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Vexierspiegel 

Russland führt einen Krieg gegen die Ukraine, für den Wladimir Putin, der russische Präsident, ursächlich verantwortlich gemacht wird. Er begründet seine Februar 2022 eingeleitete „Spezialoperation“ damit, dass er zum Schutz Russlands handele, das sich gegen die westlichen Invasoren – vor allem die NATO – wehren müsse. Tatsächlich führe nicht Russland, sondern die Ukraine Krieg gegen Russland und deshalb sei die „Spezialoperation“ erforderlich, um Gefahren von Russland und seiner Bevölkerung abzuwehren, wobei allerdings auch zu berücksichtigen sei, dass die Ukraine eigentlich kein Staat, sondern ureigenes russisches Gebiet sei, auf dem Faschisten die Einwohner beherrschen würden und sein Eingreifen auch deren Befreiung diene. Putin gibt sich als Initiator und Frontmann dieser „Spezialoperation“, übernimmt hierfür im Namen der russischen Nation die Verantwortung und sowohl die Kriegsparteien, als auch die solidarisch Verbündeten der Ukraine scheinen dies so zu sehen.

Was ist aber, wenn dieses Narrativ so überhaupt nicht stimmt?

Dieser Gedanke kam mir, als ich über die Geschichte der Russisch-orthodoxen Kirche las und dabei entdeckte, wie eng bei der Einrichtung und Ausübung dieser Religion der Glaube mit dem Nationalstaatsgedanken verbunden ist. Auf den gegenwärtigen Krieg in der Ukraine übertragen, ist es daher nicht nahe liegend, die Frage aufzuwerfen, ob nicht die russische Kirche selbst, ausgehend von ihrem Metropoliten als Anstifter, den Krieg nicht nur befürwortet, sondern ihn sogar angeordnet hat und Putin selbst vollzieht, was die Kirche will?

Auf die damit für Putin selbst verbundenen Vorteile komme ich noch zu sprechen. Die Kirche könnte diese Initiative ergriffen haben, weil sich ein Teil der Russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine von dieser losgesagt und eine eigene nationale ukrainisch-orthodoxe Kirche gegründet hat. Dies stellt nach dem historisch begründbaren Selbstverständnis der Russisch-orthodoxen Kirche ein nicht hinnehmbares Schisma dar.

Dabei ist zu bedenken, dass in der Konsequenz dieser ukrainischen Kirchengründung die Macht der Russisch-orthodoxen Kirche erheblich geschwächt und auch der Zugang zu deren heiligen, historischen Städte – zum Beispiel des Höhlenklosters in Kiew – gefährdet wurde. Inzwischen ist das Verbot für die Russisch-orthodoxen Kirche ausgesprochen und nur die Ukrainisch-orthodoxe Kirche hat das alleinige Zutrittsrecht zu den Heiligtümern erworben. Aus Sicht der Russisch-orthodoxen Kirche wurden durch die Abwendung der Ukraine vom russischen Einflussbereich unverzichtbare religiöse, und damit nationalreligiöse Heiligtümer dieser Kirche gefährdet. Ist dieser Sichtweise Plausibilität abzuringen, wird auch verständlich, dass es absolut widersinnig erscheint, so wie es aber geschehen ist, den russischen Metropoliten aufzufordern oder zu bitten, auf Putin einzuwirken,damit dieser den Krieg beenden möge.

Es ist doch der „Heilige Krieg“ der Kirche selbst und er kommt Putin durchaus zu Pass, weil es ihm die Gelegenheit gibt, unter dem Schutz der Kirche weiter an der Macht zu bleiben. Soweit er sich mit der einflussreichen und reichen Kirche Russlands im Einklang befindet, wird er weiter unter ihrem Schutz stehen. Die Kirche beherrscht vor allem die Menschen in den ländlichen Regionen.

Nach den Erfahrungen der Sowjetunion und der von dieser ausgelösten religiösen Identitätskrise ist ein Großteil der Menschen in Russland absolut mit der Führerschaft durch die Kirche einverstanden und erhofft von ihr den Trost, der ihm aufgrund der schwierigen Lebensverhältnisse oft versagt bleibt. Putin kann sich also völlig sicher in seinem Amt sein, solange die Kirche den national-religiösen Plan nicht aufgibt und die Gläubigen ihr folgen.

Da gäbe es aber möglicherweise einen Hebel, um die unheilvolle Entwicklung zu beenden, wenn der Wille aller Beteiligten vorhanden wäre, was ich bezweifle. Die Russisch-orthodoxe Kirche und die Vertreter der ukrainisch-orthodoxen Kirche, ggf. die Vertreter sämtlicher orthodoxen Kirchen könnten sich zusammensetzen und beratschlagen, wie sie mit ihrer Geschichte und den nationalen Auswirkungen umgehen und dabei herausarbeiten, was sie tun müssten, um ihre religiöse und kulturelle Bedeutung jenseits nationaler Ansprüche zu stärken.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

NATO

Dieser Begriff ist respektheischend. Er vermittelt Entschlossenheit und Durchsetzungskraft. Die Mitglieder des nordatlantischen Bündnisses verpflichten sich, zusammenzustehen, Feinde abzuwehren, bedrängten Mitgliedern zu helfen und gemeinsam strategisch auf Herausforderungen in definierten Teilen der westlichen Hemisphäre zu reagieren. Als de Gaulle die NATO verließ und der Sitz dieser Organisation von Fontainebleau nach Brüssel verlegt wurde, bestand die Gefahr, dass die NATO implodiere. Das Gegenteil war der Fall. Nun lautete die Parole: „Jetzt erst recht.“ Weniger Rücksichtnahme auf die „Force de Frappe“ des französischen Grandseigneurs und Kämpfers der Résistance und mehr Geschlossenheit im Bündnis. Die Verzahnung der Militäreinheiten durch Stationierung auf dem Gebiet der Bündnispartner und gemeinsame Manöver verstärkten diesen Eindruck der Geschlossenheit.

Der Zerfall der Sowjetunion und die Möglichkeit, den Einflussbereich zu arrondieren, schufen Begehrlichkeiten. Die NATO erweiterte sich bis hin zur russischen Grenze und selbst den dortigen Machthabern wurde bei der NATO zur Besänftigung noch ein Beobachterstatus eingeräumt. Jetzt, so schien es jedenfalls, hatte die NATO alles unter Kontrolle, zumal selbst Frankreich wieder unter den Schutzschild dieser Organisation zurückfand. Aber war das noch die NATO, die wir kannten? Schon vor geraumer Zeit forderte der französische Präsident Sarkozy ein europäisches Verteidigungsbündnis, natürlich möglichst unter seiner Führung. Da kamen ihm die Konflikte in Nordafrika, Tunesien, Libyen und Ägypten gerade recht. Wenn es keine europäische Armee gibt, so doch die NATO. Jetzt kann sie zeigen, was sie drauf hat. Aber nanu? Einer macht nicht mit. Schon wieder ein Fontainebleau? So weit ist es noch nicht gekommen. Der, der nicht mitmacht, hält sich die Option offen, doch dabei zu sein oder auch nicht, je nachdem, wie sich der Wind im eigenen Lande dreht. Eine NATO, die Geld kostet, eine NATO, die keinen Feind mehr hat, eine NATO, die dem Bürger erklärt werden muss, eine NATO, die konsequent handeln soll. Wie soll das zusammenpassen? Vielleicht ändert sich morgen die Welt? Vielleicht gewinnt Gaddafi doch noch? Vielleicht brauchen wir libysches Öl oder sein Geld? Vielleicht ist es gut, für Atomkraftwerke zu sein, oder vielleicht dagegen, für und gegen das Klima und seine Veränderungen, sich für den finanziellen Rettungsschirm für in finanzielle Bedrängnis geratene Staaten in Europa auszusprechen oder deren Liquidator zu werden. Deutschland befindet sich in einer Vorreiterrolle. Alternativlos hat Deutschland den Weg für Möglichkeiten geöffnet, die alle Optionen wahren, je nachdem, welche Opportunität auf der Tagesordnung steht. In diesem Sinne hat Sarrazin völlig recht: Deutschland schafft sich ab. Aber die NATO wird, das zeigt das Beispiel von Fontainebleau, dadurch auch ohne Deutschland stärker.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski