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Kultur in Europa, Teil 3

Wenn wir die moralische Kraft dazu haben, können wir aber auch sterben lassen und doch Neues schaffen. Wir müssen uns nicht verkrampfen in einem ausweglosen Wettkampf mit unserer Tradition. Wir müssen nicht glauben, dass wir Verrat begehen oder dafür bestraft werden, wenn wir unser Handeln überprüfen, wenn wir uns selbst überprüfen. Aber es geht auch darum, aus der Tiefe unseres kollektiven Gedächtnisses Anregungen für die Gestaltung der Zukunft zu finden. Hierfür benötigen wir allerdings Mut, um uns auf gänzlich neue Herausforderungen einzulassen. Wir müssen wieder grenzenlos denken lernen. Wir müssen erkennen, was uns die neue Zeit bietet an materiellen und moralischen Herausforderungen sowohl in der Realität als auch in der Virtualität. Wir müssen schlussendlich akzeptieren, dass wir in einer Risikogesellschaft leben. Wir müssen unser Risiko bewusst und freudig annehmen, damit wir aus der Dualität zwischen entschlossenem Handeln und neuer Wachheit Lebensentwürfe gestalten können, die wieder für eine Zeit Gültigkeit haben können. Trotz Abwägung aller Umstände erkennen wir, dass es besser ist, etwas zu tun, als überhaupt nichts zu tun. Was sich nicht bewegt, erstarrt. Es hat keinen Nutzen. Versuchen wir, jeden Schritt mit der Vorsicht zu paaren und uns Rückwege offen zu halten, zementieren wir die Rückversicherungsgesellschaft. Eine solche Gesellschaft ist nicht nur individuell sondern auch kollektiv kulturwidrig. Im Politikverständnis entspricht sie uns traditionell in großem Maße: Neid, Missgunst, Egoismus gepaart mit einem mittleren Maß an Misstrauen. Wer will schon gerne loslassen von der Macht und sich der Herausforderung seines Wählers aussetzen. Die große Errungenschaft unserer heutigen staatsverfassten Demokratie ist der Wahlzettel. Auf sublime Art und Weise verkörpert er die Garantie allseitiger  Zufriedenheit.  In  einer  Neidgesellschaft  gibt  es  damit  Korrektive. Institutionell  kommt  keiner  zu  kurz  und  plebiszitäre Übermütigkeiten sind damit abgehakt.

Der Wahlzettel schützt die Politiker in noch stärkerem Maße. Sie sind ausschließlich ihrem Wiedergewähltwerden verantwortlich. Sie behalten die Macht und garantieren dadurch den sozialen Frieden. Plakativ gesehen besteht ein großer Konsens zwischen der Mehrheit der Regierten und der Regierung, auch wenn es zuweilen Unruhe gibt. Ein Fortschritt kommt damit aber nicht zustande. Die verfestigten Strukturen sind reformunfähig und können dem Sterben ideeller Werte etc. keinen Einhalt gebieten. Auf aggressive Art und Weise werden sich Gruppen entwickeln, die ohne Rücksicht auf ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen etc. Raum greifen für die Darstellung ihrer Hilflosigkeit oder ihrer Utopien. Da Geschichte viel gründlicher ist, als man gemeinhin denkt, muss an dieser Stelle an die RAF erinnert werden. Die Terroristen der nächsten Generation stehen vor der Tür. Einhalt gebieten können wir hier nicht, sondern wir können nur Gegenentwürfe fertigen, die überzeugend auch den Einzelnen miteinbeziehen, weil er wieder frei ist, zu entscheiden. Nur die frei verfasste, zivile Gesellschaft ist in der Lage, sich diesen Herausforderungen zu stellen, und zwar in allen kulturellen Aspekten der geistigen Grenzenlosigkeit, des moralischen Erinnerns, des Besinnens auf die Transzendenz allmenschlichen Tuns, die Ausschöpfung neuer materieller Ressourcen, in Verantwortung für die Zukunft und mutualer Verantwortung.

Da dies kein nationales oder nationalstaatliches Problem ist, stellt sich die Frage nach neuen kulturellen Identitäten. Da wir kaum in der Lage sein können, Aussagen für die ganze Welt zu treffen, weil die Entwicklungsstufen der Menschheit global sehr unterschiedlich sind, müssen wir uns darum bemühen, zumindest unsere eigene europäische Situation zu erfassen, grundlegend Gemeinsames aufzudecken und uns neu zu orientieren.

Wenn uns der Druck hierfür noch nicht groß genug erscheint, müssen wir bedenken, dass die Globalisierung, die demokratischen Entwicklungen in Europa, die materiellen und ökologischen Veränderungen insgesamt unweigerlich dazu führen, dass sich Europa ebenfalls ändert. Für uns geht es darum, ob wir an der Spitze dieses Prozesses stehen werden, oder ob der Druck von außen, die Immigrationsbewegungen, die neuen Handelsströme etc. dazu führen werden, dass Europa in der Welt vergessen wird.

Da wir uns gemeinsam dem Neubeginn öffnen sollten, stelle ich nunmehr im Folgenden die europäische Kulturverfassung zur Diskussion: die Europäische Kulturverfassung.

Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag …

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski