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Verlust

Häufig passiert es wohl jedem Menschen, dass ein guter Gedanke, der gerade noch da war, plötzlich verschwindet. Er bleibt dennoch da, aber wo er ist, das wissen wir nicht. Irgendwo in unserem neuralen Netz wartet er darauf, dass er wiedergefunden wird und erneut zum Glühen kommt. Deshalb haben Menschen in der Vergangenheit Notizbücher bei sich gehabt, bei einem auftauchenden Gedanken innegehalten, ihn notiert, um ihn später wieder aufrufen zu können.

Sich auf die Präsenz aller Gedanken zu verlassen, ist waghalsig. Deshalb heißt es auch: „Wer schreibt, der bleibt.“ Mit einer Verschriftlichung unserer Gedanken gestalten wir die Facetten unserer Existenz. Nun ist heute das Schreiben nicht gänzlich aus der Mode gekommen, allerdings ersetzt die Tastatur weitgehend das Schreiben mit der Hand. Damit ist es möglich, einen Gedanken festzuhalten und ggf. auch mit anderen zu teilen.

Dies erfolgt heute in großer Häufigkeit. Zumindest junge Menschen verschicken unermüdlich ihre Gedanken – teilweise mit sogenannten Emojis und Bildern versehen – an andere Menschen, die zur gemeinsamen Chatgruppe gehören. In gleicher Flut erhalten sie von diesen deren Gedanken und Eindrücke, wobei es naheliegend ist, anzunehmen, dass sich hieraus ein Geflecht von Gedanken, einem neuralen Netz vergleichbar, bildet.

Ist der einzelne Gedanke dort wieder auffindbar, einer Reflexion zugänglich und bearbeitungsfähig oder geht er in der Flut aller Informationen verloren? Diese Gefahr besteht jedenfalls, wenn technische Möglichkeiten für stete Neuerungen sorgen und das Besondere an einem Gedanken überstrahlt. Jeder Nutzer eines Smartphones macht diese Erfahrung, dass er nach einiger Zeit unzählige Bilder geladen hat, aber überhaupt nicht mehr weiß, was er dort verwahrt.

Es ist das Smartphone selbst bzw. das auf ihm installierte Programm, welches ungefragt Bilder auswählt und diese dem Nutzer präsentiert. Könnte dies in Bälde auch mit unseren Gedanken geschehen, soweit sie auf dem Smartphone abgelegt sind? Welcher Anteil gehört von dieser Präsentation dann noch uns und welchen Anteil müssen wir der Allgemeinheit opfern?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski