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Vokabular

Zur vokabularen Grundausstattung der Politik gehören Begriffe wie abgehängt, gerecht und künftig. Politiker haben immer vor, künftig die Welt gerechter zu gestalten und vor allem die Stimmen der Abgehängten zumindest künftig wieder deutlicher zu vernehmen. Dass das alles ein verlogenes Geschwätz ist, wissen wir längst. Wir lassen uns davon auch nicht mehr beeindrucken, selbst dann nicht, wenn Politiker mantraartig immer wieder ihr gleiches Vokabular aufsagen.

Dabei ist es aber nicht so, dass die Wirkung der Worte nicht wahrgenommen wird, aber anders, als die Politiker wohl glauben oder meinen. Denn diese Worte schaffen kein Vertrauen in die Politik, sondern geben lediglich denen Steilvorlagen, die beruflich darauf angewiesen sind, dass Politiker derartigen Unsinn schwatzen. Das sind die Medienvertreter.

Je waghalsiger der Gebrauch des Vokabulars durch die Politiker erfolgt, desto freudiger greifen im öffentlichen Raum Professionelle und Hobbyvervielfältiger die Schlagworte auf, um sie per Twitter, Blog oder sonst wie flächendeckend zu verbreiten. Dabei genügt diese Verbreitung einem Selbstzweck, also dem, dass die Verbreiter sich selbst Gehör verschaffen, öffentlich Aufmerksamkeit erheischen und die diebische Freude beim möglichen verbalen Durcheinander empfinden. Das wird auch nicht aufhören, dessen bin ich mir ganz sicher.

Aber, welche Freude mögen Menschen dabei spüren, Fakten ignorierend zu urteilen, Aufruhr zu verursachen und Hass zu verbreiten? Ist es Kalkül, ist es Langeweile, ist es der Versuch, ein noch unbekanntes Echo wahrzunehmen? Vielleicht ist der Grund nicht monokausal und entspringt dem Lebensprinzip, die Latte zumindest für andere immer etwas höher zu legen, zu sehen, ob die Anderen es noch schaffen, die Latte zu queren oder lieber aufgeben.

Waren es früher einige Sklaven, die im „Circus Maximus“ in Rom um ihr Leben kämpften und im Falle des Erfolgs gefeiert wurden, sperren uns heute wechselnde Mehrheiten oder Minderheiten in einen virtuellen Zirkus und traktieren uns so lange mit ihren Tiraden, bis wir erschöpft aufgeben oder sie zumindest einen verbalen Etappenerfolg erringen. Dann können sie sich des temporären Jubelerfolgs erfreuen, aus welcher fragwürdigen Richtung er auch kommen mag.

Die noch Jubelnden wissen aber ganz genau, dass das vergiftete Vokabular des Politikers und seiner Anhänger kaum einem Faktencheck standhalten würde und schon morgen alles ganz anders sein kann. Die Fakten haben sich nicht verändert, aber der Wind hat sich gedreht. Was sollten wir daraus lernen? Vielleicht Gelassenheit, Selbstmäßigung und Misstrauen gegen übermächtige Vokabeln im öffentlichen Raum.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski