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Ereignisse

Ereignisse sind Bestandteil unserer Lebenskultur. Es sind vor allem traurige und schlimme Er­eignisse, von denen in den Medien berichtet wird. Da uns alle diese Ereignisse gegenwärtig sind, kann ich darauf verzichten, Beispiele zu nennen. Die Darstellung der Ereignisse be­schränkt sich in der Regel nicht auf die Schilderung eines Sachverhalts, sondern wird ange­reichert durch Bilder und Bewertungen. Und das scheint mir ein Problem. Kann ein Ereignis objektiv beschrieben werden? Und was verstehen wir unter objektiv? Eine Distanzaufnahme im wörtlichen und bildlichen Sinne?

Wenn dies möglich wäre, folgte dann nicht sofort der Vor­wurf mangelnder Empathie durch den Empfänger der Nachricht des geschilderten Ereignisses? Das gilt für die schlechte Nachricht. Für die gute Nachricht gilt, dass ein großes Maß an Anteilnahme auch verdächtigt wird, zum Beispiel im verächtlichen Sinne als Gutmenschentun, wenn ich hier nur das Beispiel der Willkommenskultur für Flüchtlinge benennen darf. Es ist sehr zweifelhaft, ob ein Ereignis überhaupt einer objektiven Beurteilung zugänglich ist, weil nicht nur das Ereignis selbst meist mehrere Facetten aufweist und die Wahrnehmung eines Ereignisses vor allem abhängt vom Wahrnehmungshorizont des Adressaten.

Und da setzt oft eine gedankliche und emotionale Piraterie durch Andere ein, ob das die Medien, Politiker, Theologen oder Verschwörungstheoretiker sind. Jedes öffentliche Vorkommnis erfährt so eine kollektive Bemächtigung durch Einzelne oder Gruppen, die das Ereignis sezieren, filtrieren und manipulieren, so dass die vermeintlichen Wahrnehmungsadressaten keine Einschätzung des Ereignisses durch Selbstermächtigung mehr haben können.

Der Verstand und das Gefühl, die beide um das Verstehen eines Ereignisses in seinem Kerngehalt ringen, sind nun angehalten, ihrerseits die angebotene Schilderung zu überprüfen, abzugleichen mit Einstellung, Erfahrung und programmatischer Sicht. Nach den ganzen intellektuellen Anstrengungen, die damit verbunden sind, erscheint schlussendlich das Ereignis selbst nur noch eine Metapher dessen zu sein, was wir nicht mehr verstehen wollen oder können. Die Hilflosigkeit gerinnt in einem Satz wie diesem: „Die einen sehen es so, die anderen so.“

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski