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Belichtungsmesser

Mit Hilfe eines Belichtungsmessers misst der Fotograf die Lichtverhältnisse an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Jahres- und Tageszeit. Da ihm sehr wohl bewusst ist, dass sich die Verhältnisse ständig ändern und eine fehlerhafte Messung des Lichtes den Film über- bzw. unterbelichten könnte, hat er sein Messgerät stets bei sich, um sich gegen fehlerhafte Belichtungen, die eine unzutreffende Wiedergabe des Bildes zur Folge hätten, abzusichern.

Zeitraum, Umstände und Belichtungsdauer haben einen maßgeblichen Einfluss darauf, wie der abzubildende Zustand auf dem Filmmaterial wiedergegeben wird. Filme vergilben, Formen verblassen und Konturen verlieren ihre ursprüngliche Schärfe und Prägnanz. Aber nicht nur technisch, aufgrund des eingesetzten Materials, sondern auch gegenständlich verändert sich die Beziehung zwischen dem Fotografen, dem abgebildeten Motiv und dem Betrachter.

Waren die Posen der abzubildenden Personen in der Frühzeit der Fotografie infolge Guckkastentechnologie und Fotoplatten noch gestellt, so gewöhnten sich spätere Generationen an Snapshots und Slow Motion und schließlich auch daran, dass Dank der augmented reality die Darstellung auf dem Foto von der Wirklichkeit stark voneinander abweichen kann. Dass die Wirklichkeit die Erfindung des Auges, des Sinnes, des Verstandes und der Illusion sein kann, daran haben wir uns gewöhnt. Wir schälen Ereignisse und Umstände aus ihrer Zeit und belichten diese erneut, dies aber in unserer Zeit. Wir nehmen dabei in Kauf, dass wir das, was wir vorfinden, also die abzulichtenden Personen, als auch deren Zeit und Umstände in der Jetzt-Zeit belichten und so etwas wiedergeben, was durchaus unserem jetzigen Zeitgeist zu entsprechen vermag, aber wegen der inzwischen geänderten Lichtverhältnisse nicht stimmt, also ein Fake, eine Erfindung unserer Möglichkeiten einer variablen Abbildung ist.

Wir können die Vergangenheit nicht korrekt in der Jetzt-Zeit rekonstruieren, mit Hilfe unserer heutigen Messgeräte die Lichtverhältnisse nicht so modellieren, dass das längst vergangene Ereignis mit unseren heutigen Vorstellungen und Wahrnehmungen in Übereinstimmung zu bringen ist. Wir müssen uns eingestehen, dass Zeit und Umstände sich ändern, Fotos verblassen und aus heutiger Zeit nicht mehr stimmig ist, was einmal akzeptabel erschien. Das bedeutet keineswegs einen unkritischen Umgang mit verflossenen Umständen und Ereignissen, sondern das Eingeständnis, dass heutige Belichtungsmesser keine verlässlichen Aussagen zu den Zeit- und Ortsumständen der Vergangenheit liefern können. Schon gar nicht können wir Menschen heute die Lichtverhältnisse, die eine Filmbelichtung bestimmen, post factum korrigieren.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

1968 (Teil 5)

Genau dies war auch die politische Motivation für die Notstandsgesetzgebung unter der Ägide des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz. Eigentlich kam der Druck von der Straße und wurde politisch aufgenommen und umgesetzt. Die damals handelnden Sozialdemokraten nach der Willi-Brandt-Ära standen einem Noske der Weimarer Republik in keiner Weise nach. Es waren die Neumanns und Frankes, Sickerts und Dünnsings. Deren Unvermögen zuzuhören, etwas infrage zu stellen, zu zweifeln und das eigene Verhalten zu korrigieren, haben schließlich zu der Radikalisierung studentischer Proteste und dann auch mit zu Gewaltübergriffen geführt.

Gewalt war als Mittel der Auseinandersetzung nicht geplant. Dies verdeutlicht sich an ganz hilflosen Floskeln wie: „Gewalt gegen Sachen und nicht gegen Personen.“ Zurecht ist diese Differenzierung später scharf verurteilt worden, als man gesehen hat, dass die Baader-Ensslin-Methode der Brandstiftung im Frankfurter Warenhaus und deren Verharmlosung zur Hemmungslosigkeit der RAF führte. Es gab eine Zeit von 1965 bis Ende 1967, in der wurden studentische Anliegen nicht wahrgenommen. Die Handelnden in den Universitäten und die politisch Verantwortlichen glaubten, das Phänomen der studentischen Proteste aussitzen zu können. Rektor und akademischer Senat verweigerten sich. Diese Hartleibigkeit angesichts der schon weltweiten Empörung in Amerika und Frankreich erhitzte mehr als die eigene Interessenlage die Gemüter und führte zu einer Verschärfung des Protestes.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehr davon gibt es im nächsten Beitrag …