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Generationenvertrag

Vor allem Politiker beharren in ihren öffentlichen Verlautbarungen darauf, dass wir uns gegenüber künftigen Generationen durch unser Verhalten in der Gegenwart schuldig gemacht haben. Dabei geht es um Rente, Klima und Umwelt. Weil wir prassen und zerstören, türmen sich Schulden auf, die nicht wir, sondern künftige Generationen zu zahlen hätten. Ist das nicht etwas einfach gedacht? Es war in der kurzen Menschheitsgeschichte schon immer so, dass jede Generation ihre Bedürfnisse befriedigte und dabei auf Kosten der Natur und der Umwelt handelte. Da es weniger Menschen gab und die technischen Voraussetzungen noch nicht vorlagen, war wohl der Schaden quantitativ geringer, aber qualitativ auch verheerend, z. B. durch Abholzung der Wälder im Mittelmeerraum für den Schiffsbau.

Heute sind die Eingriffe, die jede Generation zur Ergänzung ihres Lebens in vorhandene Ressourcen vornimmt und dabei zusätzlichen Schaden anrichtet, beträchtlich. Wir sind mehr Menschen auf dieser Welt, werden älter als die Generationen vor uns und haben gesteigerte Ansprüche. Dabei beruft sich jede Generation auf das Versprechen seiner Eltern: „Dir soll es einmal besser gehen als uns!“

Dieses Versprechen ist das Startgeld in unser Leben und veranlasst jede Generation nicht nur für eine bescheidene Bedürfnisbefriedigung im Eigeninteresse, sondern auch für Mehrwert für die Nachkommenschaft zu sorgen. Existenzängste begleiten den Menschen sein ganzes Leben und verhindern, gegenüber Kindern und Kindeskindern ein Zutrauen zu entwickeln, dass diese mit dem ihnen anvertrauten Leben zurechtkommen werden. Würde eine entsprechende Betrachtung einzelner Bestimmungen des Generationenvertrages dazu führen, dass wir noch sorgloser mit der Umwelt und dem für die Rente angesparten Geld umgingen?

Das halte ich für unwahrscheinlich. Wir würden unser wirtschaftliches Vererbungssystem überprüfen, stattdessen zu unseren Lebzeiten in Infrastrukturen investieren, die es unseren Kindern und Kindeskindern ermöglichen würden, ihre gemeinsam mit uns entwickelte Verantwortung früher, als dies heute geschieht, zu übernehmen. Durch Partizipation könnte sowohl die Eigensicherung des Lebens jeder Generation, aber auch Einfluss auf die künftige Entwicklung durch Investitionen statt Versorgungszusagen, die kaum einzuhalten sind, gewährleistet sein.

Wir erreichen dies, wenn wir uns von patriarchischen Strukturen verabschieden und die Bildung unserer Kinder von Anfang an daran orientieren, dass sie mit uns gemeinsam eine Aufgabe haben. Je eher wir die gesellschaftliche Teilhabe unserer Kinder zulassen, desto besser für sie und uns.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

E-Games

Spiele auf elektronischer Basis erfreuen sich gerade bei Kindern und Jugendlichen eines großen Zuspruchs. Bekannte Spiele sind zum Beispiel Fortnite, aber nicht nur die sogenannten „Ballerspiele“ haben sich etabliert, sondern allmählich übernehmen E-Game-Funktionen die Steuerung in vielen Lebensbereichen.

Immer wieder ist zu hören, dass Spiele in Unternehmen bei der Entscheidungsfindung förderlich seien, aber auch im Sport. Dies geht soweit, dass E-Games sportliche Attribute zugedacht werden. Spiele auf elektronischer Basis sollen Spielen unter Muskeleinsatz gleichgestellt werden, also Sportereignisse wie andere sein und so auch das Gemeinnützigkeitsprivileg erlangen.

Es gibt eine breite Unterstützung für diese Art von Spielen und moderierende Betrachtungen, ab wann das Spielen für Kinder und Jugendliche geeignet sei, und was Eltern bei der Spielkontrolle beachten sollen. Allgemeine Auffassung: Am besten, man schwimmt mit der Zeit, denn auch in diesem digitalen Bereich ist der Vormarsch der elektronischen Technologie nicht aufzuhalten. Bemerkenswerterweise erfährt man aber sehr wenig über den sozialen Charakter dieser Spielkultur.

Es werden selten grundsätzliche Fragen gestellt, ob das Spielen auf dieser Basis überhaupt notwendigerweise zum Leben gehört und was Kindern und Jugendlichen entgeht, wenn sie sich auf ein Spiel einlassen, dessen Strukturen festgelegt sind und weder Verlierer noch Gewinner kennt. Das Spiel repetiert nur bekannte Vorgänge, belohnt und bestraft, aber schafft keine Kommunikation. Was wird aus jungen Menschen, wenn die persönliche, emotionale und auch intellektuelle Kommunikation zumindest nur noch eingeschränkt stattfindet? Welche Lebensorientierung bleibt da noch offen und welche Lebensentwürfe werden geschaffen?

Nicht das Spiel ist das Problem, die Sorge gilt dem Menschen, dessen Vielfältigkeit der spielerischen Einfalt geopfert wird. Eine Gesellschaft muss grundsätzliche Fragen stellen angesichts der Notwendigkeit geistiger, kognitiver und emotionaler Ausbildung. Es muss die Frage danach gestellt werden, welche Selbstbetrachtung ein Mensch erfährt, der in Zukunft möglicherweise die Hälfte seines Lebens spielend im elektronischen Bereich zugebracht hat und sich nur noch so wahrnehmen kann. Spielsalons sind für Kinder unter 18 Jahren verboten. Müssten diese Kriterien nicht auch für E-Games gelten?

Es geht darum, Dinge grundsätzlicher zu betrachten, als dies bisher geschieht und nicht als Sport zu qualifizieren, was allenfalls die Anstrengung des Daumens und die Konzentration beansprucht. Sport hat mit gesamtmenschlicher Anstrengung zu tun, beansprucht Herz, Geist und Körper. Sport ist ein soziales Ereignis und erfährt dadurch seine gesellschaftliche Anerkennung. Der Leistungswettbewerb unter Menschen auf elektronischem Gebiet kann und muss nicht Sport sein. Er wird von der Belohnung gesteuert, hat Suchtcharakter und stärkt eher das strategische Denken. Reicht das, was ist uns und künftigen Generationen wichtig?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Denkmal

Es erklingt der Zapfenstreich. Die Denkmäler sollen heim ins Reich ihrer fragwürdigen und niederträchtigen Vorbilder. Denkmäler werden geschleift, geschreddert, gevierteilt und gerädert. Mit ihnen soll geschehen, was man an denjenigen, die sie verkörpern, nicht mehr vollziehen kann. Die Jagdzeit für Denkmäler ist wiedereröffnet. Auch derzeit in den USA.

Alle Denkmäler stehen zur Disposition, sogar die der Gründerväter Washington und Jefferson. Nicht erst seit der französischen Revolution weiß man, dass jeder noch so bedeutende Mensch Dreck am Stecken hat oder haben könnte. Die kollektive Beseitigung von Störendem hat epidemischen Charakter. Was in den USA derzeit an Fahrt aufnimmt, greift auch über auf Frankreich und Deutschland. Weg mit Napoleon, den Kaiser- oder Bismarckdenkmälern! Schaffen wir uns aus den Augen, was uns stört!

Ja, darum geht es: Störendes soll beseitigt werden. Wir wollen uns nicht mehr daran erinnern lassen, was gewesen ist und uns nicht unserer Geschichte stellen. Denkmäler sind nicht nur Heroisierungen von Personen und Ereignissen. Denkmäler fordern zur Auseinandersetzung auf. Sie machen uns bewusst, dass sich unser Leben unter Irrungen und Wirrungen, aber auch in der Erkenntnis des Richtigen vollzieht. Diejenigen, die auf dem Sockel stehen, sind wie wir. Indem wir sie stürzen wollen, beabsichtigen wir auch, unsere eigene kollektive Verantwortung zu beseitigen.

Wir schulden es uns und künftigen Generationen daher, Denkmäler zu erhalten und dabei den Entwicklungsprozess zu verdeutlichen, den wir als Menschen notwendigerweise durchstehen müssen, um die gleichen Fehler nicht immer wieder zu begehen. Ist das Halali auf Denkmäler einmal eröffnet, gibt es kein Halten mehr. Je nach Macht und Möglichkeit werden gerade dann auch die Denkmäler beseitigt und Straßennamen überschrieben, deren Erhalt für eine verantwortungsvolle Gesellschaft unverzichtbar sind.

Was in den USA Projektionsflächen für tiefgreifende gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit Toten und Verletzten bietet, wird auch auf Europa überschwappen und uns sprachlos werden lassen, wenn wir nicht jetzt einen eindeutigen Standpunkt beziehen. Denkmäler fordern uns auf zum Denken. Wir dürfen das Denken nicht verlernen, weil es keinen Gegenstand sonst mehr gibt, der das Denken auslösen kann.

Nach dem Bildersturm ist in Russland auch wieder Ruhe eingekehrt. Unweit des Flughafens in Petersburg steht ein Lenin, der bei längerer Beobachtung zu tanzen scheint. Der Künstler, der diese Skulptur schuf, vermittelte uns mit seinem Werk auch eine Botschaft, die den Auftraggebern überhaupt nicht passte. Schauen wir uns Denkmäler in der Zukunft genauer an. Vielleicht lernen wir mehr von ihnen als wir ahnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gift

Tonnenweise werden derzeit in Belgien Eier vernichtet. Sie sind vergiftet. Können wir noch in Ruhe irgendein Lebensmittel in Deutschland verzehren, das mit Eiern in Berührung gekommen ist?

Nein, wir wissen nicht, in welchen Großbetrieben, Kantinen oder Fabriken die Eier verarbeitet wurden. Sie befinden sich in Kindernahrung, wie Nudeln oder Kuchen. Systematisch werden wir Menschen vergiftet. Durch Pestizide, Diesel und Reinigungsmittel. Ist das normal? Ist das ein Kollateralschaden, den man in einem prosperierenden Land einfach hinnehmen muss?

Wahrscheinlich wird dies jeder verneinen und auch jeder Politiker behaupten, dass man alles unternehmen werde, um der Situation Herr zu werden und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Dieses Vorbringen ist natürlich kläglich und soll die Ohnmacht kaschieren, die angesichts der umfassenden Angriffe auf unsere Gesundheit besteht. Was könnte getan werden? Es wird nach repressiven Maßnahmen gerufen. Die Schuldigen müssten bestraft werden und künftig sei der Schutz gegen Vergiftungen und Verseuchungen auszubauchen.

Also, der Staat wird das regeln? Das ist nicht anzunehmen. Es fehlt an einem wichtigen Bindeglied zwischen Staat und Gesellschaft, d. h. es mangelt an einer allgemeinen Überzeugung aller Menschen, dass man dieses oder jenes nicht tut, hier also: andere Menschen zu vergiften. Es wäre an der Zeit, einen Kodex zu schaffen, der Anforderungen eines Menschen enthält, die unabdingbar sind.

Artikel 1 GG enthält zwar schon das Gebot, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Das ist aber zu wenig. Es müssen Regeln geschaffen werden, die die Verabredung beinhalten, andere nicht zu schädigen, zu vergiften, zu übervorteilen etc. Mit Strafgesetzen allein ist dies nicht getan. Religionen haben früher einen Ordnungsrahmen für menschliches Verhalten gesetzt. Der Einfluss der Religion ist geschwunden, ohne dass zwischenzeitlich Alternativen kodifiziert worden wären. Stets werden in Sonntagsreden die Werte unserer Gesellschaft angemahnt, ohne dabei genau zu bekennen, worin diese Werte tatsächlich bestehen sollten. Werte sind belanglos, wenn sie nicht erreicht werden oder sie gar nicht erkannt werden können.

Es kommt daher weniger auf die Werteansicht als vielmehr auf das Verhalten jedes einzelnen Menschen in der Gruppe an. Alles wird von Menschen für Menschen geschaffen. Wir müssen verinnerlichen, dass es uns wert ist, für uns selbst und für künftige Generationen die Welt als unsere gesunde Lebensgrundlage zu erhalten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski