Seit ein paar Wochen lese ich jeden Morgen einen Abschnitt in der Bibel. Mit dem Alten Testament habe ich begonnen. Ich weiß, dass es Gott gibt, auch wenn ich ihn nirgendwo verorten kann. Da es vermutlich nur einen Gott gibt, ist dieser zuständig für alle Menschen, ganz gleich welche Religion diese ausüben. Auch im Alten Testament ist von Gott ausgiebig die Rede, jedoch stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass die Menschen, zum Beispiel beginnend mit Adam und Eva, etwas unternehmen, um alsdann die Anerkennung oder Verdammnis Gottes zu ihren Tagen zu erfahren.
Dieses Verhalten ist zwar wenig erkenntnisorientiert aber trotz aller Trickserei erfolgreich. Die Bibel als Sitten- und Sozialgeschichte der Menschheit und als psychologisches Handbuch für den Tagesgebrauch. So hatte ich die Bibel bisher nicht gesehen, nehme es aber mit Verwunderung und Erstaunen wahr. Ich gestehe: ich muss oft herzlich lachen über den Erfindungsgeist in der Verschleierung von Begehrlichkeiten und Anmaßungen, in der Rechtfertigung von Fehltritten und Überhöhung von Banalitäten.
Wenn es unbequem wird, ist Gott dafür verantwortlich, wenn es gelingt aber auch. Der Vorteil: Der Mensch ist stets auf der sicheren Seite und kann je nach Opportunität Vorteile gewähren oder wieder nehmen. Dieses heitere, wenn auch zuweilen grausame Spiel mit sich selbst und anderen Menschen ist möglicherweise schicksalbestimmt. So sind wir halt.
Und keiner weiß, wofür es gut ist. Da helfe uns Gott. Wenn aber dieser Gott überhaupt nicht zur Verfügung steht? Wenn es jenseits unserer menschlichen Anmaßung ist, auf ihn Einfluss nehmen zu können? Ein Gott, der nicht darauf angewiesen ist, dass wir ihn anbeten, ihm Loblieder singen oder sein Handeln verstehen. Wird uns dann etwas genommen? Ich glaube nicht. Eine Kraft, die höher ist, als jegliche menschliche Vernunft ist das Sublimat umfassender Unabhängigkeit auch im Verständnis für alle unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten. Deshalb lese ich die Bibel täglich mit großem Vergnügen, als Anregung.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski