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Altersarmut

Davor habe ich Angst: Altersarmut. Ach Quatsch, sage ich dann, über 40 Jahre gearbeitet und noch immer leistungsfähig, viel Steuern gezahlt und zuweilen auch anderen geholfen. Da muss Armut im Alter doch ein Fremdwort sein. Ob ich mich vielleicht täusche?

Irgendwann im Alter funktioniert das nicht mehr mit der Innenansicht der eigenen Leistungsfähigkeit und der Außensicht, das heißt die Einschätzung meiner Leistungsfähigkeit durch andere. Das Auseinanderdriften der Anschauungen geschieht nicht von einem Tag auf den anderen, das ist ein Prozess. Je mehr ich darauf beharre, dass ich zwar älter geworden bin, aber mich eigentlich nicht geändert habe, schallt es zurück: „Toll, wie Du Dich noch gehalten hast“ oder „man sieht Ihnen Ihr Alter aber wirklich noch nicht an. Wie lange machen Sie noch? Haben Sie Hobbys? Spielen Sie etwa Golf?“

Signale sind das. Wenn ich genau hinhöre, merke ich, dass sie mich loswerden wollen. Das geschieht nicht auf brutale Art und Weise, sondern es entstehen Parallelwelten in Kirchengemeinden, Rudervereinen und Parteien. Man darf Senior sein, nein man muss Senior sein, Kaffee trinken mit anderen Senioren, basteln und in der Altherrenriege aufgestellt werden.

Soziale Entkopplung auf besonders heimtückische Art. „Ich will Ihnen nicht mehr so viel zumuten.“ Dabei sind wir lästig, wir älteren Menschen. Wir wollen zwar nicht aufhören zu arbeiten, beziehen aber bereits die Rente, die unsere Kinder und Enkelkinder erarbeiten müssen. Von wegen Solidarität. Jede Generation ist sich die nächste, alles, was ich für meine Kinder und den Staat aufgewandt habe, ist längst verbraucht und vergessen, vielleicht war ich ein AAA-Steuerzahler, aber jetzt ist Zapfenstreich. Und den blasen andere, gerne auch laut.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski