Schlagwort-Archive: Misstrauen

Wünsche

Einmal las ich, dass Wünsche das Rechnen gelernt hätten. Dieser zunächst völlig fremde Eindruck erschloss sich mir beim näheren Betrachten allerdings als zutreffend. Wünschende und diejenigen, die Wünsche erfüllen, begeben sich in einen Dialog, der Erwartungshaltung gegen Nutzen ausspielt. Wünschende vergnügen sich nicht damit, eine Erfüllung ihrer Wünsche als möglich erscheinen zu lassen, sondern versehen ihre Wünsche bereits mit berechenbaren Attributen.

Dadurch erleichtern sie einerseits deren Erfüllung, schaffen andererseits auch die potentielle Gefahr des Misstrauens, dem Wünschenden durch Versagungsrituale zu begegnen zu versuchen. Bei jeder Erfüllung eines Wunsches soll es möglichst darum gehen, diesem Prozess den Anschein der Freiwilligkeit zu geben, die in erkennbarem Widerspruch zum Wunsch selbst steht. Jeder Wunsch erwartet seine Befriedigung.

Nun wird natürlich nicht jeder Wunsch befriedigt, aber auch dieses Defizit ist kalkulierbar. Selbst nicht erfüllte Wünsche sind in der Lage, berechenbare Vorteile dem Wünschenden zu verschaffen, denn nur der Wünschende selbst weiß, wie auch der Adressat des Wunsches, auf welcher Ebene gerechnet wird. So kann auch der versagte Wunsch sich als besonders wertvoll erweisen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Lügen

„Etwas ist faul im Staate Dänemark.“ So lässt Shakespeare Marcellus in seiner Tragödie „Hamlet“ klagen. Ist etwas faul im Staate Deutschland? Diesen Eindruck müssen wir gewinnen, ganz egal, welche Medien wir konsumieren oder wem wir zuhören. Überall ist von Lügen, Betrug, Korruption und vergifteten, rassistischen, sexualisierten und antisemitischen Tiraden die Rede. Auf den Straßen skandieren Personen, erklären sich zum Volk, ob Montagsdemonstrationen oder auch Gelegenheitsdemonstrationen, sie verbreiten ihre Ansichten, dass wir vergiftet, ins KZ gesteckt, ausgeplündert, hintergangen, abgezockt und um unsere Freiheit gebracht werden.

Lesen, sehen oder hören wir zu, ganz egal, wir erfahren, dass Deutschland eine einzige Orgie der staatlichen Gewalt und des Betruges, des Raubes und der Lüge sei. Stimmt das aber für Deutschland, dem tolerantesten, liberalsten, weltoffensten Land der Welt, wo jede Person von morgens bis abends alles denken und sagen kann, was sie will, soweit sie damit nicht gegen den Grundkonsens unserer Gesellschaft verstößt, Verleumdungen und Beleidigungen vermeidet und keine Gewalt anwendet?

Die Antwort der darauf angesprochenen Person lautet: „Das stimme zwar schon, aber …“ Dann folgt eine Pause. Aber was? Was hat diese trotz aller Freiheiten verbreitete Unzufriedenheit vieler Menschen ausgelöst und was bewirkt sie? Die Meisten von uns meinen: Lass sie doch reden! Es gibt aber auch viele, die begreifen, dass das permanente Schüren von Misstrauen gegenüber anderen Menschen, den Politikern und Institutionen eine Erosion des demokratischen Zusammenhalts unserer Gesellschaft herbeiführen könnte.

Denjenigen, denen Streit, Hass und Missgunst Lebenselixier ist, mag dies gerade recht sein, aber für die Mehrheit unserer Gesellschaft, die im kritischen Respekt voreinander gemeinsam die Zukunft gestalten, ist dies ein lebensvernichtendes Szenario. Stimmt. Wir Menschen sind seit unserer Entstehung mit allen Eigenschaften, den schlechten und den guten, ausgestattet, aber in der Lage, diese im gemeinsamen Interesse in Schach zu halten.

Problematisch ist aber die Vervielfältigung, die abfällige Ansichten und Meinungen durch Medien erfahren, die, um ihre eigene Wirksamkeit zu erhöhen, das Problematische verbreiten, Skepsis sähen und Lösungen als unnahbar erscheinen lassen. Diese Vermengung von persönlichem Anerkennungsstreben mit der Zurverfügungstellung von Verbreitungsplattformen kann sich für unsere Gesellschaft weltweit, aber auch in Deutschland als zersetzend erweisen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wohlstandsverdruss

Deutschland in Feierlaune! Nach pandemischen Jahren und trotz des Krieges in der Ukraine und wissend um die auf uns zukommenden Einschränkungen aufgrund Energieverknappung und zwingenden Umweltschutzmaßnahmen, die Biergärten und Straßenlokale sind voll besetzt, Events boomen und wer noch nicht gefeiert hat, der feiert jetzt!

Und doch scheint etwas nicht zu stimmen. Die Szene mutet zwanghaft an, trotziges Feiern, gibt es das? Ich glaube ja. Nichts ist mehr, wie vor der Pandemie und dem Krieg in Ukraine. Davor erschien alles so selbstverständlich. Klimaschutz, naja, aber so schlimm wird es nicht werden und wir schaffen das!

Das waren Merkel-Jahre und wir blieben gelassen. Da hat sich etwas geändert. An 2019 können wir nicht anknüpfen, die Merkel-Jahre sind vorbei, die Zuversicht ist verloren. Den Mundschutz sind wir vorübergehend los, aber wir bleiben gezeichnet durch die Jahre der Pandemie. Wir sind misstrauisch geworden. Verwundert und hartnäckig, an alte Rituale uns erinnernd, klammern wir uns an alle möglichen Festivitäten, als seien sie Strohhalme, die uns das Überleben sichern.

Wir wollen festhalten an gewohnten Besitzständen, sind aber unsicher, wie lange uns die Gnade des Wohlergehens noch gewährt wird. Der uns so vertraute Wohlstand wird durch Kriege, Bedrohungen, Zinserhöhungen, Lieferkettenprobleme und schließlich auch durch gravierende Energie- und klimabedingte Einschränkungen belastet.

Noch wäre es falsch, dies offen zu bekennen, aber gerade der Wohlstand hat uns diese Misere eingebrockt. Es ist viel leichter, das Licht einzuschalten, als es auszuschalten, auf ein paar Bequemlichkeiten verzichten zu müssen, als in der Erwartung zu leben, sich erheblich einschränken zu müssen. Einschränkungen, die wir erfahren, begreifen wir als politisches Versagen und Eingriff in unsere Persönlichkeitsrechte. Wir sind es gewohnt, Ansprüche zu formulieren und nun werden wir mit einem Pflichtenheft konfrontiert? Ist vielleicht daran der Wohlstand schuld? Nachdem wir uns der Antworten aller übrigen „Verdächtigen“ vergegenwärtigt haben, fangen wir an, den Wohlstand selbst als einen möglichen Auslöser unserer Misere zu begreifen.

Verbesserungen der Lebensbedingungen, Fortschritt und Wohlstand, all dies schien sich zu bedingen, jeden Tag waren wir in Feierlaune. Nun wird uns aber bewusst, wie trügerisch dieser Wohlstand ist, dass er nicht zu halten bereit ist, was er verspricht und unsere Feiern eher denjenigen auf einem Vulkan ähneln, als dem Siegesfest nach einer überstandenen Pandemie.

Es gibt Menschen und die scheinen nicht wenige zu sein, die sind diesen Wohlstand satt und wünschen sich eher ein verlässliches, auskömmliches, verantwortbares und solidarisches Menschenleben für ihre Kinder und sich selbst. Auch dies kann Wohlstand sein, auch wenn er nicht tage- und nächtelang auf Straßen und Plätzen gefeiert wird.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vertrauen

Vertrau mir! Auf allen Kanälen wird um Vertrauen geworben. Vertrauen in die Politik, in die Währung und sogar ins Internet. Vertrau mir! Das ist das mit Erwartungen verbundene Mantra unserer Gesellschaft. Ist das aber so einfach?

Derjenige, der vertraut, hat aufgrund konkreter Verabredungen die Überzeugung, dass das Vorgestellte sich auch erfüllt. Vertrauen basiert also nicht auf Mutmaßungen und vagen Erwartungshaltungen, sondern folgt konkreten, strukturierten, erfassbaren Gegebenheiten. Das auf dem Markt und in den Medien eingeworbene Vertrauen basiert in der Regel aber nicht auf Fakten, ist nicht strukturiert und auch nicht spezifiziert, obwohl jeder Adressat dieses Werbens sich angesprochen fühlen soll.

Es gibt ohnehin kein allgemeines „Vertrauen“, sondern nur spezifisches Vertrauen. Es gibt ein Vertrauen des Gebers und ein Vertrauen des Nehmers. Das Vertrauen des Gebers basiert auf der eigenen Einschätzung der Umstände einschließlich des Risikos, im eigenen Vertrauen getäuscht zu werden. Der Vertrauensbruch hat dann auch keine unüberwindbaren Konsequenzen, sondern führt allenfalls zur Veränderung des eigenen Verhaltens und Anpassung an neu zu beurteilende Umstände. Die Erwartungshaltung des Adressaten eingeworbenen Vertrauens ist dagegen ganz anders strukturiert.

Die Erwartungshaltung ist weit verletzlicher, gefühlsbetont und ohne Berücksichtigung des Scheiterns. Die Vertrauensbekundung des Empfängers korrespondiert allerdings mit Misstrauen und lässt es so zu, dass all das, was noch kurz zuvor für richtig empfunden wurde, bei Gefährdung des Vertrauens nun als abwegig behandelt wird. Das Misstrauen mag nicht gerechtfertigt sein, bemächtigt sich aber, obwohl es nicht faktengestützt ist, des Empfängers einer Botschaft. Daher wäre es sinnvoll, vom inflatinonären Gebrauch des Begriffes „Vertrauen“ abzusehen und vielmehr die konkrete Basis des Vertrauens so zu strukturieren, dass auch der Empfänger entsprechender Verlautbarungen sich darauf verlassen kann. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Das ist gut gesagt, aber in der Wirklichkeit nicht zu meistern. Die Kontrolle versagt an den Möglichkeiten des eigenen Beurteilens und Eingreifens, zumindest in der Regel. Daher sollte von Vertrauen nur dann die Rede sein, wenn man sich darauf verlassen kann und der Missbrauch des Vertrauens nicht nur mit Konsequenzen bedroht wird, sondern diese im Falle des Missbrauchs auch umgesetzt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erosion

Haben Sie zuweilen nicht auch den Eindruck, dass zur Zeit alles aus den Fugen geraten könnte? Damit meine ich, dass dies nicht nur auf die Anmaßung herrschender Politiker zurückzuführen ist, sondern durch unser eigenes Verhalten bedingt wird. Wir sind nicht nur anderen, sondern auch uns selbst weniger verlässlich geworden. Unser eigenes Misstrauen gegenüber anderen sorgt dafür, dass diese Menschen uns möglicherwiese auch nicht mehr vertrauen. Das macht uns natürlich wiederum misstrauisch diesen gegenüber und so fort. Vertrauen, gemeinsame Ziele und Zuversicht sind der Kitt jeder Gesellschaft.

Was sind nun die Gründe für eine gefühlte Erosion unserer Gesellschaft, das Zerbröseln des Kittes. Ist es wirtschaftliche Unsicherheit, die Angst vor Flüchtlingen, Altersgefahren oder die Digitalisierung bzw. Vernetzung dieser Welt und dem damit verbundenen informativen „Overflow“? Von allem sicher ein wenig.

Es wird uns viel zugemutet und dies in sehr kurzen Erregungseinheiten. Die Frequenzen, in denen unser Geist und unsere Gefühlswelt bedient werden oder besser konfrontiert werden mit neuen oder unangenehmen Erfahrungen ist extrem kurz geworden, insbesondere der Nachschub mit überflüssigen Informationen weltweit klappt und belasstet unsere Aufnahmefähigkeit für Neues, vor allem Wichtiges.

Das Ergebnis ist nicht nur eine äußere Verunsicherung, sondern eine, die uns selbst ergreift, unsere eigene Haltung zum Leben. Wir kapseln uns ab, erwarten dennoch viel von anderen, sind aber schon aufgrund des erwähnten Misstrauens nicht bereit, auch viel zu geben. Dabei ist doch Geben gerecht und nicht Nehmen. Dem wird entgegengehalten, dass dies nur ein Spruch für die Wohlhabenden sei, die Wirklichkeit sehe doch anders aus.

Ja richtig, aber diese Wirklichkeit gestalten wir, die Menschen. Sie wird uns nicht aufgezwungen. Wir entscheiden selbst, wie wir uns verhalten, was wir essen, wie wir zu unseren Partnern, Freunden und Kollegen sind. Wir entscheiden selbst, ob wir uns für andere Menschen öffnen oder verschließen. Es ist der freie Wille eines Menschen für sich und sein Verhalten gegenüber anderen, Verantwortung zu übernehmen. Es ist der freie Wille, Abwehrkräfte gegen menschenmissachtende Einflussnahme zu errichten.

„Lügenpresse“ mag dabei nur ein Stichwort sein, wer aber so ruft, sollte zumindest erwägen, ob er nicht selbst verführt wurde durch diejenigen, die ihn anstifteten, hier mit einzustimmen. Wie kann derjenigen, der Lügenpresse ruft, sicher sein, dass er selbst in diesem Moment nicht lügt? Ist der Stein einmal ins Wasser geworfen, zieht er schnell Kreise. Auf Lügenpresse folgt „Absaufen“ und dann? Wovor macht derjenige noch halt, der sich selbst beim Lügen ertappt und stets zu unterdrücken versucht, dass die Lüge offenbar wird?

Er macht weiter, denn das schlechte Gewissen macht zornig. Was dann folgt, ist die Radikalisierung der Sprache und des Handelns bis alles so eskaliert und erodiert, dass unser menschliches Zusammenleben auseinanderfällt. Was dann? Zum Siegen, zum Rechthaben besteht dann auch kein Anlass mehr. Etwaige Parolen kann keiner mehr hören. Es ist ja keiner mehr da.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski