Schlagwort-Archive: Krankheiten

Beobachtung

Zuweilen habe ich die Selbstwahrnehmung, dass ich das Geschehen auf dieser Welt so beobachte, als ginge mich dieses nichts an. Diese Selbstwahrnehmung ist nicht eingeschränkt, sondern bezieht sich auf alle Umstände, die Corona, Kriege, Hungersnöte, Krankheiten, Armut, Fluchtursachen und Klimawandel betreffen. Alles ist zu benennen, was mich eigentlich nichts angehen müsste, da ich nicht unmittelbar Betroffener bin.

Allerdings lege ich Wert darauf, überhaupt nicht falsch verstanden zu werden, denn alles, was ich aufzähle oder auch noch nicht benannt habe, geht mich etwas an, aber meine Perspektive ist oft eine andere als diejenige vieler anderer Menschen. Vieles, was ich beobachte, scheint mir schon deshalb sonderbar, weil ich den Sinn und den Nutzen des Handelns Anderer nicht begreife, die enorme Entfernung zu meiner Wahrnehmung spüre, und mich kurzum oft fremd in einer seit Langem eigentlich vertrauten Welt fühle.

Alles, was ich beobachte, ist festgehalten in einem Moment, dessen Bedeutung ich nicht verstehe. Ich begreife nicht das Leid, das Menschen anderen zufügen, ich begreife weder Diskriminierung, noch Hartherzigkeit, Gewalt und Unterdrückung. Vieles bündelt sich in Übervorteilung, Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit. Der rücksichtslosen Selbstermächtigung eines Menschen kann erstaunlicherweise oft sogar eine gesellschaftliche Ächtung nichts anhaben. Ich beobachte sogar die Zustimmung des Opfers zu seiner eigenen medialen Hinrichtung.

Das mag pathetisch klingen, zeigt aber deutlich das Dilemma: Was hat der Mensch davon, wenn er die ganze Welt erobert, Ressourcen plündert und Wälder abfackelt? Was hat der Mensch davon, dass er zulässt, dass andere dies tun? Bin ich blind für die Ursache? Ist es lebensnäher, dagegen zu sein, als dafür, Neid stärker als die Bereitschaft zu geben? Zuweilen zweifle ich aber daran, dass meine Beobachtungen zwingend sind und ich mit meinen Einschätzungen richtig liege.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erstarrung

Erstarrung? Die Welt ist in Bewegung, die Netze überlastet, Flugverkehr und Hochgeschwindigkeitsverhandeln von Finanzprodukten via Internet rund um die Uhr. Immer geschieht etwas und sei es auch an entferntester Stelle dieser Welt. Wir wissen es sofort und doch wirkt das uns überlassene Bild oft merkwürdig erstarrt.

Kriege, Krankheiten, alles präsent wie auf unserem Smartphone in tausenden, nein in millionsten Variationen und doch immer wieder die gleiche Pose, weltweit. Wie unsere Verhaltensweise erstarrt in globaler Gleichmacherei, erstarrt auch unsere Kultur.

Museen hinterfragen nicht unsere Einstellung, sondern zeigen uns das Gewesene. Konzerte und Opernaufführungen sind auch keine kulturellen Verbrauchsprodukte, sondern feine Speisen, die uns gelegentlich zur Erbauung vorgesetzt werden. Kunst und Kultur sind nicht in Aufruhr, sondern erstarren in Opportunitäten, Kommerz und Selbstbespiegelung. Die ökonomische Sinnhaftigkeit alles menschlichen Tuns untersagt ein Verhalten, das sich außerhalb der Norm stellt, ob im religiösen oder säkularen Bereich. Die Religion nicht infrage zu stellen, um Konfrontationen zu vermeiden, verhindert vielleicht eine gesteigerte Einsichtsfähigkeit in das Göttliche.

Kulturelle Dogmen nicht zu überwinden, gestattet auch ein flexibleres Denken nicht, das heißt ein Denken, dass über die eigene Perspektive hinausgreift. Es wäre vielleicht hilfreich für unsere eigene kulturelle Entwicklung in Europa, uns von afrikanischen Kulturen herzudenken und dabei Durchmischungen in der Interpretation und Hörweise von Musikwerken zuzulassen. Vielfalt verstört nicht, ist sicher anstrengend, aber lohnend.

Erstarrungen führen zu Besitzstandswahrungen, die Verlustsängste wachrufen. Man kann auf dieser Art und Weise Kulturen zu Tode verteidigen, bis von ihnen nichts mehr bleibt als die in sich erstarrte Selbstbehauptung. Diese Kultur erklärt nichts mehr, fordert uns nicht mehr heraus, sondern vergrößert allenfalls noch unsere Macht, einen Tauschwert für Anderes zu erlangen, das uns mehr bringt als Kultur: Eigentum und Besitz.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

In sich selbst verreisen

In sich selbst verreisen, geht das? Was ist damit gemeint? In der Regel reisen wir gerne, erkunden auch fremde Länder, fremde Kontinente. Was sollte uns dann daran hindern, uns selbst zu bereisen, uns selbst kennenzulernen? Warum sollten wir dies aber tun, da wir uns in der Regel nicht als fremd empfinden, sondern als bekannt und jederzeit für uns selbst zugänglich. Wir erfahren über Umwege, dass die Selbstwahrnehmung nicht mit der übereinstimmt, wie andere uns wahrnehmen. Wir sind daher dazu geneigt, uns zu erklären, anderen es so zu vermitteln, als seien wir mit uns selbst eins. Wir können damit einigermaßen gut leben, denn jeder behauptet von sich, das Eine, das Andere werde unterschlagen.

Kann ich mich denn aber selbst kennenlernen, um mehr über mich zu erfahren und dadurch zu verhindern, dass ich mir meiner überhaupt nicht sicher bin? Ja, das geht. Ich bin in der Lage, in mich selbst zu verreisen, in jeden Teil meines Körpers, um mit Schmerzen und Krankheiten zu sprechen, sie kennenzulernen und Hilfe anzubieten, wo es erforderlich ist.

Wie ich meinen Körper bereisen und inspizieren kann, kann ich dies auch mit meinen Gedanken und Gefühlen handhaben, sie auch als Fremder betrachten, kennenlernen, Erfahrungen sammeln und Entscheidungen treffen. Dieser Prozess kann bewusst gestaltet werden, ohne stete Selbstvergewisserung, denn unser Geist ist ständig bei der Arbeit, ob wir dies wahrnehmen oder nicht. Wenn wir darauf vertrauen, lohnen sich unsere Reisen zu uns selbst. Wir lernen aufregende Neuigkeiten kennen und können uns schließlich unserer Identität versichern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski