitiger Reproduktion. Damit versuchen wir, einen Teil unseres eigenen an sich erforderlichen medialen Verarbeitungsprozesses auszulagern, allerdings ohne dabei zu berücksichtigen, dass dies vielleicht nur dann möglich sein kann, wenn uns bei Bedarf das richtige Stichwort wieder einfällt oder irgendjemand oder irgendetwas uns sagt, wo wir welche Informationen hinterlegt haben.

Dessen ungeachtet – so meine ich – nutzen Informationen sich auch ab, d. h. je mehr Informationen wir empfangen, desto mehr verlieren sie an Komplexität, erstarren in einem Muster, das uns selbst lediglich als Bestätigung des bereits Gehörten oder Gesehenen dient und passgerecht geformt wird. Dabei handelt es sich um einen sehr menschennahen Prozess der Vereinfachung und Bestätigung. Je umfassender das mediale Angebot ist, umso bereitwilliger filtern wir das nur uns Bekannte heraus und für den Rest gilt: ab in die Tonne.

So versuchen wir, der eigenen und letztlich auch der kollektiven medialen Überforderung zu entgehen und einen Rest von Sicherheit angesichts des ungeheuren medialen Angebots zu bewahren. Denn kein Mensch ist in der Lage, alles, was ihm medial angeboten wird, aufzunehmen, zu begreifen und gar zu verarbeiten. Die damit verbundene, aber unterdrückte Unsicherheit verstärkt den Prozess des individuellen Widerstandes gegen bestimmte Informationen und deren gemeinschaftlichen medialen Akzeptanz.

Dies schafft Konformität im medialen Konsum, in der Speicherung und der Verarbeitung. Damit wirken Medien entgegen ihrer Intentionen im Ergebnis antiliberal, ja, es ist sogar zu befürchten, dass die demokratische Pluralität und auch die individuelle Wesenheit des Menschen durch das Überangebot an medialem Einfluss erheblichen Schaden nimmt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Beifang

Moderne Medien brüsten sich damit, dass sie Dank Digitalisierung und Algorithmen in der Lage seien, individuell auf die Wünsche der Konsumenten einzugehen. Dabei geht es in den Printmedien um die von den Kunden nachgefragten Informationen aus Politik, Wirtschaft, Kul­tur und Technik. Was Printmedien als verbraucherfreundliche Zukunft beschreiben, gilt natürlich auch für das interaktive Fernsehen und alle Projekte des Internets.

Der Kunde ist König. Er kann wählen und aus dem vielfältigen Angebot aussuchen, was er will, wenn er nicht selbst Ansprüche stellt und fordert, wonach ihm verlangt.  Das können Kriminal- oder Liebesfilme sein, Berichte über Intrigen, Folter, Vertreibung und Verschleppung oder auch Schnulzen, Traumfahrten und schöne Landschaften. Hass und Liebe, Wut und Sanftmut, alles liegt nur einen Knopfdruck voneinander entfernt.

Nach etwas Eingewöhnung weiß das digitale Medium selbst, was der Konsument beansprucht, sei es an Informationen, Waren oder Dienstleistungen. Eigentlich alles wunderbar, genauso, wie es vorgesehen ist. Wir hören, sehen und lesen, was wir wollen. Wo ist der Haken? Das Problem ist, dass wir selbst nur noch das aussuchen, was in unsere Welt passt, wobei allmählich die Algorithmen die Kontrolle übernehmen, weil sie gespeichert haben, was wir wollen. Schließlich befinden wir uns in einem medialen Kokon, der undurchdringlich für Informationen ist, die wir sonst beim Durchblättern einer Zeitung, beim Zappen durch Fernsehsender oder Radiohören noch nebenbei mitgenommen haben.

Es erreicht uns nur noch das, was zu unserem Gefallen individualisiert wurde. Mangels Spiegelung mit anderen Meinungen oder Eindrücken, müssen wir glauben, dass das, was uns erreicht, der Wahrheit entspricht. Wir sind verwundert, entrüstet und ggf. sogar aggressiv, wenn wir feststellen, dass unsere Wahrheit keine Allgemeinverbindlichkeit haben soll. Unsere Welt hat mit den Welten anderer Menschen nichts mehr zu tun. Fremde Räume bleiben uns verschlossen, auch im Vorübergehen erhaschen wir keinen Blick in diese Räume. Wir sind aber darauf angewiesen, dass unsere Räume sich wieder weiten.

Das wird dauern, erleben wir doch in den Vereinigten Staaten von Amerika gerade das Gegenteil. Ein Präsident, ein Fernsehsender, eine Anhängerschaft und eine Botschaft. Sie lautete: Ich.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

 

Zitate

Ohne Bezüglichkeit oder Rückbezüglichkeit auf andere Schriftsteller, Wissenschaftler, Politiker oder Journalisten scheint es kaum möglich zu sein, eine eigene Meinung zu vertreten. Meist wird ein Beitrag, ob dieser fachspezifisch, politisch oder medial ist, mit einem mächtigen Zitat eingeleitet und oft sind eigene Beiträge des Autors kaum noch zu erkennen unter dem Gewimmel fremder Gedanken. Warum ist das so?

Es ist daran zu denken, dass fremde Gedanken Denker dazu ermutigen, selbst einen Gedanken zu fassen. Zitate verleihen Beiträgen gleich welcher Art, ob diese wissenschaftlich oder literarisch sind, ein Signum der Authentizität. Wenn Andere das schon gesagt haben, kann ich dies auch sagen.

Möglicherweise soll das Zitat aber auf die Gelehrsamkeit des Autors selbst hinweisen, auf seinen Fundus an Gedanken oder seine Virtuosität im Umgang mit Wikipedia. Jedenfalls schaffen Zitate und Verweise auf andere Urheber ein dichtes Gewebe von Glaubwürdigkeit, das Angriffe von Neidern oder Besserwisser zu erschweren vermag. Da Zitate meist herausgerissene Feststellungen Dritter sind, oft in ganz anderem Kontext standen, als der eigene Beitrag, mögen sie den Autor nur kurz beschäftigen, bevor er sich an deren Glättung und die Einordnung in seine eigene Gedankenwelt macht. Die Zitate müssen sich fügen.

Und doch wäre die ganze Anstrengung umsonst, wenn es für alles nicht auch Konsumenten gäbe. Wie wirken nun Zitate auf die Konsumenten? Sie verleihen dem Autor, der sie in seine Beiträge eingefügt hat, Glaubwürdigkeit. Es kann nicht falsch sein, jemandem zu glauben, der sich auf andere berufen, sich mit deren Gedanken messen oder deren vorauseilende Zustimmung erfahren kann. Zudem vermitteln Zitate Bildung, Gelehrsamkeit und eine Übersicht, die dem Empfänger meist nicht gegeben ist. Er soll nicht alles verstehen, er soll aber bewundern, oszillieren zwischen den Gedanken des Autors selbst und den Zitaten und dabei die ganze Wucht des Beitrags erfahren. Er kann dem durch Zitate abgesicherten Beitrag vertrauen und selbst etwas abgekommen vom Glanz eines mächtigen durch Zitate geadelten Beitrags.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Informationen

Ein Mensch benötigt Informationen, um zu entscheiden. Allerdings bedienen Informationen die Neugier des Menschen. Diese ist in seiner Entwicklung angelegt. Wäre der Mensch nicht neugierig, bliebe er bewegungslos. Die Neugierde des Menschen wird durch die Medien bedient. Dies geschieht durch Direktkontakte an den Brennpunkten unserer Welt durch Zeitungen, Zeitschriften und Bildberichterstattung in Film und Fernsehen. Selbst der direkteste Bericht wirkt allerdings entscheidend distanziert. Dies ist darauf zurückzuführen, dass wir sofort umblättern oder weiterschalten können.

Wir wählen unsere Informationen entsprechend unserer Geistes- und Gemütsverfassung. Durch diese Vorauswahl wird die Information individualisiert. Sie erreicht uns sozusagen persönlich, gestattet Emotionen und Reflexionen fernab jedes eigenen Sinnes. Gleichsam spiegelbildlich werden wir mit dem konfrontiert, was anderen im besonderen Maße verkäuflich erscheint. Information ist Ware. Dafür wird bezahlt. Der Preis steigt mit jeder Indiskretion oder Brutalität. Darauf haben sich auch die Akteure eingestellt. Sie präsentieren sich gerne in der Pose des Eroberers oder des Bösewichts. Der Zuschauer, der Zuhörer will den Bericht, die anderen wollen, dass über sie berichtet wird. Gleichwohl entsteht etwas Neues, etwas sehr Privates auf Seiten des Konsumenten. Durch ständige Erneuerung der Informationen und deren Verarbeitung durch die Menschen gestalten sich Erfahrungen jenseits des eigenen Erlebens.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski