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Geld

Geld mache nicht glücklich, so heißt es im Volksmund. Aber wenn das so ist, warum wollen fast alle Menschen Geld haben? Mit Geld erkaufe man sich Freiheit, behaupten die einen. Die anderen verweisen auf den Aspekt der Unabhängigkeit, nichts mehr mit der Last des Alltags tun zu haben müssen. Die Last des Geldes? Eher die Last des Gelderwerbs. Viele Menschen auf dieser Welt schuften bis zur körperlichen Erschöpfung und erhalten gerade so viel Geld, um sich das Nötigste zum Überleben kaufen zu können. Andere schwimmen im Geld. Dabei ist auch von ihrem „Verdienst“, sogar in Millionenhöhe, die Rede. Der Aspekt des Dienens ist dabei allerdings nicht erkennbar. Bei den Armen heißt erworbenes Geld daher auch nicht Verdienst, sondern allenfalls Lohn. Eine Art Geschenk des Dienstherrn. Mit Geld werden gesellschaftliche Rituale belebt. Nicht nur, dass Geld stofflich nichts bedeutet, sondern Geld verkörpert auch an sich keinen Wert. Entscheidend ist der jeweilige Aspekt der Betrachtung, die Legitimität seiner Wertigkeit. Der genügsame Mensch, der genug Geld hat, um von anderen unabhängig zu sein, wähnt sich reich. Der Reiche, der tagaus tagein um den Verlust seines Reichtums zittert, wähnt sich bereits arm zu einem Zeitpunkt, zu dem er es noch nicht ist. Sein Misstrauen hat das Geld bereits entzaubert. Es ist ihm schon eine wahre Last, darauf aufpassen zu müssen. Zum Gelde zieht’s. Zum Gelde strebt’s. Tausendjährige Menschheitsgeschichte vermag daran nichts zu ändern. Nicht mehr der Alchemist, sondern wir versuchen, aus nichts Geld zu machen. Wir hoffen, dass die anderen uns versprechen, das Produkt unserer Fantasie zu achten. Gäben wir das Geld der Lächerlichkeit preis, schon wäre es verschwunden.

Aber das ist nicht alles. Geld ist auch die „Lingua franca“ der Welt. Auch wenn sich Esperanto nicht durchgesetzt hat und wir alle unterschiedliche Sprachen sprechen, Geld und die mit dem Handel verbundenen Handbewegungen versteht jeder. Geld ist das herausragende Kommunikationsmittel und damit wirkungsmächtig. Geld hat mit Ziffern und Zahlen zu tun. In Ziffern und Zahlen vollzieht sich unser ganzer Lebensrhythmus, vom pulsierenden Computer bis zum Herzen. Alles im Takt. Meist auch im Takt des Geldes. So ist Geld auch ein Teil von uns. Es zu verlieren, setzte uns selbst aufs Spiel. Wagen wir aber etwas, verdoppeln wir die Einsätze, dann gewinnen wir noch weit höher. Vielleicht ausnahmsweise einmal nicht Geld.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski