Schlagwort-Archive: Markt

Vertrauen

Vertrau mir! Auf allen Kanälen wird um Vertrauen geworben. Vertrauen in die Politik, in die Währung und sogar ins Internet. Vertrau mir! Das ist das mit Erwartungen verbundene Mantra unserer Gesellschaft. Ist das aber so einfach?

Derjenige, der vertraut, hat aufgrund konkreter Verabredungen die Überzeugung, dass das Vorgestellte sich auch erfüllt. Vertrauen basiert also nicht auf Mutmaßungen und vagen Erwartungshaltungen, sondern folgt konkreten, strukturierten, erfassbaren Gegebenheiten. Das auf dem Markt und in den Medien eingeworbene Vertrauen basiert in der Regel aber nicht auf Fakten, ist nicht strukturiert und auch nicht spezifiziert, obwohl jeder Adressat dieses Werbens sich angesprochen fühlen soll.

Es gibt ohnehin kein allgemeines „Vertrauen“, sondern nur spezifisches Vertrauen. Es gibt ein Vertrauen des Gebers und ein Vertrauen des Nehmers. Das Vertrauen des Gebers basiert auf der eigenen Einschätzung der Umstände einschließlich des Risikos, im eigenen Vertrauen getäuscht zu werden. Der Vertrauensbruch hat dann auch keine unüberwindbaren Konsequenzen, sondern führt allenfalls zur Veränderung des eigenen Verhaltens und Anpassung an neu zu beurteilende Umstände. Die Erwartungshaltung des Adressaten eingeworbenen Vertrauens ist dagegen ganz anders strukturiert.

Die Erwartungshaltung ist weit verletzlicher, gefühlsbetont und ohne Berücksichtigung des Scheiterns. Die Vertrauensbekundung des Empfängers korrespondiert allerdings mit Misstrauen und lässt es so zu, dass all das, was noch kurz zuvor für richtig empfunden wurde, bei Gefährdung des Vertrauens nun als abwegig behandelt wird. Das Misstrauen mag nicht gerechtfertigt sein, bemächtigt sich aber, obwohl es nicht faktengestützt ist, des Empfängers einer Botschaft. Daher wäre es sinnvoll, vom inflatinonären Gebrauch des Begriffes „Vertrauen“ abzusehen und vielmehr die konkrete Basis des Vertrauens so zu strukturieren, dass auch der Empfänger entsprechender Verlautbarungen sich darauf verlassen kann. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Das ist gut gesagt, aber in der Wirklichkeit nicht zu meistern. Die Kontrolle versagt an den Möglichkeiten des eigenen Beurteilens und Eingreifens, zumindest in der Regel. Daher sollte von Vertrauen nur dann die Rede sein, wenn man sich darauf verlassen kann und der Missbrauch des Vertrauens nicht nur mit Konsequenzen bedroht wird, sondern diese im Falle des Missbrauchs auch umgesetzt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

WEGFINDUNG (Teil 2)

Der Markt bestimmt, welchen Wert er einem Produkt zubilligt, um die Nachfrage zu stimulieren, es verkaufsfähig zu machen und es für die Befriedigung der Verbraucherwünsche einzusetzen. Nichts anderes geschieht im philanthropischen Bereich, nur dass die Ware in der Regel nichts Gegenständliches sein muss, sondern eine besondere Form der Dienstleistung mit anderen signifikanten Merkmalen darstellen kann. Diese Ausstattungsmerkmale der Dienstleistung können unter den Merkwörtern Integrität, Vertrauensbildung, Selbstlosigkeit und Effizienz zusammengefasst werden. In ihrem Wertmaßstab unterscheiden sich philanthropische Produkte zwar einerseits von Dienstleistungsprodukten, die nur darauf gerichtet sind, eine finanzielle Gegenleistung zu provozieren, sie erweitern aber   andererseits   sozusagen   als   Leitidee   auch   den   Bereich   der Durchsetzungsfähigkeit und der Wirksamkeit aller nicht primär philanthropischen Produkte auf dem Markt.

Kompensation, das heißt, das Wechseln von Geld ist eine Form der gesellschaftlichen Anerkennung für ein erwerbbares Produkt und verschafft demjenigen, der die finanzielle Anerkennung im Austauschprozess erfährt, einen Bedeutungszuwachs. Geld ist daher nicht das eigentliche Ziel aller unserer täglichen Bemühungen, sondern es ist das Mittel, um den entscheidenden Zweck zu erreichen, und zwar Freiheit, Unabhängigkeit und gesellschaftliche Anerkennung. Das sich selbst aufzehrende Geld würde keinerlei Bedeutungszuwachs für den handelnden Menschen mehr bieten. Im Dienstleistungsbereich, insbesondere im philanthropischen Dienstleistungsbereich, ist eine Form der Anerkennung vorgesehen, die demjenigen, der leistet, eine hohe gesellschaftlich relevante Bedeutung verschafft, ohne dass diese unmittelbar darauf beruht, dass der Leistende für die einzelne Dienstleistung auch stets eine finanzielle Kompensation verlangt bzw. erhält. Die Raffinesse des Vorgangs besteht vielmehr darin, dass nicht der eigentliche Akt des Gebens und Nehmens, sondern die Grundlage des Handelns selbst bereits eine maßgebliche gesellschaftliche Bewertung erfährt und das philanthropische Handeln nur die Konsequenz aus der zuvor bereits getroffenen Richtungsentscheidung des Handelnden ist.

Aus seiner eigenen Integrität heraus hat er sich dazu entschlossen, Verantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren. Die Stiftung, die gemeinnützige Gesellschaft oder der gemeinnützige Verein werden von ihm gegründet, die Mittel zur Verwirklichung des Zweckes eingeworben und auf der Grundlage bestehender Erträge, Spenden und Zuwendungen können seine Vorhaben umgesetzt werden. Der Handelnde vertraut das von ihm hergestellte philanthropische Produkt dem Markt an. Dabei werden Arbeitsplätze geschaffen, Dienstleistungen nachgefragter Art erledigt und insgesamt gesellschaftliche Prozesse gefördert, die in struktureller Weise einer industriellen Produktionsgesellschaft nicht nachstehen, sondern die gleichen Merkmale der Verschränkung von gesellschaftlichem Begehren und dessen Anerkennung aufweisen.

Diese Anforderungen hat die Philanthropie berücksichtigt. Sie spiegeln sich schon heute wider im Milliardenvermögen der Stiftungen, das sich nicht verzehrt, sondern im Gegenteil stetig anwächst, weitere Erträge schafft und die Handelnden in die Lage versetzt, immer selbstbewusster zu werden, das heißt den Herstellungsprozess und den Vertrieb des Produktes auf dem Markt permanent machtvoll zu steuern. Diejenigen, die bereits über große Vermögen verfügen und dieses in philanthropischen Unternehmen eingesetzt haben, erkennen ihre Chancen,   auf   diesem   neuen   Tätigkeitsfeld   zu   reüssieren,   dabei   das Alleinstellungsmoment in vielen Bereichen zu festigen und die philanthropische Nachfrage des Marktes auf manchen Feldern fast exklusiv zu bedienen. Dies wird sich allerdings bald ändern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski