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1968 (Teil 4)

Abgesehen von den eindringlichen Bildern der „Fox tönenden Wochenschau“ schärften Filme unser Bewusstsein für die gesellschaftlichen Konflikte. Filme spielten eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung einer Haltung, die sich im Widerspruch zu den gängigen gesellschaftlichen Klischees befand. Überhaupt waren die Medien der eigentliche Motor der studentischen Bewegung. Ohne das Fernsehen wären Menschen wie Dutschke, Baader und Meinhof unentdeckt geblieben, allenfalls lokale Phänomene. Die mediale Abbildung der Krawalle auf dem Kurfürstendamm, die fast öffentliche Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg, die spätere Blockade der Springer-Gebäude und Brandstiftungen sind erst dadurch in das Licht der Öffentlichkeit gerückt worden, dass Film, Fernsehen, Rundfunk und schließlich auch die vielfältige Presse darüber berichteten. Jeder Student besorgte sich den „Abend“, um mit Begierde darüber zu lesen, was am Vortag geschah, insbesondere, wenn er selbst an einem Vorkommnis beteiligt war. Die Möglichkeit der Selbstbespiegelung in einer erstarkenden medialen Welt beförderte die Sucht nach immer gravierenderen Anlässen der Selbstbestätigung. Die Presse tat das Ihre dazu, insbesondere natürlich die Springerpresse, die ihre Auflage zu steigern wusste, indem sie sich zum Einen als Opfer stilisierte, zum Anderen die Stimmung aufheizte, um weiter gute Geschäfte zu machen. Die Springerpresse zog in diesen asymmetrischen Krieg mit der Behauptung, sie sei der Wahrer der eigentlichen bürgerlichen Anständigkeit und des Gemeinsinns. Mit ihrer Auflagenstärke mobilisierte sie den Kleinbürger, gaukelte ihm vor, sein Besitzstand, seine Moral seien in Gefahr und schickte ihn auf die Straße, um gegen studentische Anmaßung zu protestieren und deren Rädelsführer auszuschalten. Das ist dann auch gut gelungen, wenn man bedenkt, dass es bei Protestkundgebungen dazu gekommen war, dass Bürger auf Studenten einprügelten und schließlich durch öffentliche Unterstützung der prügelnden Schah-Standarte vor dem Schöneberger Rathaus mit das Klima geschaffen wurde, das zur Gewalteskalation in der Krummen Straße nahe der Deutschen Oper und zur Erschießung von Benno Ohnesorg sowie dem erfolgreichen Attentat auf Rudi Dutschke führte. Heinrich Albertz hatte dies politisch zu verantworten, nahm seinen Hut und bereute. Er, der als Sozialdemokrat und bekennender Christ, Gollwitzers Freund, Widerständler gegen die Nazis und sicher ein aufrechter Demokrat war, wurde verführt durch die Suggestion der Bilder und Worte, vor allem die Angst, dass die Errungenschaften Nachkriegsdeutschlands im wirtschaftlichen und sozialen Bereich wieder zur Disposition gestellt werden könnten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

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