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Furor

Ostermärsche, Fridays for future oder Pegida, Menschen gehen auf die Straße, um für oder wider etwas zu demonstrieren, sobald sich eine ausreichende Anzahl von Menschen zusammenfindet. Warum tun sie das? Persönlich stehe ich hier vor einem Rätsel. Ja, tatsächlich, ich war auch schon auf Demonstrationen, zum Beispiel gegen das Verhalten der US-Amerikaner im Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze und gegen die Zwangsexmatrikulation nach dem 11. Semester damals an der Freien Universität in Berlin.

Es gab noch weitere Demonstrationen, auf denen ich zuweilen auch mit meiner ganzen Familie auftauchte. Mir ist in Erinnerung, dass auf der letzten Friedensdemonstration meine damals jüngste Tochter lautstark „Krieg“ forderte und uns mit diesem Schlachtruf unter den strafenden Blicken der mitdemonstrierenden Eltern zwang, unverzüglich den Friedensumzug zu verlassen.

Ich erinnere mich: Wir waren merkwürdig vergnügt damals, erleichtert und lachten über unsere Befreiung vom Demonstrieren-Müssen. Die Teilnahme an Demonstrationen kam für mich seither nicht mehr in Frage. Warum waren wir, warum war ich dabei gewesen? Weil man es so macht? Das Thema der Demonstration hat stets etwas Verbindliches und die demonstrierenden Menschen etwas sie Verbindendes. Man ist nicht allein, bekannte Gesichter, Freunde, also „You never walk alone“-Feeling. 

Gemeinsam sind wir stark! Auf jeden Fall löst jede Demonstration eine Sogwirkung auf Menschen aus. Allein gegen alle loszugehen, das ist zwar mutig, aber in der Regel ziemlich vergeblich. Aber inmitten von Parolen und Trillerpfeifen wird der Mensch massig und mächtig. Vollzieht sich dabei ein katharsisches Erleben? Das ist gut möglich. Ich erinnere mich jedenfalls gut daran, dass die Kommunikation mit Freunden und Bekannten vor und nach einer Demonstration glänzend war und Tränengas und durchnässte Kleidung dabei eher als Auszeichnung wahrgenommen wurde.

Aber, wie verhält es sich mit dem Anliegen des Protestes und der Demonstration? Ich fürchte, die eigene Haltung, die man mit den anderen Demonstranten teilt, ist wichtiger als der Inhalt selbst. Denn indem man für oder gegen etwas demonstriert, erfährt der Demonstrant eine Entlastung von jeder privaten Gleichgültigkeit und Lethargie. Zugegeben, dies ist eine steile These, aber sicher auch eine, die ihre Gültigkeit neben vielen weiteren Thesen beanspruchen kann. Es schafft jedenfalls Lebenssinn, dass viele Menschen, die dies privat oft vermissen müssen, nun gemeinsam wahrgenommen werden und andere wahrnehmen. Plötzlich hat jeder Mensch eine Stimme, wobei das Wissen nicht stört, dass es auch die Stimme vieler anderer Menschen ist.

Heute bin ich nur noch Zuschauer. Ich staune und wundere mich über die Parolen und Verhaltensweisen meiner demonstrierenden Mitmenschen, ihre Gewissheiten, ihren Beharrungswillen und ihren Furor. Irgendwie scheinen sie zu wissen, was auch mir guttäte, wenn ich mitmachen würde.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Meinungsmacht

Neulich Nacht war ich auf der A 20 unterwegs, als ein Unfall den Verkehr zum Erliegen brachte. Um die durch die Warterei entstehende Langeweile zu überspielen, ließen meine Frau und ich die Radioprogramme durchlaufen, bis wir schließlich bei Radio Fritz landeten. In einer Sendung, die sich Blue Moon nennt, haben Zuhörer die Möglichkeit, mit Radiomoderatoren über aktuelle gesellschaftliche Themen zu diskutieren. Ein Anrufer aus Sachsen beschwerte sich darüber, dass Flüchtlinge hier alles erhielten, auch Fahrräder und Kinderwagen, sie es selbst aber schwer hätten mit der Abzahlung der Kredite für ihr neugebautes Haus und die Kosten, die immer weiter steigen. Nichts sei gerecht und die Regierung habe keinen Plan.

Als die Moderatorin den Anrufer fragte, wo er sich denn für seine Behauptungen informiere, da meinte er bei Facebook und erklärte Widersprüche zwischen seiner Aussage und der Wirklichkeit, zum Beispiel zum Thema, dass die Flüchtlinge nicht faul seien, sondern zunächst nicht arbeiten dürften, mit dem Hinweis: „Das ist halt meine Meinung.“ Nach einiger Zeit verschwand er aufs Klo und seine Frau übernahm das Telefon mit der Erklärung, sie habe zwar eine andere Meinung als ihr Mann, die doch dann seiner sehr ähnlich war, um ebenfalls zu schließen: „Das ist halt meine Meinung.“

Was hat mir diese Blue Moon-Stunde vermittelt? Eins, und das sehr nachdrücklich: Es geht gar nicht um richtig oder falsch, Lüge oder Wirklichkeit, es geht nur darum, eine Meinung zu haben. So war es für mich auch erklärlich, dass der Anrufer und seine Frau trotz aller Widersprüche und der wachsenden Fassungslosigkeit auf Seiten der Moderatoren in keiner Weise die Geduld verloren, sondern auch im Falle grotesker Widersprüche ihrer Behauptungen schlicht erklärten, dass dies ihre Meinung sei. Eine Meinung ist also auf keinerlei Wahrheit angewiesen, auch nicht darauf, etwas widerlegen zu wollen. Eine Meinung ist eine Meinung. Die Meinung kann heute so und an einem anderen Tag wieder anders ausfallen, sie ist an reale Vorkommnisse nicht gebunden und auch durch Argumente nicht beeinflussbar.

Der Inhalt einer Meinung kann vernünftig sein, aber auch völlig blödsinnig. Die Meinung kennt kein Gewicht, keinen Maßstab oder Gedächtnis. Die Meinung ist so ungebunden, wie die sie umgebende Luft. Sie ist leicht, wie ein Wölkchen und verschwindet, wenn sie abgeregnet ist.

Das poetische Bild kann allerdings nicht darüber wegtäuschen, dass dann, wenn nur die Meinung eines Einzelnen noch keinen Schaden anzurichten vermag, doch die auf gleiche Art und Weise erzeugte Meinung vieler sturmwetterartigen Charakter aufweisen kann. Wenn viele einer Meinung sind, bedeutet es zwar nicht, dass deren Meinung irgendeinen inneren Zusammenhang aufweist, aber sie verfinstern gleichzeitig den Himmel so, dass dringend Schutz gesucht werden muss vor dem sich entladenen Gewitter.

Es ist doch klar, dass AfD, Pegida und andere Gruppierungen von der Meinungsmacht fasziniert sind, die keine Argumente benötigt, jedenfalls keine stichhaltigen, sondern sich treiben lässt von der Meinung der Menschen. Sie sind die Stimme des Volkes, so sagen sie und das ist schon eine gewaltige Stimme, die ihre Meinung kundtut. Und die Stimme wird immer lauter, das Grollen unüberhörbar. Wenn dann irgendwann nach Blitz, Regen, Sturm und Verwüstung der Himmel wieder klar sein sollte, sagen die Menschen: ich habe doch nur meine Meinung gesagt, das darf man doch wohl, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wir sind das Volk!

Wir sind das Volk! So lautete der Schlachtruf einer Leipziger Menschenmenge, die durch ihr entschlossenes Auftreten die DDR ins Wanken brachte. So etwa geht die Heldenerzählung und es wird nicht in Frage gestellt, dass es das Volk war, welches die DDR beendete. Aber es war das Volk der DDR, eventuell sogar ein eher geringer Teil der Bürger der DDR, welches den Willen der Mehrheit zum Ausdruck brachte.

Nun geht Pegida auf die Straße und skandiert: Wir sind das Volk! Sind das die gleichen Volksmassen, wie diejenigen der DDR? Das wäre geografisch naheliegend, ist aber wohl nicht so gemeint. Ohne dass man die Volkszugehörigkeit hier eindeutig zuordnen könnte, ist aber wohl von dem Volk in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt die Rede, ob also in Bayern, Baden Württemberg, Saarland, Hamburg, Bremen und wo auch immer. Wieviel Volk machen aber 10.000 Demonstranten in Dresden aus? Wie kommen sie auf die merkwürdige Idee, das Volk sein zu wollen, wo sie doch nur im Promillbereich agieren?

Entweder glauben sie heimlich, dass die anderen auch so denken, wie sie oder dass sie deren Aufgaben zu ihrem besseren Nutzen miterledigen müssen. Also für mich geht das zu weit. Ich habe zwar unschuldigermaßen die Deutsche Volkszugehörigkeit und freue mich sogar darüber, aber weder sehe ich ein Einigvolk in aller Pluralität noch das Mandat für Pegidaanhänger, mich mit zu vertreten. Ich bin nicht Volk und finde es anmaßend, dass andere behaupten, es zu sein. Vielleicht ist die Pegida eine Internetmarotte von Menschen, die ihre dortigen virtuellen Spiele auf unsere Wirklichkeit übertragen wollen. Im Internet können durch kluge Programmierungen Völker geschaffen werden. Im Internet sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Anders in der Wirklichkeit. Das Interesse einer bestimmten Anzahl von Menschen, das Volk sein zu müssen, begegnet mein Interesse, einem anderen Volk anzugehören, aber nicht dem ihrigen. Wir haben ganz offensichtlich nicht den gleichen Volksbegriff. Deshalb erwarte ich auf der nächsten Pegidademonstration einen Zusatz der Deklamatoren etwa wie folgt:

Wir sind das Volk mit Ausnahme – und jetzt folgen etwa 79.000.000 Namen. Mit der Verlesung dieser Ausnahmen ist die Pegida bis zu ihrer Selbstauflösung in etwa 10 Jahren beschäftigt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mein Feind ist mein Freund.

Hinter diesem scheinbaren Paradoxon verbirgt sich die Logik der Selbstbehauptung. Ohne den anderen, den Gegner bin ich nichts. Habe ich diese Gegner, dann muss ich mir um meine Selbstbehauptung keine Sorgen machen. Andernfalls konstruiere ich mir meine Gegner. Die Handlungsanweisung ist stets dieselbe, sei es der Streit zwischen Griechenland und der EU, der Konflikt der Ukraine mit Russland, die Brandherde im gesamten Nahen Osten oder z. B. Pegida.

Der konstruierte Feind befindet sich im Ausland oder auch im Inland und stellt in der Regel eine Minderheit dar, von der man zu Recht annimmt, dass sie sich leicht demütigen und beschuldigen lässt aber wenig Kraft aufbringt, sich zu wehren. Die Nazis waren da nicht wählerisch: Homosexuelle, Zigeuner (gemeint sind Sintis und Roma), Behinderte und schließlich auch Juden, zunächst mit etwas mehr Zurückhaltung im Inland, aber nach der Wannseekonferenz mit noch deutlicher Rigorosität im eroberten Ausland. Das diabolische an dieser Handlungsweise war, das eigene Volk zu domestizieren, einzuladen zum Mitmachen und dann die Handlungsanweisung zu übertragen auf die Völker anderer Staaten in zweierlei Absicht: diese einzuschüchtern, aber auch mitmachen zu lassen in einem siegergesteuerten Programm der Selbstbehauptung durch Denunziation anderer. Das ist menschlich, wenn auch nicht verzeihlich. Die Täterhaltung ist: Wenn ich andere dafür gewinne, ein bisschen mitzumachen gegen einen imaginierten Feind, werden diese auch Täter, sie kommen dann aus ihrer Verstrickung nicht mehr raus. Wer auch nur etwas, und sei es klammheimlich sich an diesen Ritualen der Feindesfindung und Selbstbehauptung beteiligt, muss wissen, dass seine Enttäuschung doppelt genährt wird: irgendwann geht der Feind verloren oder wird so mächtig, dass er den Spieß umdreht, jedenfalls wird über kurz oder lang aus der großen Flamme der Ich- oder Wir-Behauptung ein kleines Licht der Selbstentlarvung oder erlischt sogar völlig.

Wer Kriege führt und Menschen vernichtet, muss das Ende der Kriege und des Tötens bedenken, wer andere denunziert oder deren Teilhaberschaft an der Gesellschaft verhindern will, muss deren Macht fürchten, und zwar schon heute um seiner selbst willen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Pegida

„Pegida“, ein Wort hat sich in unserem Kopf festgesetzt. Wie der Ohrwurm eines Schnulzensängers. Und das ist nicht weit hergeholt. „Pegida“ kann fast jeder aussprechen, es klingt fremd, aber auch gebieterisch, kurzum eine ideale Produktbezeichnung. Doch, was wird hier vermarktet? Vermarktet wird Islamophobie, Angst vorm Fremden, Sozialneid, Frust, Lust, gegen Andere zu sein, aber gleichzeitig eine soziale Verbindung zu Gleichgesinnten einzugehen. Das mit möglichst einfachen Mitteln und ohne Risiko. „Pegida“ kommt, „Pegida“ geht, wie seinerzeit „Alice“, die unvergessene Werbeikone für eine Telefonsoftware. Die Werbung funktionierte, weil keiner wusste, wer oder was sich hinter „Alice“ verbarg. Was verbindet uns mit „Pegida“?

Wenig ist von denen zu hören, die da am Montag mitmarschieren, aber sehr viel von denjenigen, die die Aufmärsche kommentieren. Sie rücken die „Pegida“-Anhänger in die Nähe von Nazis oder beschwören, man müsse deren Anliegen ernst nehmen, sich mit ihnen auseinsetzen, anstatt sie zu verteufeln. Nur was sollte man denn ernst nehmen? Ernst nehmen, dass in jedem Stadtteil, nein in jeder Straße angeblich Minaretts gebaut werden? Sollte man ernst nehmen, dass 150 Asylbewerber für eine Kleinstadt einfach zu viele unkontrollierbare Menschen sind? Unsere Gesetze sind eindeutig. Wir können uns der Einwanderung nicht verschließen und sie ist auch erforderlich für unser Land und die Erfindung des Generationenvertrags. Verdruss und Ängste sind jeder Gesellschaft immanent, wir müssen jedoch denjenigen widerstehen, die glauben, Stimmungen instrumentalisieren zu können, um ihre eigenen Machtspiele daraus abzuleiten. Die Teilnehmer der „Pegida“-Demonstrationen zu verunglimpfen und sie der Lächerlichkeit auszusetzen, bringt überhaupt nichts. Sie müssten vielmehr bei einer Gegenoffensive erkennen, dass wir eine gesellschaftliche Ordnung haben, die auf Gesetz und Recht beruht und so stark ist, dass sie jeder Aushebelung unseres kulturellen Selbstverständnisses entgegentreten kann, aber auch kluge Voraussetzungen für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft schafft.

Vielleicht ist „Pegida“ exemplarisch so wichtig, damit wir immer wieder in die Lage versetzt werden, unseren eigenen Standpunkt zu überprüfen und in uns die Bestätigung zu finden, dass wir glücklicherweise in sehr angenehmen gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen leben, die es zur Aufrechterhaltung unserer Freiheit zu verteidigen lohnt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski