Professor Eberhard Minx, Dr. Bernhard von Mutius und Lutz Engelke haben eine Denkbank gegründet. Was ich mir darunter vorstelle, ist eine Einrichtung, wo das Denken angespart werden kann und Zinsen trägt. Wahrscheinlich wird man dort auch Denkkredite aufnehmen können, deren Rückzahlung man mit angemessener Verzinsung schuldet. Im Retail-Geschäft wird diese Bank aktiv sein, aber, so ist zu vermuten, auch im Zertifikatehandel. Vielleicht gestaltet sich das Geschäft dieser Bank viel riskanter, als auf den ersten Blick zu vermuten ist, aber eher wahrscheinlich beruht meine Irritation darauf, dass ich in letzter Zeit erfahren musste, wie das übliche Geldbankgeschäft in Verruf geraten ist. Dennoch, die Geldbanker machen weiter wie bisher mit hohen Gewinnen, satten Renditen und vor allem vorzeigbaren Boni für ihre Mitarbeiter. Das Geld ist billig und dann zu haben, wenn man über entsprechendes Eigenkapital verfügt. 30 % eigenes Kapital, das ist die Marke. Ist das Denken auch zu beziehen, wenn entsprechendes Eigenkapital zur Verfügung steht? Profitiert die Denkbank vom Ausleihen des Denkens und ist in der Lage, ihren Mitarbeitern ähnliche Boni auszuzahlen? Wie sieht das mit dem Denkhandel abseits der Öffentlichkeit aus?
Der Banktresor wird geöffnet und schon stellen sich schwere Fragen ein. Das Geld bleibt unter sich, verschafft den Vermögenden noch mehr Vermögen, profitiert vom Ungleichgewicht innerhalb des Systems. Und wie ist das mit dem Denken bestellt? Wie erleben breite Bevölkerungsschichten die Akkumulation des Denkens, nehmen Teil am Reichtum und fahren Profite ein? Bleibt alles, Produkt für Produkt, in der Denkwelt, oder gibt es Überschneidungen? Ist es möglich, dass das Denken auch einen finanziellen Mehrwert schafft oder auch finanzieller Reichtum das Denken befördert? Und welches Denken wäre dann gefragt? Das Denken in Systemen mehrt die Gewinne, das ungebundene Denken bedroht und erneuert Systeme, schafft Raum für künftige Gewinne.
Geld an sich ist nichts wert. Das bisschen Material. Da sind sich alle einig. Geld erfährt seinen Wert dadurch, dass es nicht jeder drucken darf und wir verabredet haben, diesen Münzen und diesem Papier einen Wert zuzumessen. Wert erfährt das Geld durch unsere Wertschätzung – und wie verhält es sich mit dem Denken? Auch das Denken an sich hat keinen Wert. Wert erfährt das Denken nur, wenn wir es schätzen. Bei diesem Vergleich beschleicht uns Unbehagen. Während wir das Geld aufhäufen und verbriefen können, ohne dass deshalb ein Wertverlust eintritt, verliert das Denken an Wert, wenn es nicht genutzt wird. Geld wird in Fluss gebracht, um etwas zu bewegen. Das gilt für das Denken auch, aber während Geld auch nur um seiner selbst willen gesammelt werden kann, bleibt der Wert des Denkens von seinem Verbrauch abhängig. Das über die Denkbank vertriebene Denken ist also umlauf- und nicht vermögensthesaurierend gesteuert. Aber natürlich kann man Denken auch anhäufen, im Gegensatz aber zum Geld nur zweckbestimmt und in aller Öffentlichkeit.
Banken handeln mit Geld, aber sie stellen es nicht her. Eine Denkbank vertreibt das Denken. Dies natürlich nur dann, wenn auch entsprechendes Denken vorhanden ist. Wie Geld wird auch Denken erzeugt. Abgesehen von inflationären Geldmehrungen durch Staaten entsteht Geld durch Arbeitsprozesse, unter anderem in Fabriken. Auch das Denken wird hergestellt. Es gibt sogar Denkfabriken, die sich darauf spezialisiert haben, das Produkt zu generieren. Das Geldprodukt ist standardisiert, Scheine und Münzen bekannt bis hin zu sämtlichen Verbriefungen und Ersatzdokumenten. Standardisiertes Denken. Gibt es das? Das muss es geben. Man spricht vom Denken in engen Kästchen, selbstbeschränktem Denken, Denken in Funktionszusammenhängen etc. Diese Art des Denkens ist für Fabriken gut geeignet. War es das dann? Nein! Das Denken ist mehr und stellt das Geld in den Schatten, überflügelt es mit seinen Möglichkeiten, hebt ab zum Höhenflug. Denken ist unbegrenzt, kollektiv wie individuell, wie Pioniere, wie Wanderer, die sich auf dem Weg gemacht, sich den unendlichen Möglichkeiten, der Vielzahl von Wegen, den geraden und den labyrinthischen gleichermaßen anvertraut haben. Denken ist vorläufig, fragmentarisch, wie das Spähen durch ein Kaleidoskop für Kinder. Ein kurzer Dreh des Sehrohrs und schon hat sich die Landschaft verändert, sind die Glasperlen weitergerutscht, eröffnen sich neue Perspektiven und laden das denkende Ich ein, weitere Erfahrungen zu machen, die in der Denkbank anderen dann als Wegzehrung zubereitet werden können. Jeder Denker hat Teil an dem geschaffenen Reichtum Einzelner und aller, steht damit nicht nur den Privilegierten zur Verfügung. Also, Geld oder Denken? Wer klug ist, wählt das Denken. Das wahre Vermögen …
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski