Soweit ich mit den Diskussionen inhaltlich vertraut bin, geht es bei den Überlegungen, ob und wie das Humboldt-Forum im künftigen Schloss gestaltet werden könnte, darum, den Geist von Alexander und Wilhelm von Humboldt wieder lebendig werden zu lassen. Dies soll durch Vorzeigen der Artefakte und durch Diskussionen über wissenschaftliche Inhalte, durch Präsentation einer Erlebniskultur und Ableitung historischer Erkenntnis für unsere heutige Gesellschaft geschaffen werden.
Ein Einwand, der dagegen erhoben wurde, lautete, dass unsere Bürger ihre eigenen Probleme hätten. Das ist richtig. So wenig das Humboldt-Erbe aufgegeben werden darf, zumal beide Humboldt-Brüder prägende Vorbehalte gegen Habsucht und Willkür im gesellschaftlichen Bereich vorgebracht haben, so wenig darf vergessen werden, dass unser heutiges Leben durch neue Herausforderungen, Fragestellungen und Lösungsnotwendigkeiten geprägt ist. Das geplante Humboldt-Forum darf daher nicht „museal erstarren“. Die Gebrüder Humboldt, und zwar jeder auf seine Weise, waren Entdecker, deren bürgerlicher Behauptungswille sich über den engen Zeitgeist und politisches Kastendenken hinwegsetzte. Das Entscheidende auch für sie war, dass vor jeder normativen Bindung der erzielten Ergebnisse zunächst ihre Entdeckung möglich wurde. In diesem Sinne plädiere ich nachdrücklich dafür, das Humboldt-Forum als eine Entdeckungslandschaft inmitten einer gefestigt strukturierten Welt zu gestalten. Dort mögen kühne Gedanken entwickelt und Visionen möglich werden, die Politikern, Wissenschaftlern und auch allen anderen Bürgern Gelegenheit geben, ihre Standpunkte zu überprüfen und neue Lebensmodelle für unsere Gesellschaft zu fertigen. Es wäre daher naheliegend, sogar für unsere Gesellschaft einmalig, wenn das Humboldt-Forum dem philanthropischen Engagement der Bürger geöffnet würde. Der Palast der Republik wäre damit vergessen, es wäre der Palast des Souveräns, der dort Lebensentwürfe entstehen lassen würde, die gestaltend und prägend zugleich in einem immerwährenden „Contrat Social“ die Chancen zur Erneuerung und Veränderungen unserer Gesellschaft aufzeigen würde. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Philanthropie ein Motor unserer Gesellschaft werden wird. Zumindest werden deren Prinzipien auf die produzierende Welt und die Bewertungskriterien für wirtschaftlichen Erfolg Einfluss nehmen. Diese Prinzipien, die sich nicht in „CSR“ erschöpfen, zu entwickeln, wäre ein hohes Bedeutungsmoment für das Humboldt-Forum in Berlin.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski