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Vergebung

Kürzlich las ich in der „Zeit“ von einer Mutter, die dem Mörder ihres Sohnes vergibt. Weitere Beispiele der Vergebung werden in diesem Beitrag auch genannt. Vergebung? Was bedeutet das eigentlich und was ist damit gemeint?

Vergebung bedeutet sicher nicht Billigung einer Verletzung. Sie bedeutet aber, dass sich der Verletzte mit dieser Verletzungshandlung auseinandergesetzt hat. Er hat vergebend begriffen, dass jeder Mensch verletzlich ist und auch verletzend sein kann. Durch die Vergebung bekennt sich der Mensch zunächst einmal zu sich selbst und seinen eigenen Schwächen und Fehlern. In der Distanzierung vom eigenen Schmerz, Wut oder Enttäuschung erfährt der vergebende Mensch Perspektiven für seine eigene Heilung. Wenn ich vergebe, erfahre ich die Gnade von der Befreiung eigener Last. Eine Verletzungshandlung bedeutet nicht nur den Eingriff in fremde Wesenheit, sondern der Verletzte selbst kann der Verletzungshandlung nie wieder entgehen, es sei denn, er kann vergeben und verzeihen.

Leider hilft hier eine Wiedergutmachungshandlung des Verletzers oder gar eines Dritten, zumal in finanzieller Art und Weise kaum. Eine Verletzungshandlung ist nicht kompensierbar. Jede Opferhilfe lindert vielleicht graduell den Schmerz, dieser flammt gleich wieder auf, weil ein richtiger Ausgleich gar nicht stattfinden kann. Der Verletzte selbst muss die Initiative ergreifen und ausloten, ob er in der Lage ist, um seiner selbst willen dem Verletzer zu vergeben. Diese Souveränität zu nutzen, ist selbst dann sinnvoll, wenn nicht zu erwarten ist, dass der Verletzer das Geschenk annehmen kann oder will.

Eine Vergebung darf sich auch nicht von der Billigung anderer Menschen oder Institutionen abhängig machen, denn eine Verletzung ist stets ein individuelles Erfahren und kein kollektives Erleben. Die Interessen sind vielschichtig, um die Vorstellungen anderer Menschen an die Stelle des eigenen Wollens zu setzen. Wer vergibt, gewinnt an Stärke. Er vergisst nicht, aber kann mit sich selbst wieder ins Reine kommen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski