Schlagwort-Archive: Meinungsdiktatur

Netzwerke

Die Bildung von Netzwerken entspricht – wie die Forderung nach Nachhaltigkeit – dem Zeitgeist. Der Fortschritt allgemein und speziell die Entwicklung eigener Vorhaben wird mit der Zugehörigkeit zu und ggf. der Schaffung von Netzwerken verbunden. Das ist sicher nicht falsch, denn schon früh wussten wir Menschen, dass wir nur gemeinsam stark sind. Davon lebt auch der Allmendegedanke. Aber, was zeichnet nun Netzwerke aus, was sollten sie beachten und wo lauern Gefahren?

Netzwerke bilden sich dadurch, dass Menschen einander kennenlernen und ihre Auffassungen und Tätigkeiten miteinander teilen. Eine auf der Hand liegende Gefahr ist dabei aber auch, dass die Handelnden in erster Linie zusammenfinden, um eine gemeinsame Meinung zu bilden und zu verbreiten. Geschieht dies, führt das so aktivierte Netzwerk über kurz oder lang zu einer Gleichrichtung der Meinungen, die im Netzwerk durch Kraft aufgeladen, zu einer Meinungsdiktatur führen könnte und damit zerstörend und verantwortungslos wirkt. Dies ist aber genau das Gegenteil dessen, was ein Netzwerk verspricht, und zwar einander in der Vielfältigkeit von Meinungen, Erfahrungen und Ansichten kennenzulernen und eine gemeinsame Idee, einen weiterführenden Gedanken zu entwickeln und fortzuschreiben, um so in der Lage zu sein, das Netzwerk zu bereichern.

Damit sich die Netzwerkteilnehmer wahrnehmen, ist es unerlässlich, dass sie einander zuhören, statt in erster Linie eigene Parolen und Meinungen zu verbreiten. Jeder sollte bedenken: „Was ich zu sagen habe oder sagen könnte, das kenne ich, was andere aber zu sagen haben, nicht.“ Wenn ich erwartungsoffen anderen Menschen zuhöre, werde ich in der Regel an Ideen und Erfahrungen reicher. Sollte ich aber auch etwas beizutragen haben, dann muss ich darauf achten, dass dies mit den Erkenntniserwartungen anderer Netzwerkteilnehmer korrespondiert, d. h. dass ich empfängerorientiert rede. Dabei ist jedes Offensichtliche zu vermeiden, denn dies interessiert niemanden. Es ist nur Geduld und Höflichkeit, die ein solches Verhalten hinnehmbar erscheinen lassen.

Was ich sage, kann für andere wichtig sein, aber nicht unbedingt. Es ist allerdings für mich selbst stets wichtig, etwas Neues, mir bisher Unbekanntes zu erfahren, es ist wertvoll, und zwar selbst dann, wenn ich augenblicklich den Nutzen noch nicht richtig einordnen kann. Aufgeschlossenheit und Verständnis für die Ansichten anderer und deren Handeln schafft Verbindungen und leistet die Voraussetzung für etwaige gemeinsame Projekte, die in oder aufgrund eines Netzwerkes entstehen könnten.

Dies geschieht nicht zwangsläufig, sondern hängt von der Aufnahmefähigkeit und dem beharrlichen Willen aller Beteiligten ab, etwas zu gestalten, ihre Fähigkeiten kooperativ zu optimieren und beharrlich dabei zu sein, also prozessual nicht nachzulassen im Gestalten und Handeln und dabei zu bedenken, dass das Leben eine lange, wunderbare Veranstaltung ist, die allen Teilnehmern von Netzwerken alle Chancen und Möglichkeiten bietet, Vorhaben zu verwirklichen, wenn der Wille bleibt, sich tatsächlich einzubringen und dabei im Auge zu behalten, dass wir alles gemeinsam friedlicher und besser von Menschen für Menschen, für die Natur, die Tiere und schließlich die Umwelt machen sollten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Partizipation

Im Zuge der Inhaltsfindung für den künftigen Sinn des Humboldt Forums im Berliner Schloss schlug ich vor, dieses zu einer Begegnungsstätte der Bürger auszugestalten, mit dem Ziel, einer in größerer Runde aktuelle Themen zu behandeln, dabei auch Vorschläge für unser Zusammenleben zu erarbeiten und diese dann in einer Art Contrat Social zu verabschieden. Ich stieß auf Zustimmung, unter anderem durch den früheren Umweltminister und Afrika-Beauftragten Klaus Töpfer, aber auch auf Skepsis und Ablehnung aus der Kultur- und Stadtpolitik. Die Ablehnung war leicht durchschaubar.

Man wollte das Humboldt-Forum künftig zu Museumszwecken nutzen und wollte darin auch ein partizipatives, weil aufklärerisches Moment sehen. Der Museumsbesucher würde sich mit den Kulturen der Welt auf eindringlichste Art und Weise durch den Besuch von Ausstellungen, Gesprächen und sonstigen Veranstaltungen auseinandersetzen.

Dass dies sehr begrüßenswert ist, will ich überhaupt nicht in Frage stellen. Diese Argumentation verkennt allerdings völlig die Notwendigkeit, dass zur Sicherung unserer Kultur und unserer Demokratie eine Bürgerbeteiligung außerhalb der Wahlen unabdingbar ist. Wir sehen leidvoll, dass Themen, wie Migration, Heimat, städtische Prioritäten, kulturelle Anliegen, Klimaschutz, Gesundheit und digitale Vernetzung fast ausschließlich in Fachkreisen und in politischen Gremien diskutiert werden, aber nicht in Bürgerformaten, wie zum Beispiel Bürgerparlamenten oder Bürgerversammlungen, in denen durch Selbstermächtigung auch diejenigen Bürger zu Wort kommen, deren Rechte meist nur hypothetisch bestehen oder sich in Fragerechten erschöpfen. Meinungsumfragen können zudem die Möglichkeiten wirklicher Bürgerbeteiligungen nicht ersetzen.

Man muss diesen Partizipationsmodellen noch nicht einmal normative Kraft beiordnen, um die Legitimität der daraus gewonnenen Ergebnisse anzuerkennen. Ich nehme wahr, dass mangels geeigneter Alternative sich solche Bürgerforen leider auf die Straße verlagern und als abschreckende Beispiele für bürgerliche Partizipation herhalten müssen. Aber gerade darin, dass dies geschieht, liegt das vorstehend von mir beschriebene Versäumnis unserer Gesellschaft.

Die Menschen wollen ihren Gedanken einen Ausdruck geben und finden dafür keinen anderen Ort mehr, als die Straße. Die Straße ist indes völlig ungeeignet ein Bürgerforum zu bieten. Ein kontinuierlicher Prozess der Gestaltung findet dort nicht statt, sondern das eigentlich Beredenswerte erschöpft sich in Demonstrationen und emotional vorgetragener Meinungen, die medial aufgeheizt die Politiker zum Handeln zwingen sollen. Diese reagieren mit Betroffenheit, gelegentlich Verständnis für diese Meinungen und schließlich bei einem Übermaß an Wahrnehmung vermeintlicher Rechte mit Gewalt.

So kann aber Partizipation nicht gelingen, weder in einer Meinungsdiktatur, noch in politischer Besserwisserei. Zudem besteht die Gefahr, die wir durchaus erkennen, dass Aufwiegler, Spinner und Opportunisten sämtlicher Couleur dieses Defizit ausnutzen, um Klientel für Zwecke zu mobilisieren, die überhaupt nichts mit konstruktiver und verantwortungsbewusster Partizipation zu tun haben.

Das Schloss und dabei das Humboldt-Forum auf dem Gelände des abgerissenen Palastes der Republik wäre ein idealer Ort gewesen und könnte es vielleicht in der Zukunft doch noch sein, Bürgerbeteiligungen zu ermöglichen, die weitläufig in unserer Welt schon in Städten und Landkommunen funktioniert haben. Die menschliche Gemeinschaft und dies nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Bereich ist unverzichtbar dafür, dass wir die Welt friedfertig, fortschrittlich und lebenswert erhalten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski