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Henne oder Ei (Teil 1)

In seinem steuerpolitischen Verhalten treibt der Staat seinen Souverän, den Bürger vor sich her. Der Bürger erbringt Arbeitsleistungen und versucht, sein Einkommen zu vermehren. Diese Rechnung geht nicht auf. Der Bürger wird in seinen Erwartungen getäuscht, denn er bekommt letztlich weniger als er verdient hat; einen Großteil seines Einkommens verliert er durch Sozialversicherungsbeiträge und Steuern. Der Bürger versteuert sein Einkommen jedoch nicht nur einmal, sondern ständig mit jeder Aktivität, meist wird ihm dies nicht einmal bewusst. Die mit den Sozialversicherungsbeiträgen erworbenen Rentenanwartschaften z. B. sind zwar ihm gegenüber abgegebene Versprechungen, sind aber genauso wenig sicher, wie jeder andere ungesicherte Lebensstandard. Um sich diese vermeintliche Sicherheit und den vermeintlichen Lebensstandard zu erhalten und zudem die Anforderungen des Staates zu bedienen, erhöht der Bürger kontinuierlich die Schlagzahl seiner Tätigkeit auf Kosten seiner Lebenszeit, seiner Gesundheit, seiner Effizienz und Lebensfreude. Obwohl er der Souverän ist, ist der Bürger gleichwohl bisher nur selten den staatlichen Gelderwerbssystemen entgegengetreten, sondern hat sie sogar meist befürwortet. Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Weil die meisten Bürger hoffen, dass der Staat für Abgabengerechtigkeit eintrete, haben Sie letztlich keine Einwände dagegen, dass der Staat Steuern einzieht und sogenannte „Steuersünder“ unerbittlich verfolgt.
  • Vielen Bürgern scheint es aufgrund der eigenen gewohnt bequemen Lebensführung angemessen, wenn andere Bürger – also die Politiker – den Takt vorgeben und das System vorhalten, welches ihnen Lebensstandard und Sicherheit verspricht.
  • Der Rückfluss von Steuermitteln in den sozialen Bereich oder auch sonstige Steuervergünstigungen und Subventionen erwecken bei den Begünstigten den Eindruck, das Steuersystem bevorzuge ihre Haltung, was allerdings einer Wahnvorstellung gleichkommt.
  • Ein Großteil der Bürger ist Nutznießer der staatlichen Geldverteilungspolitik und nimmt daher gerne, was ihm gegeben wird. Richtig ist, dass der Bürger als interessensgesteuerter Mensch kaum bereit ist, seine Komfortzone zu verlassen, solange der Lebensstandard nicht gänzlich in Frage steht und der Besitzstand gewahrt ist. Warum sollte er seine Einstellung ändern?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Augenblick der Betrachtung

„Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!“

So hat Goethe Faust sein Ende beschreiben lassen. Verweilen als Aufgabe der Unrast, Bereitschaft abzuschließen mit einem tätigen Leben. Diese Sichtweise ist zwar literarisch verbürgt, aber verweilen kann weit mehr implizieren, als die Beschaulichkeit der Endlichkeit. Verweilen ist auch innehalten, das Wägen und Prüfen eines Umstandes und Wahrnehmung des Augenblicks der Besinnung und des Resets.

Ein Weiler gewährt dem Reisenden Geborgenheit, beschützt ihn und lässt, bevor er weiterzieht, seine Kräfte erstarken. Wenn ich verweile, begegnet mir möglicherweise auch die Langeweile wieder, die unendliche Zeit des üppigen nichts tun müssen oder nichts tun können. Die Langeweile entspannt, entwickelt Empfindungen, Bilder und Gerüche, hat Einfluss auf die Zeit.

Wer verweilt, hat die Möglichkeit, sich körperlich, geistig und seelisch zu erholen, wird aber auch konfrontiert mit Sinneseindrücken, die die Geschäftigkeit des Alltags unterdrückt hat. Sehnsucht stellt sich ein, Sehnsucht nach dem, was unerreichbar erspürt wird. Ein Gefühl der Verlassenheit paart sich mit einer Ahnung des Möglichen, mahnt den Verweilenden zum Aufbruch nach einer Zeit des Innehaltens.

Das Verweilen ist dem Kind sehr nahe, geht aber im geschäftigen Leben abhanden. Um die Kraft des eigenen Seins wieder zu spüren und in der Erkenntnis, dass das Leben nicht durch die Hetze wertvoll gemacht wird, sollten wir uns auf das Verweilen einlassen, wieder mit uns selbst, unserer Familie und Freunden. Eine Gesellschaft, in der das Verweilen wieder Mode wird, kann ihre Lebenszeit auf erquickende Weise dehnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zeit, Raum und Einstellung

Die Erfassung von Zeit und Raum besteht in ihrer Definition. Wir haben diesen Aspekt indem wir ihn benennen als physikalisches Phänomen verselbstständigt und betrachten ihn als etwas uns Unbekanntes, etwas, das außerhalb von uns liegt. Wir implizieren so unsere Schwierigkeiten, das Problem zu lösen, bereits in der Versuchsanordnung. Um aus der mechanischen Betrachtung zum Wesen der Zeit zu finden, müssen wir uns dem Phänomen der Zeit in uns selbst nähern. Dazu die folgenden Einschätzungen:

  • Zeit als Maßstab der Vergänglichkeit. Wir beobachten, dass etwas entsteht, seinen Höhepunkt erreicht und wieder vergeht. Zeit ist bei unseren Beobachtungen immer etwas in der Mitte, das nach Veränderung strebt.
  • Zeit wandert von einem Mittelpunkt in alle Richtungen. Zeit dehnt sich aus und streift alles, was ist und nicht ist.
  • Zeit ist die Wahrnehmung unseres Bewusstseins, Zeit zu haben. Zeit ist Freiheit, indem sie als grenzenlos vorhanden benannt wird.
  • Zeit ist der Augenblick, in dem alles ruht, ein fixiertes Phänomen des Gegenständlichen, welches in den Bereich des noch zu Schaffenden eintritt.
  • Zeit ist eine Generationenreise durch Benennung von Geschichte und Geschichten und der Spekulation auf die Zukunft. Zeit ist insoweit antizipierte Erwartung, Hoffnung im Abgleich mit der Geschichte.
  • Zeit ist die Wahrnehmung der Möglichkeiten unter Einsatz aller Sinne und Respekt vor dem Nichtbekannten. Indem wir alles zulassen, erfahren wir die Wirklichkeit des Mythos, in dem sich alle Distanz aufhebt. In diesem Augenblick dehnt sich Zeit in uns zu einem Regal der Erkenntnis.

Mit der Erkenntnis von Zeit als etwas, mit dem wir umgehen können, ist unsere Ohnmacht aufgehoben. Wir müssen nicht mehr sehnsuchtsvoll nach fernen Sternen oder angstvoll in die Zukunft blicken. Wir müssen uns nicht mehr Zeitreisen in die Vergangenheit plastisch darstellen, sondern wir haben die Zeit in uns und der Schlüssel ist unsere eigene Wahrnehmung. Wir entschlüsseln uns die Zeit, indem wir sie haben. Wir haben Zeit. Unsere Zeit entsteht z. B. dadurch, dass wir älteren Menschen zuhören, wie sie aus ihrer Kindheit erzählen. Unsere Zeit besteht dadurch, dass wir von unseren Kindern erfahren, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Das, was in dieser Zeit entsteht, umfasst schon mehr als unsere Lebenszeit. Es ist aber nur der Anfang. Wenn es uns gelingt, unsere Sinne zu aktivieren, sehen wir den Bogen des Wissens und des Ahnens gespannt aus aller Ewigkeit in alle Ewigkeit. Alle Phänomene der Zeit ruhen in uns und warten nur darauf, entdeckt und erweckt zu werden. Die Gegenwart des Mythos ist uns nur deshalb verschlossen, weil wir meist physikalisch die Zeit beherrschen und definieren wollen, weil uns das absolute Argument der Zeit jede Deckung raubt. Wir schaffen uns eigene Schutzräume, indem wir uns in der Gegenwart einrichten und die Totalität des Möglichen als Bedrohung empfinden. Da wir nichts erfinden können, wissen wir und behaupten gleichzeitig, das Außergewöhnliche gäbe es nicht, jedenfalls nicht in einer unmittelbaren Form. Die Sehnsucht ist aber auch eine Form des Wissens. Die Physik der Umwege ist auch nur eine Möglichkeit wahrzunehmen, ein Argument neben vielen anderen, die, wenn sie nicht als Spinnerei abgetan werden, einen gleichwertigen Platz in der allumfassenden Erfahrung beanspruchen können.

Alles beginnt mit dem Bekenntnis: Ich habe Zeit; nicht die Zeit, die Andere vorgeben, sondern die Zeit, die ich mir nehme. Die Quantität und Qualität von Zeit ist eine Summe der subjektiven und objektiven Umstände, die ein Ganzes bilden. Wir kreisen im Experiment und in den Worten im Vorhof der Zeit, ohne in ihren Kern eindringen zu wollen. Möglicherweise könnte die Aufhebung unseres Verständnisses für Zeit und Raum die Berechnung eines aus der Spannung lebenden Ich-Bezugs verändern und ließe es zu, dass wir uns der Erkenntnis asymptotisch nähern. Das Ewige ist das, was alles ist. Das, was es ist, entzieht sich unserer Benennung. Die Benennung schafft Orientierung, das Benennungslose dagegen schafft alles, d. h. den Grund, in dem sich alles definiert und gleichzeitig aufhebt. Wir Menschen haben uns dem Ewigen genähert, indem wir das Nirwana benannt haben. Verzichten wir auf die Beschreibung der Konturen, werden wir wach, sehen, fühlen und ahnen; eine persönliche Form des Erkenntnisgewinns.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski