250 Jahre Hölderlin, wir feiern mit Enthusiasmus seinen Geburtstag! Es gibt Lesungen und Interpretationsforen. Einfühlende Lebensbegleiter weisen uns den Weg unseres Idols von Susette Gontard bis zur geistigen Umnachtung im Turm von Tübingen. Nichts entgeht den Interpreten.
Oder doch? Kann es sein, dass manche übersehen, dass Hölderlin auch und wahrscheinlich sogar vor allem ein schwäbischer Mensch war? In Laufen am Neckar geboren, kannte er bereits mit vier Jahren die herzzerreißende Geschichte von der Herzogstochter Regiswindis, die in ihrer Kapelle nahe der Kirche eingesargt liegt. Als Kinder haben ich mit anderen dort oft gespielt und wir haben uns die schaurig schönsten Märchen ausgedacht.
Von der Kirche auf dem Gang runter ins Tal zum Neckar befanden sich Weinkeller, die nach unserer Auffassung nur in die Unterwelt führen konnten. Als Kinder saßen wir oft waghalsig auf der Kirchenmauer und schauten über den Neckar zur Burg, die weiteren Erzählungen nach von einem Meteoriten getroffen worden sein soll. Es ist also eine mystische Gegend und nicht nur Laufen, sondern viele weitere Orte, ob Schwäbisch Hall, Stuttgart, Nürtingen, Heilbronn oder Weinsberg. Dieser Menschenschlag von Hohenloheren, Unterländern und Schwaben, formte einen Menschen wie Hölderlin. Der Herkunft kann man sich nicht entziehen. Strenge erzeugt Formstrenge.
Als Kind kann ich mich an Plakate zur Faschingszeit erinnern. Auf diesen stand: Gott schaut hinter deine Maske. Pietismus, Zweifel und Rechthaberei sind knorrige und trotzige Attribute der Sprache, die Hölderlin verwendete. Er sprach kein aseptisches Hochdeutsch, sondern schwäbisch. Wer jemals versucht hat, die Parzen oder auch andere Gedichte von ihm auf Schwäbisch zu lesen, begreift sofort, worum es ihm eigentlich ging: das trotzige Bekennen trotz aller Zweifel, die er nicht abschütteln konnte. Das beengte und gleichzeitig mystische Seelenweite lässt das erstehen, was das Auge nicht ohne weiteres zu erkennen vermag. Wer auf der Weibertreu der Windharfe zuhört oder den Welzheimer Wald durchwandert, der weiß Bescheid.
Es ist kein Zufall, dass der Arzt Justinus Kerner nicht nur Hölderlin, sondern auch die Seherin von Prevorst behandelte und dabei selbst Dichter war. Wenn die spirituellen Grenzen durchlässiger werden, dann verfließen Wirklichkeiten, bis sie sich dem Offensichtlichen abschließend verweigern. So ist Hölderlin eben auch einer von uns. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski