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Stadt, Land, Flucht

Von Landflucht ist die Rede. Ländliche Gebiete vergreisen. Junge Menschen finden dort keine Arbeit mehr und vor allem wird der Anspruch auf Vergnügungen nicht im erwarteten Maße bedient. Die Stadt verspricht Aufregung und Events. Party, Konsum, Ärzte und Pflegepersonal. Also 1:0 für die Stadt?

Was bietet das Land? Zum einen Ruhe, zum anderen bessere Luft durch weniger Staub, Möglichkeit, einen eigenen Garten zu unterhalten und viele hinlänglich bekannte ländliche Vorzüge. Und doch ist dies für viele Städter kein Grund, das Landleben vorzuziehen, denn Bio-Supermärkte, Raumklimageräte und viele andere technische Errungenschaften wiegen angeblich diese Vorzüge auf. Bleibt eines zu bedenken: In der Ruhe liegt die Kraft. Ein bekanntes Sprichwort, dass zwischen die Alternativen Stadt und Land geschoben Auskunft darüber geben soll, was uns entspricht.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein war unsere Gesellschaft weitgehend von der Agrarwirtschaft geprägt, der Mensch auf dem Land beheimatet und hat in Ruhe und Besonnenheit Einsichten gewonnen, die unsere gesellschaftliche Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben. Die industrielle Entwicklung hat dann die einst aus der Vielfältigkeit gewonnene Anschauung auf wenige Produktionsprozesse konzentriert, die in Abhängigkeit von Weisungen stereotype Produkte hervorbrachten. Dabei will ich die Bedeutung des Produktionsprozesses gar nicht leugnen, aber behaupten, dass abgesehen vom Variantenreichtum des Produktes an sich wirklich Neues dadurch nicht hervorgebracht wurde. Die Gleichförmigkeit des Produktionsprozesses hat inzwischen auch von Kultur und Medien Besitz ergriffen und findet sich wieder in den Schlagzahlen eingehender Mails und Selfies. Fritz Lang hat in Metropolis das Stadtbild beschrieben. Es ist an der Zeit, dass das Landbild neu gezeichnet wird. Dabei geht es nicht nur um Natur, sondern auch um Werte und Chancen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Heimatliebe

Mancherorts wird davon berichtet, dass die Landbevölkerung schrumpfe und Gemeinden mit Bedauern feststellen, dass ihre Bevölkerung abwandere. Was für Städte und Gemeinden gilt, erfasst auch ganze Gebiete und Länder. Migration. Das ist eigentlich nichts Schlimmes und auch nichts Besorgniserregendes. Das Wandern selbst vermittelt neue Eindrücke, entfaltet Kreativität und stärkt die Gemeinschaft. Solange die Gesellschaft insgesamt in Bewegung bleibt, ist dieser Austauschprozess in der Bevölkerung hilfreich. Verhält es sich aber so, dass der Abwanderung kein entsprechender Zuzug gegenübersteht, verkümmern Städte und Gemeinden, sind nicht nur wirtschaftlich, sondern auch vor allem strukturell nicht mehr in der Lage, eine selbstbewusste Bürgerschaft hervorzubringen, geschweige denn zu unterhalten. Warum ziehen Menschen weg?

Naheliegend aus wirtschaftlichen Gründen. Das ist es aber nicht alleine. Sie ziehen auch weg, weil sie sich von dem Dorf oder der Kleinstadt, in der sie wohnen, keine Anregungen mehr versprechen, erprobte Begegnungsstätten werden geschlossen, die Menschen sind sich aufgrund der Ablenkungen durch Medien fremd geworden. Sie leben in ihrer vertrauten Umgebung zwar noch eine Zeit lang aus Gewohnheit, die vertraute Umgebung vermag sie aber nicht mehr zu halten, ihre Heimatliebe schwindet. Heimatliebe bedeutet die Erkenntnis, hierher an diesen Ort zu gehören, weil die Eltern und Großeltern schon da gewesen sind und man selbst auch seine Kindheit hier verbracht hat. Heimatliebe bedeutet, seinen Kindern auch diese Heimat bieten zu wollen. Dazu müsste man auf sie stolz sein. Stolz ist heute ein schwer verdauliches Wort, bedeutet aber eigentlich nichts anderes als den Ausdruck eines Gefühls: ich erkenne, ich vertraue und ich entwickle. Sobald der Heimatstolz Platz greift, entstehen auch die Ideen, wie diese Heimat erhalten und gestärkt werden könnte, zum Beispiel durch Organisation von Kindergärten und Schulen, durch Aufbau von handwerklichen Betrieben und Gewerbe. Alles ist möglich, setzt aber den Willen voraus, sich engagieren zu wollen.

Sich für das, was man liebt, einzusetzen. Das ist lohnend, und zwar ideell und finanziell. Landflucht ist der einfachere Weg, verspricht staatliche Unterstützung, Genuss, zum Beispiel in der Großstadt, und anonyme Begegnungen mit anderen Menschen. Aber im Vergleich der Intensitäten, meine ich, ist die Heimat stets der Beliebigkeit eines städtischen Aufenthaltsortes vorzuziehen. Sie befriedigt letztlich auch eine tiefe innere Sehnsucht nach Geborgenheit und Lebenssinn.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski