Schlagwort-Archive: Mainstream

Kochen (Teil 1)

Ich koche für Dein Leben gern! Es ist etwas erschreckend zu erfahren, dass überhaupt nur noch 1/3 der deutschen erwachsenen Bevölkerung kocht. Das ist erstaunlich, weil Kochsendungen einen hohen Anteil am Programmangebot des Fernsehens bieten. Kochbücher sind sehr beliebt und von den ausgeklügelsten Rezepten liest man querbeet durch alle Zeitschriften und Zeitungen. Und doch: Der moderne Mensch scheint nicht mehr zu kochen, sondern geht entweder ins Restaurant, lässt sich bekochen oder reißt zu Hause die Verpackungstüten von Fertiggerichten auf. Convenience Food ist das Stichwort für modernes Konsumverhalten in Sachen Essen. Es vermittelt die Vorzüge einer passgerechten Ernährung, die auf Zeit und Umstände reagiert, gut schmeckt und deren Überbleibsel schnell zu entsorgen sind. Die Verpackung dient als Teller, das Besteck wird oft schon mitgeliefert. Es entfällt der Abwasch. Der Mensch kann sich schnell wieder seiner Arbeit oder dem Vergnügen zuwenden. Auch Gäste können anstrengungslos bewirtet werden. Selbstmachen ist anscheinend nicht mehr in.

Wenn eine ganze Gesellschaft sich im Mainstream befindet, prüft sie auch nicht mehr nach, ob das Verhalten gesundheitlich noch tragbar und umweltverträglich ist. Die Bilanz könnte sich als erschreckend erweisen. Schon ein Blick auf die Zusammensetzung des Essens und seiner Begleitstoffe dürften die Menschen aufhorchen lassen. Die Zusammenstellung der Zutaten kommt nicht nur aus EU-Ländern. Der Weltmarkt steht offen für das, was wir essen sollen. Mohrrüben aus China oder Ägypten, Kohl aus Neuseeland und Salat aus Bolivien. Die ganze Welt als einziges Anbaufeld – Lieferanten der Essenszutaten handeln nur unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit und Gewinnmaximierung. Das ist leider selbstverständlich geworden. Was die Zutaten ge­schmacklich nicht vermögen, wird durch Fettzugaben, Zucker und Aromen ge­schaffen. Wir täuschen so unseren Geschmackssinn und auch unseren Körper.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Fehlerlos

So wünschen wir es uns. Alles soll möglichst fehlerlos sein: das Auto, der Kühlschrank, die Kinder und die Ehefrau oder der Ehemann. Wir haben Maßstäbe für die Fehlerlosigkeit gebil­det, sowohl im technischen als auch im beruflichen und menschlichen Bereich. Was die DIN-Vorschriften im technischen Bereich vorgeben, ersetzen im betrieblichen Bereich CSR und Good Government und im menschlichen Bereich „Political Correctness“.

Inzwischen ist aus ge­regelten Teilbereichen der angestrebten Fehlerlosigkeit eine Unfehlbarkeitspyramide erwach­sen, die eine Rundumschau auf den Prozess der Implementierung von Fehlerlosigkeit in unse­rer Gesellschaft erlaubt. Fehlerlos sind wir Menschen nicht an sich. Wir müssen uns dahinge­hend erziehen lassen und auf Widerstand verzichten. Die Schlagworte sind hinlänglich be­kannt und belegen unsere Defizite als umfassend komplex. Von herausragender Bedeutung ist dabei selbstverständlich die Sexualität.

Diese brodelt allgegenwärtig und darf Menschen in allen Phasen ihres Lebens zwar nicht abgesprochen werden, muss aber die ihr zugedachte Aufgabe in multipolaren Ausdrucksformen finden. Die Endindividualisierung der Sexua­lität dürfte zwar dabei noch ein Fernziel sein, aber ein durchaus erreichbares. Was für die Se­xualität gilt, hat auch Auswirkungen auf die Angst. Wir dürfen uns nicht mehr fürchten müs­sen, in einer fehlerlosen Gesellschaft ist Schluss damit.

Soweit die scheinbaren Realitäten durch Sprache behauptet werden, müssen wir beginnen unsere Sprache von Fehlern zu säu­bern, die diese Missverständnisse erlauben. Nur das Reine ist wirklich fehlerlos. Es werden schon erhebliche Anstrengungen unternommen, um unsere Sprache reinzuhalten. Dies ist kein ganz einfaches Unterfangen, da unsere Sprache, die sich allmählich entwickelt hat, auf eine solche Radikalkur nicht vorbereitet ist. Aber, ich bin überzeugt, irgendwann wird es gelingen, die Sprache so umzukrempeln, dass sie kompatibel ist.

Kompatibel aber womit? Was können wir mit fehlerlosen Umständen anfangen, wenn wir selbst noch Fehler haben? Die Gedanken sind frei! Ach Quatsch, wie soll derjenige, diejenige oder dasjenige sich fehlerlos ausdrücken, wenn es, sie oder er noch fehlerhaft denken oder empfinden? Wir vermuten doch zu Recht, dass der, die, das Sprechende eine vom Mainstream abweichende Mentalreservation behält und damit das ge­sprochene Wort verunehrlicht.

Das Wort wird in seinem Kern fehlerhaft durch unsere Gesin­nung. Wir sollten also früh damit beginnen, uns in Gruppen zu versammeln, unsere Fehler einander zu bekennen, uns demütigen vor anderen, um einen erkenntnisreichen Status zu er­langen, Vorbild zu werden für Andere. Dies darf nicht davon abhängig sein, welche berufli­che Qualifikation jemand innehat, sondern wir müssen alle voneinander lernen, unsere Grup­pen sollten sexuell, ethnisch, spirituell, religiös, intellektuell, handwerklich, transzendent, materialistisch und biologisch völlig durchmischt sein und keiner darf es merken, geschweige denn erwähnen, um der, die, das Nichtberücksichtige nicht zu diskreditieren.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski