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Life in Venice

Es schüttete wie aus Kübeln auf die Brücken, Straßen und Kanäle dieser Stadt. Der Wind fegte über den Markusplatz und verfing sich in den Ecken und Winkeln der Gassen, pfiff durch die Brückenmünder und trieb kurios verrenkte Schirme aller Konstruktionsarten und Farben vor sich her. Ein menschenlebendiges Sauwetter ohne Tourismus. Keiner weit und breit, der Markusplatz war wie leergefegt, sogar die Tauben hatten sich verkrümelt. So gefiel mir Venedig. Und es war das erste Mal.

Am noch trockenen Vortage sind wir den Horden ausgewichen nach Castello, sahen uns hungrig an Fassaden, Parkanlagen und normalem venezianischen Leben im Quartiere Sant Elena. Am Tage vor dem großen Regen fuhren wir mit einem Vaporetto zur Isola di San Michele, der einzigartigen Wohnstätte nicht mehr Lebender Venedigs. Darunter berühmte Namen und protzige Neuvenezianer, die mit Laubenpiperheimen aus Stahl und Glas um persönliche Anerkennung in alle Ewigkeit werben. Der Architekt Chipperfield unterstützt sie dabei, indem er für sie ein grandioses neues Grabfenster entworfen hat. Man muss die Toten bemitleiden, die nicht die Chance haben, in Venedig beerdigt zu werden.

Stadtteile sollte man nicht gegeneinander abwägen. Alle haben ihren Reiz. Ob Dorsoduro, Santa Croce oder Cannaregio, ganz zu schweigen natürlich von San Marco und der Rialtobrücke, die allerdings derzeit wegen Bauarbeiten teilweise verhüllt ist. Bei unserem Besuch war sie ertüchtigt worden durch lautstarke Demonstranten, begleitet von Polizisten mit Schild und Sturmhaube. Am folgenden Abend bei Starkregen und Sturm an gleicher Stelle heulten die Sirenen und Teile der die Brücke umgebenden Stadt verfielen vorübergehend der gänzlichen Schwärze. Seelige Momente für Banditen.

Venedig, ganz sicher keine gewöhnliche Stadt, sondern ein Geflecht von Schatzinseln. Wir haben fast alles geschafft: den Palazzo Ducale, die Basilika de San Marco, San Zaccaria, Palazzo Querini Stampala Pinacoteca, Santa Maria della Salute, Galleria dell‘ Accademia, das Guggenheimmuseum, Palazzo Zenobio, Scuola Grande di San Rocco, San Pantalon, San Rocco und noch etliche Kirchen mehr. Bellini, Tizian, Tintoretto, Carpaccio, Veronese, Canaletto, Strozzi, das Werk dieser Meister in verrückter Üppigkeit und anmaßender Opulenz. Na und? Wer lässt denn heute noch so malen und für welchen Zweck sollte dies dann sein?

Wir, die armseligen Touristen hetzen durch die grandiosesten Säle der Menschheit mit Spiegeln, die wir vor uns hertragen, damit wir die Decken und ihre Bildbotschaften entziffern können. Im schummrigen Licht versuchen wir, die Geschichten zu erfahren und die bildgewordenen Erzählungen nachzuempfinden. Ich bekenne, ich bin diesem Angebot kaum gewachsen. Ich verstehe, dass die Mächtigen ihrer Zeit diese Bilder brauchten, um ihren Bedürfnissen nach Erbauung und Zerstreuung einen Ausdruck zu verleihen und andere zu beeindrucken durch schiere Monumentalität.

Was habe ich dem entgegenzusetzen außer schnellgeschossene I-Phone-Bilder und Selfies? Manche der kulturbegierigen Wegbegleiter aus der touristischen Szene in Venedig werden Wochen brauchen, um die über Smartphones gewonnenen Bilderschätze zu verarbeiten. Ich bleibe cool. Kein einziges Bild, das ich knipse. Doch die Bilder sind auch im Kopf kaum zu speichern. Aber es bleiben die Eindrücke von Bedeutung, Erhabenheit, Stolz und Ernsthaftigkeit, welche diese Stadt einmal ausgezeichnet haben. Tempi passati. Alles vorbei. Alles? Mit Sicherheit nicht. Venedig ist eine Stadt des Lebens und der Genüsse: unbeschreiblich schmackhafter Tintenfisch, Muscheln, Scampi und Hauswein, der aus riesigen Plastikbottichen in Flaschen und unsere Gläser abgefüllt wird. So lässt es sich leben trotz Tourismus und Regen. Die Venezianer zeigen es uns.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski