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Das kulturelle Selbstverständnis (Teil 1)

Kunst und Kultur müssen nicht erfunden werden. Sie benötigen weder Eltern noch Paten. Kultur ist. Wir vermögen uns gegen sie nicht zu wehren. Dieses Selbstverständnis entlarvt alle diejenigen, die meinen, dass Kunst und Kultur ohne ihren Einsatz als Bürger nicht auskämen. Sie schaffen sich, obwohl sie weder Kulturschaffende, noch in ihrer Funktion primär Kulturkonsumenten sind, einen Platz im Kulturapparat.

Kunst und Kultur werden von vielen aktiv gestaltet. Zu denjenigen, die das tun, gehören diese Heuchler nicht. Kunst und Kultur werden wahrgenommen, gesehen, geschmeckt, gefühlt, ertastet, erlitten und verachtet. Aber die Muezzins der Kultur treten auf in Symposien, Talkshows, Veranstaltungen aller Art und diskutieren über den Kulturbegriff, über die Nachhaltigkeit der Kultur, über die Angst vor dem Kulturverfall, über Soziokultur, über Edelkunst. Sie wägen ab zwischen allen Gefahren, die durch die Kommerzialisierung der Kunst und Kultur oder durch deren Verstaatlichung entstehen könnten, kurzum: Sie fordern die Nachhaltigkeit der Kultur. Es gehört zu unserer zivilisierten Welt, dass Menschen ihre Zeit damit verbringen, Geld zu verdienen, andere zu unterhalten und alles zu thematisieren, um daraus mediale Wirksamkeit zu erzielen. Davon leben sämtliche Medien und das ist auch verständlich.

Insofern haben die Kulturmuezzins ihren festen Arbeitsplatz. Widerspruch sollte sich allerdings dort regen, wo sie ihre Stimme erheben und verkünden, sie seien die wirklichen Bewahrer von Kunst und Kultur und insbesondere deren Förderer. Kunst und Kultur erfahren, wie Religion im engeren Sinn, die Einschränkung am ehesten durch angeblich Wohlmeinende, das heißt diejenigen, die glauben, dass ohne ihre Hilfestellung nichts mehr läuft. Dies ist, bei Licht betrachtet, Kunst- und Kulturfundamentalismus und führt Künstler in die Abhängigkeit. Nichts ist ungebändigter, freier, zügelloser und explosiver als Kunst und Kultur. Wir gestalten sie stets neu, verändern sie, indem wir sind. Sie sind fragil, wirr und gleichsam behäbig. Auch in der Kultur wird Kunst geschaffen. Kunst und Kultur sind also keinesfalls Synonyme, sondern bedingen sich allenfalls idealiter. Kunst benötigt keine Norm bis auf die Freiheit, alles zu tun, was andere nicht beschädigt. Es ist gleichermaßen absurd, Kunst und Kultur zu fördern, da man so „den Schlitten vor die Ochsen spannt“. Es mag so manchem gefallen, die freie Fahrt zu zügeln, aber dies ist der Kunst nicht immanent.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski