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Augenblick der Betrachtung

„Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!“

So hat Goethe Faust sein Ende beschreiben lassen. Verweilen als Aufgabe der Unrast, Bereitschaft abzuschließen mit einem tätigen Leben. Diese Sichtweise ist zwar literarisch verbürgt, aber verweilen kann weit mehr implizieren, als die Beschaulichkeit der Endlichkeit. Verweilen ist auch innehalten, das Wägen und Prüfen eines Umstandes und Wahrnehmung des Augenblicks der Besinnung und des Resets.

Ein Weiler gewährt dem Reisenden Geborgenheit, beschützt ihn und lässt, bevor er weiterzieht, seine Kräfte erstarken. Wenn ich verweile, begegnet mir möglicherweise auch die Langeweile wieder, die unendliche Zeit des üppigen nichts tun müssen oder nichts tun können. Die Langeweile entspannt, entwickelt Empfindungen, Bilder und Gerüche, hat Einfluss auf die Zeit.

Wer verweilt, hat die Möglichkeit, sich körperlich, geistig und seelisch zu erholen, wird aber auch konfrontiert mit Sinneseindrücken, die die Geschäftigkeit des Alltags unterdrückt hat. Sehnsucht stellt sich ein, Sehnsucht nach dem, was unerreichbar erspürt wird. Ein Gefühl der Verlassenheit paart sich mit einer Ahnung des Möglichen, mahnt den Verweilenden zum Aufbruch nach einer Zeit des Innehaltens.

Das Verweilen ist dem Kind sehr nahe, geht aber im geschäftigen Leben abhanden. Um die Kraft des eigenen Seins wieder zu spüren und in der Erkenntnis, dass das Leben nicht durch die Hetze wertvoll gemacht wird, sollten wir uns auf das Verweilen einlassen, wieder mit uns selbst, unserer Familie und Freunden. Eine Gesellschaft, in der das Verweilen wieder Mode wird, kann ihre Lebenszeit auf erquickende Weise dehnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Der Sinn der Leere oder Langeweile

Vor langer Zeit, als Kind, da lag ich im Garten, stundenlang unter einem Apfelbaum oder stand am Bahngleis und schaute den Zügen nach, die vorüberfuhren. Es war mir langweilig. Langweilig waren auch die Sonntagnachmittage. Offensichtliches geschah nicht und doch geschah enorm viel in mir. Es entwickelten sich Gedanken, Bilder tauchten auf und verschwanden. Ich konnte mir schon das Ende der langweiligen Zeit ausmalen, wenn ich mich mit Freunden treffen oder etwas Leckeres zu Abend essen würde. Die Langeweile war eine großartige Vorbereitungszeit für Ereignisse. Ich könnte nicht behaupten, dass ich mir Langeweile gewünscht hätte, ich glaube, kein Kind wünscht sich dergleichen. Tritt sie dennoch ein, kann ein Kind damit umgehen.

Und wie sieht es mit der Langeweile in der Erwachsenenwelt aus? Ich behaupte, wir nehmen Sie überhaupt nicht mehr selbstkritisch wahr, sondern verkleiden Langeweile in der Gesellschaft durch unauffällige Erscheinungsformen wie Socialising und Fingerfood. Das Bekenntnis zu einer anderen Form der Langeweile, der persönlichen, ist gesellschaftlich problematisch. Wir dürfen sie allenfalls mit Meditation umschreiben, das angebliche Besinnen auf das Wesentliche. Soweit dies ärztlich angeordnet ist oder sogar betrieblich geboten, haben wir auch keine Probleme bei der Akzeptanz. Aber wehe, wir kämen auf den Gedanken, ohne gesellschaftlichen Anlass uns zur Langeweile als persönliche Errungenschaft zu bekennen. Dieser Virus müsste schnellstmöglich bekämpft werden, denn was so ansteckend wirken könnte, muss einfach krank sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski