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Fokussierung

Wie nahe ist uns die Nähe, wie fern das Ferne? Gewinnen wir mehr Übersicht, wenn wir die Dinge aus der Distanz sehen, alles gleichzeitig versuchen zu erfassen und in den Blick zu nehmen?

Oder lohnt es sich, den Blick zunächst auf die Details, also auch auf Kleinigkeiten zu konzentrieren. Wenn wir den Dingen nahe sind, Gelegenheit haben, uns ganz auf wenige Umstände zu fokussieren, besteht die Möglichkeit, dass die dadurch erlaubte Detailprüfung uns mehr vom Ganzen verrät, als der Überblick, der alle Differenzen einebnet. Wir wissen so zum Beispiel, dass der Blick aus dem Weltraum die vielen erdnahen Verwerfungen und Probleme nicht offenbart. Abgesehen von Veränderungen der klimatischen Zonen und Eingriffen in die Substanz unserer Welt, sind aus der Ferne viele Veränderungen nicht zu unterscheiden. Je näher wir den Dingen aber kommen, umso mehr verraten sie von ihrer Wesenheit und auch darüber, dass jedes aufgespürte Detail vom benachbarten Detail abweicht.

Dieses Phänomen verdeutlicht uns, dass wir durch unsere Fokussierung auf das Einzelne erfahren, dass es in seinen Eigenschaften mit der Menge nicht identisch ist, sondern etwas anderes verrät. Die daraus abzuleitende Vielfalt widerspricht der Gewissheit, die Menschen meinen zu haben, wenn sie den Makrokosmos, dem Mikrokosmos prüfend vorziehen und aus ihren Beobachtungen schlussfolgern, dass das, was sie wollen oder beanspruchen, auch geschehen wird.

Das ganze Große geschieht im Kleinen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Langeweile

Die Langeweile, wie sie hier verständlich gemacht werden soll, ist nicht der endlose Sommertag, an dem ein Kind hofft, dass Spielkameraden sich zu ihm gesellen. Es ist auch nicht der Sonntag, der verrinnt, ohne dass etwas passiert. Langeweile ist ein Phänomen, welches unser Leben so fest im Griff hat, dass wir überhaupt nicht mehr darüber reflektieren, weder darüber, wie sie sich ausdrückt, noch darüber, woher sie kommt. Langeweile ist die Summe unserer Lebenshaltungen. Langeweile ist z. B. das Fernsehprogramm, welches wir täglich konsumieren. Fast alle unsere Gespräche drehen sich nur darum, was wir von anderen gesehen, gehört haben, was wir essen, wohin wir in den Urlaub fahren. Unsere Unterhaltungen sind deskriptiv, d. h. im wahrsten Sinne des Wortes unterhaltsam. Sie geben uns Sicherheit, weil uns jeder Gesprächspartner buchstäblich versteht. Die Langeweile ist ein allgemeines Phänomen und erfasst auch Schriftsteller, die jeden scheinbar eigenen Gedanken mit Zitaten anderer untermauern. Langeweile ist die Berufung auf Experten für jedes Verhalten. Langeweile ist das perfekte Ineinandergreifen von Verhaltensweisen, die über das Leben verteilt, in gleichförmiger Art und Weise stattfinden, vor allem aber auch stattfinden können, weil die Strukturen dies so ermöglichen. Langeweile ist die Planung des Urlaubs wie der Jahresgrillparty. Langeweile ist der Aufbau von Reihenhäusern und die Durchführung von Talkshows. Langeweile ist Lebensprinzip geworden. Es ist auch legitim und gesellschaftlich anerkannt, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, zu erklären, man sei reif für die Insel, und darüber zu jammern, dass das oder jenes nicht gerecht sei. Zu erfahren ist dabei leider, dass sich die Ansprüche der Protagonisten parallel abbilden, eingerührt werden in eine große Melange von Emotionen, Beschreibungen, Ansprüchen und Sehnsüchten, sozusagen ein Kollektiv von Bedeutsamkeit ohne Grund und Tiefe.

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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski