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Teilhabe

Besonders anlässlich der Wahlen in Thüringen und Sachsen war bei Politikern und in den Me­dien von Menschen die Rede, die demokratieverdrossen, abgehängt und frustriert seien. Anders sei es auch nicht zu erklären, dass Parteien wie die AfD und das BSW gewählt wurden. Den ganzen Salat an Argumenten muss ich hier nicht wiedergeben, er ist uns allen sattsam bekannt. Wie mag es aber tatsächlich um die Menschen bestellt seien, ob diese im Osten oder Westen, im Süden oder Norden Deutschlands leben?

Ich weiß es nicht, jedenfalls nicht mit dieser Ein­deutigkeit, die Welterklärer bevorzugen. Nach meiner Einschätzung präsentieren sich alle Men­schen, also auch die Wähler, mit ihren Erwartungen, Sehnsüchten und Ansprüchen in einer Vielfältigkeit, die ihnen oft selbst Sorge bereitet, sie ängstlich und bange werden lässt. Es ist alles viel zu viel und zu unübersichtlich für sie, selbst der private Raum nicht mehr ganz sicher. Die gespürten Verletzungen werden vor allem medial geschaffen durch öffentlich geäußerte Erwar­tungen und Verpflichtungen und durch die Erschaffung einer digital verpflichtenden Welt, die Zumutung provoziert, Menschen zwingt, sich permanent auf Unwägbarkeiten einstellen zu müssen.

Die Erfahrung der früher gepflegten Einheit und Konformität, die die Menschen zwar einerseits langweilte, allerdings aber auch beruhigte, veranlassen sie heute, in jedes für sie bild­haft bereitgestelltes Fahrzeug zu steigen, wenn dies die ehemals vertraute Ruhe verspricht und sich Gleichgesinnte darin befinden. Allerdings, wenn sie sich umschauen, werden sie nach ei­niger Zeit mit Erstaunen entdecken, dass sich Menschen im Wagen befinden, die voneinander abwei­chende Meinungen und Erwartungen haben. Was werden sie dann tun? Etwa austeigen? Das Fahrzeug wechseln? Wer weiß? Wer sind nun diejenigen, die die Menschen, Bürger, Wähler abholen und zum Einstieg in ihre Kutschen und Wagons verleiten oder nötigen?

Um im Bild zu bleiben, natürlich die Parteien. Für diejenigen, die ursprünglich nur eine Fahrt ins Blaue buchten, haben sie einen Chauffeur bestellt, Reiseziele benannt und verkaufen – um im Bilde zu bleiben – statt Rheumadecken ihre Programme. Bei Fahrten ins Blaue ist dies traditionell immer so, an Bord gelten die Regeln des Veranstalters. Doch nicht vergessen, ein jeder Reisende hat die Fahrt selbst gebucht. Fühlt er sich in seinen Erwartungen etwa dann enttäuscht, wird es niemanden geben, der ihn dafür entschädigt. Es entspricht lediglich seinem Motivirrtum, wenn er meint, er habe geglaubt, auf der Fahrt ins Blaue interessante Sonderangebote zu bekommen, tatsächlich aber feststellt, dass alle Angebote veraltet und durchschnittlich sind. Per­manent habe ein Vertreter des Reiseveranstalters auf ihn eingeredet, zur Ruhe sei er nicht gekommen, so wird er klagen, aber bereits nach kurzer Zeit sind wohl die Erinnerungen an seine gemachten schlechten Erfahrungen wieder verblasst. Eine neue Fahrt ins Blaue ist schon angekündigt, das Fahrzeug steht bereit und warum sollte er nicht mitfahren? Vielleicht ist dieses Mal alles anders.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Media Overflow

Sollte ich etwa behaupten, dass es ein mediales Überangebot gäbe, würden mir wahrscheinlich etliche Menschen zustimmen. Einmal unterstellt, dies wäre richtig, so kommt es dabei, so meine ich, weniger auf das vielfältige Medienangebot an sich an, sondern vielmehr auf dessen Wirkung im Empfängerbereich. Die Empfänger, das sind letztlich wir, als die Konsumer aller medialen Botschaften.

Und wer sind wir? Wir sind die Menschen, die hochbegabt und emsig die technischen Voraussetzungen geschaffen haben, die das hohe Medienangebot ermöglichen und uns dessen Konsum auch zur Verfügung stellen. Und genau da scheint mir auch ein Problem aufzutauchen. Es ist so mit dem Konsum jeglicher Ware: Irgendwann macht er uns satt, wir haben genug davon und erkranken sogar an ihr. All dies ist auch bei dem Konsum von Medienartikeln nicht ausgeschlossen. Deshalb gibt es zunehmend Warnhinweise und nicht nur solche, die sich an Kinder richten.

Aber, wo beginnt das schwer konsumierbare, also schwer verdaubare Angebot? Meines Erachtens bereits mit dem medialen Erstkontakt. Weshalb? Weil wir Menschen weder über die Speicher, noch über ausreichende Verarbeitungsfähigkeit verfügen, differenziert und ganzheitlich permanente Medienangebote abrufbar zu speichern und zu verarbeiten. Wir behelfen uns mit der flüchtigen Lektüre, dem Wegdrücken von Informationen und der Einschaltung von KI zu deren jederzeitiger Reproduktion. Damit versuchen wir, einen Teil unseres eigenen an sich erforderlichen medialen Verarbeitungsprozesses auszulagern, allerdings ohne dabei zu berücksichtigen, dass dies vielleicht nur dann möglich sein kann, wenn uns bei Bedarf das richtige Stichwort wieder einfällt oder irgendjemand oder irgendetwas uns sagt, wo wir welche Informationen hinterlegt haben.

Dessen ungeachtet – so meine ich – nutzen Informationen sich auch ab, d. h. je mehr Informationen wir empfangen, desto mehr verlieren sie an Komplexität, erstarren in einem Muster, das uns selbst lediglich als Bestätigung des bereits Gehörten oder Gesehenen dient und passgerecht geformt wird. Dabei handelt es sich um einen sehr menschennahen Prozess der Vereinfachung und Bestätigung. Je umfassender das mediale Angebot ist, umso bereitwilliger filtern wir das nur uns Bekannte heraus und für den Rest gilt: ab in die Tonne.

So versuchen wir, der eigenen und letztlich auch der kollektiven medialen Überforderung zu entgehen und einen Rest von Sicherheit angesichts des ungeheuren medialen Angebots zu bewahren. Denn kein Mensch ist in der Lage, alles, was ihm medial angeboten wird, aufzunehmen, zu begreifen und gar zu verarbeiten. Die damit verbundene, aber unterdrückte Unsicherheit verstärkt den Prozess des individuellen Widerstandes gegen bestimmte Informationen und deren gemeinschaftlichen medialen Akzeptanz.

Dies schafft Konformität im medialen Konsum, in der Speicherung und der Verarbeitung. Damit wirken Medien entgegen ihrer Intentionen im Ergebnis antiliberal, ja, es ist sogar zu befürchten, dass die demokratische Pluralität und auch die individuelle Wesenheit des Menschen durch das Überangebot an medialem Einfluss erheblichen Schaden nimmt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gender

Die Genderisierung unseres Lebens ist schon eine merkwürdige Angelegenheit, die mich beeindruckt, weil ich sie begreifen, aber nicht verstehen kann. Ich bin nicht „etwas“ und habe bei aller Selbstbetrachtung bisher nicht erkannt, dass ich gattungsmäßig sämtlichen Zuständen zu entsprechen habe. Dabei ist dies, so entnehme ich den Anforderungen, keine Entscheidung meinerseits, sondern verpflichtend und soll mittels der Sprache so auf mich einwirken, dass ich mich zumindest als Teil eines Ganzen empfinde.

Die Sprache ist dabei nur das prozessuale Mittel, um zu erreichen, dass wir alle nicht nur respektvoll miteinander umgehen, sondern uns auch nicht aussondern. Zu begreifen ist dabei allerdings wenig, dass in der Regel in Medien nur von dem Verbrecher oder dem Täter gesprochen wird und Verbrecherin nicht präsumtiv, sondern nur dann vorkommt, wenn im Einzelfall dies zur Debatte stehen sollte. Vielleicht handelt es sich hierbei um einen nicht abgeschlossenen Lern- oder Verstetigungsprozess.

Auch, wenn fast schon ermattet der Hinweis erfolgt, dass ein Student oder eine Studentin etwas anderes sei, als ein Studierender, weil Letzteres eine Tätigkeit darstelle, also prozessual wirke, trägt dies nicht zur Einschränkung des aufgenommenen Korrektureifers bei. Sprache ist sicher zum Gebrauch dar, aber stellt auch eine Herausforderung dar, über Sachverhalte nachzudenken, wie zum Beispiel über Denkmäler. Es ist vom Wachstum der Sprache die Rede und ihre Einzigartigkeit, die einem gesellschaftlichen Konsens entspricht. Besteht für das Gendern ein gesellschaftlicher Konsens? Ich weiß es nicht.

Wir müssen uns allerdings kritisch damit auseinandersetzen, welche Verluste damit einhergehen können, dass wir nicht nur die gegenwärtige Sprache, sondern auch all das, was bisher schon gesagt wurde, versuchen zu korrigieren, ungeschehen zu machen oder so zu verändern, dass es den gegenwärtigen Genderverpflichtungen entspricht. Bisher muss ich erkennen, dass die Anpassungsbereitschaft nicht Halt davor macht, bereits veröffentlichte Texte von der Genderisierung zu verschonen. Bisher konnte ich aber nicht feststellen, dass auch Gedichte in den Bannstrahl der gendergerechten Betrachtung gelangt sind.

Dies könnte sich ändern, zum Beispiel bei dem „Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang Goethe, weil nicht einzusehen ist, dass es sich um einen Zauberlehrling und nicht um eine Zauberauszubildende handelt. Der Hexenmeister ist selbstverständlich auch eine Hexenmeisterin und in der vorletzten Strophe des Gedichts könnte man auch texten:

Herr*in und Meister*in! hör mich rufen! –
Ach, da kommt der/die Meister*in!
Herr*in, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.

Auch Matthias Claudius würde mit seinem „Abendlied“ nicht ungeprüft davonkommen, und zwar schon deshalb, weil er nur Brüder und keine Schwestern kennt, nur einen kranken Nachbarn und keine kranke Nachbarin. Ich versage mir hier, viele weitere Beispiele aufzulisten, denn sicher wird bald eine engagierte Arbeitsgruppe sich auch die Gedichte vornehmen, was ich insofern als überaus erfreulich empfinde, als dass die Korrektur auch stets mit der Lektüre einhergeht und in Zeiten, in denen Gedichte kaum noch rezipiert werden, so eine Renaissance ihrer Wahrnehmungen geschieht.

Aber: Noch eins aus Kurt Tucholsky „Augen in der Gross-Stadt“:


Es kann ein Feind*in sein,
es kann ein Freund*in sein,
es kann im Kampfe dein(e)
Genosse*in sein.
Es sieht hinüber
Und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verwehrt, nie wieder.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kipppunkte

Wenden wir uns vielleicht zur Betrachtung von Kipppunkten einem aktuellen Bespiel zu: der Ukraine. Wann wird die russische Armee dort einmarschieren, wenn sie nicht vielleicht schon da sein sollte, wenn dieser Blogbeitrag erscheint. Vielleicht ist dann schon Krieg, Weltkrieg gar, vielleicht wird dieser Beitrag überhaupt nicht erscheinen, weil es künftig keine Medien und keine aufnahmefähigen Leser mehr gibt?

All das, was uns gerade noch gesichert erscheint, ist dann radikal weggefegt, durch eine ultimative Detonation, welche das Leben, soweit es noch Leben gibt, auf diesem Planeten total verändert hat. Kriege können losbrechen, wenn die äußeren und inneren Voraussetzungen gegeben sind, der Kipppunkt erreicht wurde, nachdem es ein Zurück, ein Rückspulen der Ereignisse nicht mehr gibt.

Kipppunkte sind zahlreich, nehmen wir die Verschmutzung der Meere oder das Klima, die Erderwärmung, die Meeresströme, welche ihre Richtung ändern werden, Hitze, Fluten, Orkane usw., all das wissen wir längst. Eines müsste uns eigentlich klar sein. Am Kipppunkt ist Schluss.

Das ist der Point of no return. Kipppunkte haben eine Vorgeschichte, deren Betrachtung dabei helfen könnte, die Unabänderbarkeit zu vermeiden. Es sind eigentlich Vorgeschichten und die meisten davon sind nicht mit Sachargumenten, sondern Emotionen befrachtet. Wie meist im Leben werden sie von Rechthaberei, Überlegenheitsgefühlen, Gier, Frust und anderen Eigenschaften gespeist. Ein allgemein verbindliches Sachargument findet sich kaum darunter.

Da nicht nur Kriege, sondern zum Beispiel auch der Klimawandel von Menschen für Menschen gemacht werden, benennen diese auch den kipping point, wissend, dass sie ohne weiteres hätten verhindern können, dass dieser erreicht wird. Wie? Durch selbstkritische Überprüfung des eigenen Verhaltens, letztlich durch Akzeptanz des Lebens auf diesem Planeten. Ganz einfach ist das, aber so schwierig.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vertrauen

Vertrau mir! Auf allen Kanälen wird um Vertrauen geworben. Vertrauen in die Politik, in die Währung und sogar ins Internet. Vertrau mir! Das ist das mit Erwartungen verbundene Mantra unserer Gesellschaft. Ist das aber so einfach?

Derjenige, der vertraut, hat aufgrund konkreter Verabredungen die Überzeugung, dass das Vorgestellte sich auch erfüllt. Vertrauen basiert also nicht auf Mutmaßungen und vagen Erwartungshaltungen, sondern folgt konkreten, strukturierten, erfassbaren Gegebenheiten. Das auf dem Markt und in den Medien eingeworbene Vertrauen basiert in der Regel aber nicht auf Fakten, ist nicht strukturiert und auch nicht spezifiziert, obwohl jeder Adressat dieses Werbens sich angesprochen fühlen soll.

Es gibt ohnehin kein allgemeines „Vertrauen“, sondern nur spezifisches Vertrauen. Es gibt ein Vertrauen des Gebers und ein Vertrauen des Nehmers. Das Vertrauen des Gebers basiert auf der eigenen Einschätzung der Umstände einschließlich des Risikos, im eigenen Vertrauen getäuscht zu werden. Der Vertrauensbruch hat dann auch keine unüberwindbaren Konsequenzen, sondern führt allenfalls zur Veränderung des eigenen Verhaltens und Anpassung an neu zu beurteilende Umstände. Die Erwartungshaltung des Adressaten eingeworbenen Vertrauens ist dagegen ganz anders strukturiert.

Die Erwartungshaltung ist weit verletzlicher, gefühlsbetont und ohne Berücksichtigung des Scheiterns. Die Vertrauensbekundung des Empfängers korrespondiert allerdings mit Misstrauen und lässt es so zu, dass all das, was noch kurz zuvor für richtig empfunden wurde, bei Gefährdung des Vertrauens nun als abwegig behandelt wird. Das Misstrauen mag nicht gerechtfertigt sein, bemächtigt sich aber, obwohl es nicht faktengestützt ist, des Empfängers einer Botschaft. Daher wäre es sinnvoll, vom inflatinonären Gebrauch des Begriffes „Vertrauen“ abzusehen und vielmehr die konkrete Basis des Vertrauens so zu strukturieren, dass auch der Empfänger entsprechender Verlautbarungen sich darauf verlassen kann. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Das ist gut gesagt, aber in der Wirklichkeit nicht zu meistern. Die Kontrolle versagt an den Möglichkeiten des eigenen Beurteilens und Eingreifens, zumindest in der Regel. Daher sollte von Vertrauen nur dann die Rede sein, wenn man sich darauf verlassen kann und der Missbrauch des Vertrauens nicht nur mit Konsequenzen bedroht wird, sondern diese im Falle des Missbrauchs auch umgesetzt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Normal 4.0

Wir alle, also auch ich, sind begierig darauf aus, Anderen die Welt zu erklären. Ohne dieses Sendungsbewusstsein gäbe es auch diese Blogbeiträge nicht. Obwohl ich weiß, dass es unendlich viele Fachzeitschriften, Kommentare zu allen Lebenssachverhalten und Verhaltensanweisungen gibt, sehe ich offenbar noch eine Lücke, die gefüllt werden müsste. Ob dies anmaßend ist, muss der Leser entscheiden.

Ich versuche, Argumente vorzulegen, an denen meine Leser sich reiben können, provoziere gerne Widerspruch und sehe mich doch der Normalität verpflichtet. Die Menschen, meine Leser, sind normal, vergnügt, launisch, witzig, sorgenvoll, ängstlich und mutig. Genauso wie ich. Mein Leser und ich sind wie kommunizierende Röhren. Ich erfahre über meinen Beruf, den Umgang mit anderen Menschen, meine Familie und die Medien und Lektüre von Büchern und Zeitschriften, was alle bewegt und mache mir darüber selbst Gedanken. Es macht mich besorgt zu erfahren, wie sehr sich Menschen von Ratgebern abhängig gemacht haben und dem Judiz, ihres Bauches, also ihrer eigenen Beurteilung, immer weniger vertrauen. Das betrifft sowohl die Kindererziehung, als auch den gesamtgesellschaftlichen Umgang miteinander.

Nicht die Werte sind verrutscht, sondern, gesteuert von Medien, unser Selbstbewusstsein im Umgang mit den täglichen Anforderungen. Warum liefern wir uns Ratgebern und Rattenfängern so gerne aus?

Die Normalität 4.0 ist offenbar noch komplexer. Sie ist wesentlich beeinflusst durch Formate, die außerhalb unseres eigenen Begreifens entstanden sind. Ich denke dabei natürlich an die Digitalisierung unserer Welt, aber auch die Verzagtheit, überhaupt einen eigenen Standpunkt einzunehmen, um sich daran messen zu lassen. Normal ist es, Fehler in der Kindererziehung zu machen oder Fehler im Umgang mit anderen Menschen, dann aber zu seinen Fehlern zu stehen und sie bei Bedarf wieder zu korrigieren. Normal ist, verletzlich zu sein, aber nicht verletzend. Normalität ist Gelassenheit im Umgang mit anderen Menschen und sich selbst.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Stimmungen

Abend- oder Morgenstimmungen berühren uns, vermitteln das Gefühl des Aufbruchs in einen neuen Tag oder in den Feierabend. Stimmungen vermitteln sich sehr persönlich, erfassen aber zuweilen auch ganze Gruppen von Menschen, die gemeinsam ihre Empfindungen ausloten. Stimmungen wirken auf das Gefühl.

Wenn ein Mensch gut oder schlecht gestimmt ist, können die Ursachen zwar rational erfassbar sein, äußern sich aber durch ihre Gefühle, die dann Verhaltensweisen bestimmen können. Das Gestimmtsein von Menschen und die Stimmungen, die in ihnen durch äußere Einflüsse erzielt werden, verarbeiten komplexe Erfahrungen der visuellen, akustischen, sensorischen und manuellen Wahrnehmung. Weil sich im Gestimmtsein, in der erzeugten Stimmung und in der Wirkung, die etwas Anderes in uns entfaltet, eine umfassende Erfahrung offenbart, die unser Handeln auslöst, sind Stimmungen als Treiber des öffentlichen Raumes nicht wegzudenken.

Wirtschaftliche und politische Prozesse werden wesentlich durch Stimmungen beeinflusst. Müssen wir dies für bedenklich erachten? Wir haben die Bilder vor Augen, die uns die Medien von der Vorgehensweise des amerikanischen Präsidenten Donald Trump vermitteln. Wir gewinnen den Eindruck, sein politisches Handeln sei wesentlich von Stimmungen beeinflusst und diese auch einem ständigen Wandel unterworfen. Dies mag sein. Es lässt sich aber auch ein positiver Aspekt seiner Stimmungsführerschaft feststellen.

Stimmungen reagieren sensibel auf Möglichkeiten, beharren nicht auf die rigide Durchführung einer Maßnahme, weil sie als richtig behauptet wird, auch wenn andere Aspekte dagegensprechen. Die Flexibilität der Stimmung entspricht dem Stimmungsumschwung, den man beklagen kann, der aber auch wieder neue Möglichkeiten der Reaktion eröffnet.

Stimmungen sind eher der Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen als Programme, denen die Wirklichkeit unterworfen werden soll, und zwar auch dann, wenn die Erprobung erbringt, dass es so nicht geht. Bleiben wir also frohgestimmt trotz aller Unstimmigkeiten in dieser Welt und genießen unsere stimmungsvollen Tage.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Frust

Seit schon langer Zeit ist aus den Medien der Frust zu vernehmen, den Menschen erleben, die von der Gesellschaft abgehängt sein sollen. Es sei erforderlich, auf deren Sorgen und Nöte einzugehen und sie ernst zu nehmen in ihren Ängsten, Befürchtungen und Bedürfnissen. Das hört sich gut an, enthält aber nicht mehr als eine katechetische Leerformel.

Es macht einen himmelweiten Unterschied, ob man etwas ernst nimmt oder die Auffassung derjenigen teilt, die der beschriebenen Bevölkerungsgruppe entsprechen. Dabei ist von dem Frust derjenigen in diesem Zusammenhang überhaupt nicht die Rede, die für Vernunft, Toleranz, Demokratie und menschliches Miteinander stehen und dabei herausgefordert werden von denjenigen, die dieses Gebot missachten. Frust ist allerdings keine Einbahnstraße und es ist zu befürchten, dass auch die Vernünftigen auf die Idee kommen könnten, den Bettel hinzuwerfen und nichts mehr zu tun.

Natürlich fährt dann unsere Gesellschaft gegen die Wand, Chaos bricht aus, ggf. Bürgerkrieg. Darf der Frust von Menschen so wirkungsmächtig sein, dass er unser aller Handeln bestimmt? Können wir den plakativen Sorgen und Nöten nichts entgegensetzen, außer einem ebenso plakativen Verständnis, obwohl wir eigentlich diese Art von Radikalisierung nicht verstehen können, ja nicht verstehen dürfen. Die radikale Realitätsverweigerung, die Ausschaltung von Vernunft und emotionale Überfrachtung ist krank. Ein Heilmittel findet sich ggf. in der alternativen Medizin, d. h. der Staat und wir alle müssen uns darum kümmern, unsere Gesellschaft in dem Prozess der Errungenschaften nicht nur auf wirtschaftlichen, sondern auch auf sozialen Gebieten weiterzubringen.

Nicht die Umverteilung, sondern die gleichmäßige Verteilung der Möglichkeiten, auch unter Berücksichtigung des Leistungsprinzips, ist unumgänglich. Es muss wieder Freude machen zu leben, zu arbeiten und sich zu engagieren. Vorschriften und Regeln und ständige Zumutungen schränken unser Leben schon derartig ein, dass die Freiheit und Selbstbestimmtheit des Menschen darunter leidet. Wir müssen Pläne entwickeln, Pläne unseres Zusammenlebens und des Nutzens unserer Möglichkeiten auf allen Gebieten. Ohne kollektive Lebensplanung wächst der Frust und damit auch die Gefahr des Scheiterns unserer Gesellschaft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Bilder

Keiner wird dies bezweifeln wollen: Unsere Wahrnehmung wird wesentlich durch Bilder bestimmt. In den Medien sehen wir einen Menschen, der eine rote Krawatte trägt, ständig auf etwas zeigt oder den Daumen nach oben reckt, verschlossenes Gesicht und Föhnfrisur. Das Bild ist eingängig: der amerikanische Präsident.

Wir sehen auch andere Bilder: Bilder verstorbener Kinder, an Land gespült oder in irgendeinem Kriegsgebiet dieser Welt. Ein nacktes Mädchen fliehend vor einer Napalmwolke in Vietnam; Bilder von Menschen, die gleich sterben werden und die umgebracht wurden, Bilder von Auschwitz und Theresienstadt. Bilder des Papstes und der Flüchtlingsströme. Bilder von Demonstrationen und Faschingsfeiern, Bilder mörderischer Anschläge und einzelner Taten. Bilder der Freude und der Trauer.

Alle diese Bilder kommen bei uns an, werden vermittelt durch Medien oder eigene Erlebnisse. Was bei uns ankommt, was wir zulassen, entscheiden wir. Das „Wir“ ist dabei nicht ganz persönlich gemeint, sondern vor allem die kollektive Wahrnehmung entscheidet über die Bereitschaft der Aufnahme von Bildern in unseren Beurteilungsraum oder deren Ablehnung.

Nicht alle Bilder sind willkommen. Nicht willkommen sind meist Bilder, die uns zum Handeln zwingen könnten oder unsere Ohnmacht offenbaren. Die Bilder des zerstörten Aleppo, sterbende Kinder und Frauen im Fernsehen, zappen wir gerne weg; dies nicht wegen der unerwünschten Flüchtlinge, sondern weil die Bilder dieser Wirklichkeit keine Übereinstimmung mit unserer Wahrnehmungsmöglichkeit mehr haben.

So sind auch Ausschwitz und Theresienstadt etwas Unnahbares, Fremdes. Wir sehen die Bilder und doch können wir oft nichts damit anfangen. Damit Bilder wirken, müssen sie ergänzt werden. Die Bilder aus dem Leben Anne Frank´s zum Beispiel gehen uns etwas an, weil sie nicht nur zu sehen sind, sondern auch von ihr selbst in Tagebuchaufzeichnungen besprochen wurden. Um der Bilder habhaft zu werden, müssen wir zerstörte Städte wie Aleppo sprechen lassen. Sie müssen sprechen von ihrer Normalität, ihrer geschichtlichen Bedeutung und dem Leben, das in ihnen wogt. Es müssen Erzählungen der Hoffnung und der Überwindung sein, die Resonanz in uns erzeugen können. „Wir schaffen das.“

Denn Merkel´schen Kampfruf entspricht die Suggestion eines anderen Bildes: „Die schaffen das.“ Gemeint sind die Bürger von Aleppo und andere zerstörten Städte und Dörfer. Wenn die den Wiederaufbau schaffen, dann sollte das Bild nach unserer Wahrnehmung einschränkungslos gut gelungen sein. Mehr davon. Wir können nicht genug davon haben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mediale Überforderung

Als ob wir ahnungslos wären. Wir nehmen die Fremden, die zu uns kommen, wahr, wir engagieren uns in der Flüchtlingshilfe. Wir fördern Sprach- und Tanzkurse etc. Alles entsprechend unserer Möglichkeiten. Denen, die etwas tun, wurde nicht nur die Begrifflichkeit „Gutmensch“ für ihr Handeln zugeordnet, sondern sie mussten auch erfahren, dass das herabwürdigend gemeint war. „Gutmensch“ als Unwort des Jahres 2015.

Also: Wer menschlich etwas Gutes tut, macht es falsch. So wissen es die Medien. Sie wissen aber auch noch mehr. Von morgens bis abends wird in den Medien die Flüchtlingskrise besungen, ein schier unerschöpfliches Thema, viel wichtiger scheinbar als das normale Leben mit allen seinen Unwägbarkeiten. Flüchtlinge in Strömen, Flüchtlinge fast vor dem Ertrinken, Flüchtlinge in der Kälte in Flüchtlingscamps, Flüchtlinge im Einzelinterview oder in der Gruppe.

Jeder Politiker dieser Republik hat Gelegenheit, seine Statements dazu abzuliefern, für oder gegen offene Grenzen, Politikversagen und Ängste. Es reicht. Bei diesem endlosen Sprachdurchfall steht am Ende zu befürchten, dass die Menschen aufhören, sich mit Flüchtlingen anders als nur in Ablehnung zu befassen, da sie es nicht aushalten, ständig an ihre eigene Hilflosigkeit erinnert zu werden oder vergessen, dass das Leben auch aus Freude, Optimismus und Durchsetzungswillen besteht. Welche Schreckensszenarien sind die Medien noch fähig zu entwerfen, um die Menschen völlig zu zermürben, die Apathie und Interessenslosigkeit zur allgemeinen Haltung nicht nur in Flüchtlingsfragen ausreifen zu lassen?

Die Bundesregierung ist verpflichtet zu liefern, und zwar einen Plan, der auch dann funktioniert, wenn andere Staaten nicht mitmachen. Ein Plan wird nicht in endlosen Schleifen der Geschwätzigkeit entwickelt, sondern durch Analyse, Entschiedenheit und Umsetzungswille. Auch in einer Demokratie gibt es hierfür Zuständigkeiten, die wahrgenommen werden müssen. Mediales Aufplustern und Nachkarten helfen da nicht weiter, sondern informationsbasierte Analysen, Regeln und Gesetze. Dann schaffen wir das auch, und zwar trotz der Medien.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski