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Leitkultur

In einem Vortrag, den ich neulich hörte, beschrieb der Historiker Prof. Rödder als heute maßgebliche Leitkultur die Inklusion. Viele Zuhörer waren erstaunt, weil die meisten Nichtfachleute unter Inklusion die Eingliederung von Behinderten zum Beispiel in den Schulbetrieb mit anderen nichtbehinderten Kindern sehen. Dass der Begriff Inklusion so weit gefasst ist, dass er als Oberbegriff taugt, unter den sich unterschiedlichste Lebenssachverhalte subsummieren lassen, war auch mir nicht geläufig.

Eingedenk der Debatte darüber, ob es in Deutschland überhaupt eine Leitkultur gibt, erscheint es unmöglich, dass gerade Inklusion dazu taugen soll. Im gesellschaftlichen Sinne kann unter Inklusion integrale Bildung verstanden werden, die Eingliederung von Fremden und die Auflösung eines monozentristischen Weltbildes. Ist zunächst der Mann nicht mehr das Maß aller Dinge, dann später auch nicht der Mensch. Die Maschine holt uns ein. Manche, wie zum Beispiel Donald Trump haben dies instinktiv erkannt und wettern gegen alles, um das Mannsbild zu erhalten. Sie sind aber Excluder.

Auch in Deutschland gibt es inzwischen diese Haltung. Ob es gelingen wird, die Aufnahme von Fremden zurückzudrängen? Ich weiß es nicht. Aber taugt als Leitkultur ein Phänomen, das noch auf dem Prüfstand steht, der Prozess der Auseinandersetzung darüber andauert und auch die Befürworter noch verunsichert sind? Selbst diejenigen, die Fremde bei uns haben wollen, fügen ihrer Bekräftigung ein „ja aber“ bei. Zum Beispiel Schulen mit Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft, bildungs- und körperlichen Voraussetzungen in einer Klasse: einverstanden, „ja aber“.

Multikulti war „in“, dann hieß es, geht doch nicht und jetzt sollen die, die zu uns kommen, Deutsch lernen und sich hier integrieren. Tun sie das aber auch? Wie steht es um die Inklusion, wenn wir insgeheim erwarten, die Flüchtlinge behalten ihre ehemals ausländische Identität und gehen später dann wieder nach Hause. Ist Inklusion ein Willensakt unserer Gesellschaft oder eine Zufallserscheinung, weil zum Beispiel diejenigen, die doch bleiben, sich hier integrieren müssen? Ich denke nur an die Gastarbeiter der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Eine Leitkultur der Inklusion nicht unter dem Aspekt des Anspruchs, sondern der einer Verwirklichung, vermag ich nicht zu erkennen. Wenn Inklusion alles umfassen soll also auch die Wirtschaft, die Kunst und das politische Verständnis, kann ich diesen Zusammenhalt schon gar nicht bejahen. Bei der Wirtschaft ist von destruktiven Entwicklungen die Rede, politisch geht die Bewegung weg von der Mitte und in der Kunst: „anything goes“. Wenn ich die Leitkultur von heute zu beschreiben hätte, würde ich behaupten, es gäbe keine. Es scheint mir, als würden wir versuchen, etwas zu finden, was uns zusammenhält, versuchen, die Voraussetzungen zu erarbeiten, die den Abschluss eines Contrat Social erlaubten. Es wäre höchste Zeit, eine europäische Kulturverfassung zu entwickeln. Auch wenn wir nicht die ganze Welt für unser Anliegen gewönnen, Deutschland allein ist viel zu klein, um auf alle Zeitfragen eine Antwort zu haben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Nach 1968 (letzter Teil)

Der Staat reagierte auf seine Herausforderungen, und zwar nicht nur mit Wasserwerfern und persönlicher Repression, sondern insgesamt mit einer Politik, die in keiner Weise integrativ wirkte. Die Stationierung von Pershing-II-Raketen und die Notstandsgesetze wirkten dabei genauso abstoßend wie die zunehmende Installation von Atomkraftwerken und die Gettoisierung der Städte, insbesondere für Ausländer. Studenten und Staat erklärten sich den Krieg und kämpften auf einem völlig illusionären Terrain, auf dem es für beide Seiten nichts zu gewinnen gab. Die Jugendlichen, insbesondere die studentischen Jugendlichen, verweigerten ihren Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten in der Bundesrepublik und der Staat reagierte auf eine angebliche Bedrohung, die sich so zunächst überhaupt nicht abzeichnete. Es gab niemals eine revolutionäre Situation in Deutschland. Die Studenten mögen mitgefühlt haben mit denjenigen, die in Griechenland oder in Chile oder sonst wo auf der Welt gefangen genommen, gefoltert, ausgewiesen worden oder geflohen waren. Das Unglück verfolgter Menschen war aber nicht ein Zerrbild unserer Gesellschaft, sondern das Fehlverhalten der Machthaber in deren jeweiligen Heimatländern. Die Mehrzahl der nach Deutschland aus Jugoslawien oder der Türkei, zunächst aber auch Spanien oder Italien zugereisten Ausländer kam aus wirtschaftlichen Gründen und prägte ihre Gesellschaft in unserer Gesellschaft nach eigenen Ansprüchen und Motiven. Wir beschworen Multikulti, für Andere war und blieb es nur ein liberales Gemeinwesen, in dem die eigene aber auch andere Kulturen erlebt und gepflegt werden konnten und bis heute können. Die Unfähigkeit, vorbehaltlos zu analysieren, daraus für unsere Gesellschaft notwendige Schritte einzuleiten, gehörte nach meiner Einschätzung auch in das Verhaltensportfolio eines ’68ers.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehr davon gibt es im nächsten Beitrag …