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Margot Friedlander

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, an einer privat veranstalteten Lesung von Margot Friedlander aus ihrem Buch, „Versuche, dein Leben zu machen – als Jüdin versteckt in Berlin“ teilzunehmen. Dies hat mich tief berührt, und zwar nicht nur deshalb, weil Margot Friedlander so präzise und nachvollziehbar das ihr als Kind und Jüdin durch deutsche Mitbürger aufgezwungene Leben verdeutlichte, sondern auch deshalb, weil in jedem ihrer Worte auch eine Botschaft für uns alle, also auch die junge Generation steckt.

Die Botschaft lautet: Es geht nicht, dass Menschen andere Menschen, aus welchem behaupteten Grund auch immer, umbringen, denn alle Menschen haben das gleiche Rechte auf Würde, Leben und körperliche Unversehrtheit. Der Geist von Margot Friedlander ist stärker als jedes politische Argument und daher so unerbittlich wahr. Wir dürfen weder in Gedanken, noch in der Tat das Leben anderer Menschen beschädigen, sondern sind verpflichtet zu Mut und Hilfestellung, so schwer das auch im Einzelfall sein mag. Wir haben das Recht, Konflikte zu erleben und müssen nicht immer das Richtige tun, aber das, was wir tun, vor uns selbst und anderen vertreten.

Margot Friedlander beschreibt so anrührend nachvollziehbar ihre Skrupel und ständige Selbstbefragungen, warum sie ihrer Mutter und ihrem Bruder nicht in den sicheren Tod gefolgt und diese auf diesem Weg begleitet hat, sondern das Leben wählte. So viel Größe zeigt eine ästhetische Seele jenseits jeglicher religiöser Vereinnahmung. Margot Friedlander hat nicht aufgehört, sich verantwortlich zu fühlen und gibt daher ihre Erfahrungen auch heute noch an andere Menschen weiter. Ich hoffe sehr, dass sie es noch lange tun kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Alter (Teil 2)

Der junge Mensch empfindet seine Ausbildung zuweilen als Qual. Leidet unter Eifersucht genauso wie unter dem ersten Rendezvous. Er leidet darunter, dass ihm sein Lebenspartner wegläuft. Er leidet unter der Einsamkeit, unter der Zweisamkeit, unter seinen Kindern, unter seinem Job. Der jüngere Mensch ist ein Leidensmensch.

Aber, so triumphiert er: Ich bin jung, ich sterbe nicht so schnell. Er verlacht die Alten wegen ihrer Falten, den hängenden Brüsten und dem vorstehenden Bauch. Er verweist auf seinen Knackarsch. Ich will es mir nicht einfach machen und rufen: Nun warte einmal ab! Ich sage nur: Ist das so wichtig beziehungsweise anders? Ist die weiche Haut einer älteren Frau nicht schöner als die Pickel einer 17-Jährigen? Ist die Ruhe und Sanftheit eines älteren Mannes nicht aufregender als die Emphase eines 22-Jährigen? Sicher fordert die Fortpflanzung das Techtelmechtel zwischen jungen Menschen, wenn es aber um Genuss und Erotik geht, ist da nicht die späte Feier besonders schön?

Weder das Leben noch der Tod erschrecken den älteren Menschen mehr als den Jüngeren. Der jüngere Mensch stirbt sogar möglicherweise schneller als der ältere Mensch. Der ältere Mensch kann sich, nachdem er die Jugend überwunden hat, genüsslich Zeit lassen mit dem Ende. Er nimmt sich Zeit für alles: die Erfahrung, die Liebe, die Natur und vor allem seine Ausbildung.

Doch lasst uns im Triumph des Alters die Jugend nicht vergessen. Denn: wir müssen sie erst überwinden, um alt zu werden.
Ab und an wären wir auch gerne wieder jung. Stimmt’s?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ferien vom Ich (Teil 1)

Als ich fünfzehn Jahre alt war, fiel mir ein Gedicht von Friedrich Nietzsche in die Hände, das ich zu meinem Lebensmotto machte:

Ja! ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
Glühe und verzehr’ ich mich
Licht wird alles, was ich fasse
Kohle alles, was ich lasse
Flamme bin ich sicherlich.

Die Orientierung an diesen Worten entsprang in meinem bisherigen Leben dem Bedürfnis prägend zu sein, fest überzeugt davon, dass wir auf die Welt gekommen sind, um etwas zu tun und nicht in erster Linie etwas zu verlangen. Das Bedürfnis an Orientierung wurde verstärkt durch die Lektüre von Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“. Alsbald wollte ich Goldmund sein und war davon überzeugt, dass ich auf einer Sommerwiese geboren wurde.

Das Leben ist schön und in jedem Falle eine Herausforderung. Wir sind geboren worden in der Erwartung unserer Eltern, dass wir etwas schaffen, gegebenenfalls über sie hinauswachsen, Dinge verbessern. Wir sind in der Welt, um in diesen Jahren bewusster Gestaltungsmöglichkeiten alles zu geben.

Jedoch bereits recht früh kommen wir mit etwas anderem in Berührung, und zwar den beengten Verhältnissen, den Schwierigkeiten, vor allem aber den Ansprüchen und den Klagen. Die Schwierigkeiten, unter diesen Umständen Leben zu entwickeln, darf man nicht kleinreden. Das gewöhnliche und außergewöhnliche Anspruchsverhalten und das Klagen vieler Menschen sind differenziert zu sehen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski