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Authentizität

Der Charakter eines Menschen wird bestimmt durch die Eigenschaften, die er hat. Manche sind genetisch bestimmt, andere werden im Laufe des Lebens erworben. Ein Mensch ändert sich nicht. Er kann auch sich selbst nicht infrage stellen, denn ansonsten verlöre er seine Authentizität. Der Verlust der Authentizität macht den Menschen unberechenbar für andere Menschen und schafft ein Potenzial der Gefährdung für sich und andere. Was ist gut daran und was ist schlecht daran, dass sich der Mensch nicht ändert? Um mit dem Schlechten zu beginnen: Keiner der wohlmeinendsten Lebensentwürfe wird von den Menschen um seiner selbst willen übernommen.

Das Gute daran ist, dass wir uns darauf verlassen können. Sicher ist der Mensch verführbar, wenn ihm der Verführer und der Gegenstand der Verführung Vorteile versprechen. Sein Charakter ist aber eine träge und zähe Masse, die durch die Verführung zwar bewegt wird, aber nur wenig aus dem Gleichgewicht kommt. Veränderte Umstände, andere Herausforderungen und schon wirkt ein anderes Versprechen. Der Mensch ist verführbar, sein Charakter zumindest vorübergehend verformbar, aber er birgt auch Potenziale, die zu entdecken und zu fördern sich lohnt. Durch Vorhaltungen ist das nicht zu bewirken. Weder durch die Androhung von Strafen noch durch das Versprechen von Vergünstigungen. Der Mensch, der sich treu bleibt, breitet seine Eigenschaften aus wie auf einem Basar, bietet sich an, lädt ein zur Abgabe von Gegenangeboten, die wir ihm unterbreiten. In jedem anderen Menschen ist ein Stück von uns selbst in seiner Natürlichkeit, in seinem Charakter und seiner Einmaligkeit. Das nötigt uns einerseits dazu, unseren Eifer zu zügeln, wenn wir versuchen, aus ihm etwas anderes zu machen, als er selbst ist, zum anderen sind wir so gezwungen, ihn für die gemeinsame Sache zu gewinnen. Diese ist dann seine Sache und auch unser aller Sache.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski