Schlagwort-Archive: liberales Gemeinwesen

Nach 1968 (letzter Teil)

Der Staat reagierte auf seine Herausforderungen, und zwar nicht nur mit Wasserwerfern und persönlicher Repression, sondern insgesamt mit einer Politik, die in keiner Weise integrativ wirkte. Die Stationierung von Pershing-II-Raketen und die Notstandsgesetze wirkten dabei genauso abstoßend wie die zunehmende Installation von Atomkraftwerken und die Gettoisierung der Städte, insbesondere für Ausländer. Studenten und Staat erklärten sich den Krieg und kämpften auf einem völlig illusionären Terrain, auf dem es für beide Seiten nichts zu gewinnen gab. Die Jugendlichen, insbesondere die studentischen Jugendlichen, verweigerten ihren Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten in der Bundesrepublik und der Staat reagierte auf eine angebliche Bedrohung, die sich so zunächst überhaupt nicht abzeichnete. Es gab niemals eine revolutionäre Situation in Deutschland. Die Studenten mögen mitgefühlt haben mit denjenigen, die in Griechenland oder in Chile oder sonst wo auf der Welt gefangen genommen, gefoltert, ausgewiesen worden oder geflohen waren. Das Unglück verfolgter Menschen war aber nicht ein Zerrbild unserer Gesellschaft, sondern das Fehlverhalten der Machthaber in deren jeweiligen Heimatländern. Die Mehrzahl der nach Deutschland aus Jugoslawien oder der Türkei, zunächst aber auch Spanien oder Italien zugereisten Ausländer kam aus wirtschaftlichen Gründen und prägte ihre Gesellschaft in unserer Gesellschaft nach eigenen Ansprüchen und Motiven. Wir beschworen Multikulti, für Andere war und blieb es nur ein liberales Gemeinwesen, in dem die eigene aber auch andere Kulturen erlebt und gepflegt werden konnten und bis heute können. Die Unfähigkeit, vorbehaltlos zu analysieren, daraus für unsere Gesellschaft notwendige Schritte einzuleiten, gehörte nach meiner Einschätzung auch in das Verhaltensportfolio eines ’68ers.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehr davon gibt es im nächsten Beitrag …