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Verführung

Von dem auch meinerseits hoch verehrten Schriftsteller Hermann Hesse las ich neulich in seinem Tagebuch des Monats Juli 1933 etwas darüber, wie eine politisch eher uninteressierte, wirtschaftlich nicht gefährdete und geistig gereifte, den Menschen zugewandte Persönlichkeit für Hitler und den Nationalsozialismus begeisterungsfähig werden konnte.

Dies geschah anlässlich einer Bahnreise, auf der ihr eine attraktive, im Wesen liebenswürdige junge Frau gegenübersaß und von den Massenbewegungen berichtete, die Hitler zu entfesseln verstand und schließlich auch sie bereits begeistert hätte. Allein diese Reisebekanntschaft habe dann bei ihr ebenfalls das Feuer der Begeisterung entfacht. Nun will sie auch da sein, wo diese reizende Person sich zuvor schon eingefunden hat. Wir wissen, dass Erotik und Entfachung von Massen politische Erfolge eher garantieren, als programmatische Inhalte.

1.000 dumme Fliegen, die sich auf einem Scheißhaufen niederlassen, die können sich einfach nicht irren, und zwar deshalb, weil sie einfach viele sind. Bewegungen sind stets nicht das Produkt einzelner Menschen allein, sondern entstehen durch die Verführung durch die bereits Verführten. Ein einzelner Mensch oder ein Schneeball, alles ist lawinenfähig, wenn es Vieles wird. Aus Verführung wird Führung und widersteht schließlich einer Überprüfung. Solange keine Enttarnung erfolgt, wiegen sich die Verführten in Sicherheit. Sie gehören zu den Gewinnern.

Wenn der Spuk aber vorbei ist und Realitäten sichtbar werden sollten, beharren Verführte darauf, dass sie – selbstverständlich gegen ihren Willen – verführt worden seien und folglich von der allgemeinen Amnestie erfasst sein müssten, weil sie durch einen Verführer manipuliert wurden. Wirklich arme Opfer!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski