Bei Sartre heißt es, dass das Leben absurd sei, man aber dennoch leben möge. Auf diese philosophische Tiefe möchte ich mich aber nicht begeben, sondern vom alltäglichen Lebenstrotz berichten. Der Trotz hat einen Bezug zur Niveaulosigkeit, die ich in weiten Bereichen unseres Lebens heute feststelle. Der Begriff Niveaulosigkeit muss allerdings hinterfragt werden, denn es ist keineswegs gesichert, was unter Niveau zu verstehen ist.
Früher benannte das Niveau eine allgemein verständliche gesellschaftliche Verhaltensweise, die konsensfähig war und weitgreifend in der Gesellschaft auch geachtet wurde. Das beinhaltete, dass man wusste, wie man sich gab, kleidete, aß, sich Nachbarn und anderen gegenüber verhielt. Es war keine Ordnung des Herzens, sondern der Anschauung. Die Attacken dagegen waren unausweichlich und spätestens in den 68er Jahren war jedem klar, diese Ordnung taugt nicht mehr, sie wird in Frage gestellt bzw. abgeschafft. Viele, unter anderem auch ich, haben dies als Befreiung empfunden. Die Befreiung von Zwängen eröffnet Möglichkeiten, neue Erfahrungen zu erproben, Verabredungen zu treffen und Bündnisse zu schmieden. Doch, was ist aus dieser Freiheit geworden?
Aus meiner Sicht nichts Gutes, denn es folgte dem libertären Ideal die Libertinage. Sinnbildlich ist dies unter anderem im Berliner öffentlichen Nahverkehr zu erleben. Als steter Nutzer habe ich dort fast alles schon erlebt, was die Niveaulosigkeit zu belegen geeignet ist. Der rücksichtslose Umgang einiger Reisegenossen mit ihrem Bedürfnis nach ungestörter Selbstverwirklichung zwingt oft zum inneren Abdanken vor der geschmacklosen Wirklichkeit. Wird diese im Einzelfall von einem der Mitreisenden thematisiert, scheitert die Abhilfe nicht an vorhandenen Möglichkeiten, sondern an der Irritation der betroffenen Täter. Diese verstehen einfach nicht, um was es geht und was man von ihnen will. Da es kein konsensfähiges Verhalten mehr zu geben scheint, ist es auch nicht verwunderlich, in Restaurants vor allem junge Menschen dabei zu beobachten, wie sie fast hilflos mit Messer und Gabel umgehen oder mutig den Nachbartisch an der eigenen verbalen Feierlaune teilnehmen lassen.
Auch wenn das Motto zu lauten scheint: Ich zuerst, so ist das keine Frage des inneren Wollens, sondern eine Antwort auf das allgemeine Angebot. Die wirtschaftsmächtige Industrie hat sich der Libertinage bemächtigt und in der Vereinzelung des Menschen außerhalb eines gesellschaftlichen Niveaus enorme Marktchancen entdeckt, die es zu nutzen und zu erhalten gilt. Die so entstandene Rücksichtslosigkeit trägt keine aggressiven Züge, sondern verkörpert ein konturloses Konsumentenniveau. Der einzelne Mensch aber ist nach wie vor hilfsbereit, freundlich, offen und emphatisch. Deshalb ist es gut, trotz der beklagenswerten Niveaulosigkeit weiter zuversichtlich zu leben.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski