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Gesunder Menschenverstand

Gesunder Menschenverstand. Was für eine merkwürdige Kombination von Begriffen, die so selbstverständlich in dieser Aneinanderreihung wirken, als wisse man, was darunter zu verstehen sei. Wenn es einen gesunden Verstand gibt, was müssen wir dann unter einem kranken verstehen? Liegt die Betonung auf Mensch oder Verstand und was ist überhaupt gesund in diesem Zusammenhang?

Von einem kranken Menschenverstand ist wohl nie die Rede. Krank und Verstand scheinen sich zu widersprechen. Wenn sich aber Verstand und gesund aufeinander beziehen, kann es doch nur gesund sein, wenn allein der Verstand seine Stellung behauptet. Weshalb dann das Attribut gesund? Wodurch zeichnet sich denn Verstand beim Menschen aus? Durch die Fähigkeit, Dinge zu verstehen oder ist Verstand ein Abstraktum?

Wenn ich etwas verstehe, ob dies nun gesund oder krank sein sollte, habe ich die Möglichkeit, daraus eine Initiative abzuleiten. Wenn mein Verstand nicht gesund ist, verstehe ich vielleicht etwas falsch und ziehe daraus die falschen Schlussfolgerungen. Wenn mein Verstand aber gesund ist, dann denke ich richtig und treffe auch die richtigen Entscheidungen. Nur, was ist richtig? Kann mir mein Verstand sagen, was richtig ist? Weiß ich es oder bilde ich mir nur ein, er sei gesund? Gibt es einen objektiven Maßstab für einen gesunden Verstand? Ist dieser mehr physisch, kognitiv oder emotional bestimmt? Kennen sich Psychiater mit gesunden Menschenverständen aus oder eher Theologen, Philosophen?

Ist gesunder Menschenverstand möglicherweise nur eine Metapher für eine allgemein verbindliche Einschätzung, dass es etwas Absolutes im menschlichen Begreifen gibt und sich diese Absolutheit unter den gesunden Menschenverstand subsummieren lässt? Es kommt mir die Idee, dass gesunder Menschenverstand eine flexible Einschätzung ist, die mich entlasten kann, wenn ich das Richtige denke, es aber auch schlimme Konsequenzen nach sich zieht, wenn ich mir nur vorstelle, richtig zu denken, aber das Denken und vor allem aber auch das Fühlen der Einschätzung sich mit dem Denken anderer nicht verträgt.

Es scheint mir, als sei gesunder Menschenverstand keine individuelle Erfahrung, sondern Gruppenerlebnissen vorbehalten. Die Mehrheit entscheidet dann darüber, was gesund, was Verstand und schließlich darüber, was vom Menschen sonst noch Verwertbares übrig bleibt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Erotik

Sex sells. Na klar, das sind doch Ladenhüter. Sex als Austauschleistung. Sex sollte künftig möglichst detailliert vertraglich fixiert und durch Unterschriften besiegelt werden, damit es nachher keine medialen Vorwürfe, Strafanzeigen und Schadensersatzklagen gibt. So regeln wir künftig auch in Deutschland die Triebabfuhr.

Ach Diótima, welch Schlamassel richten wir an. Wo bleibt denn das Zehren, das unbeschreibliche Gefühl der Sehnsucht nach einem bebenden Busen, das unberührende Verlangen zu berühren. Das ewig Weibliche … . Stopp, stopp, stopp! Berühr mich nicht, denk aber auch bloß nicht daran, mich zu berühren, weg mit aller Schmuddelliteratur und Bildern von jungen Mädchen. Säubere Bibliotheken, Museen und Galerien von Brüsten, nackter Weiblichkeit, Lustknaben und geilen Zentauren. Leda mit dem Schwan, weg damit. Schließt Badeanstalten, verbietet Bikinis und Beachvolleyball. Verbannt überhaupt alles, was erotische Fantasien ermöglichen könnte. Rein vorsorglich sollten überall Warnhinweise flächendeckend verklebt werden, etwa wie folgt: „Brüste, Hinterteile, Beine, Münder und Augen könnten verstörend wirken. Es wird daher geraten, sich mit fremden und auch eigenen Körperteilen nur dann zu befassen, wenn es um verabredete sexuelle Handlungen geht. Im Falle der Entwicklung von Sehnsucht nach einem anderen Wesen, ob männlich, weiblich oder sächlich und Feststellung erotischer Gefühle, solltest du, männlich, weiblich oder sächlich sofort einen Psychiater aufsuchen. Vor Psychiatern wird allerdings auch gewarnt, denn sie könnten selbst verstörend wirken, wenn sie in der Tiefe unseres Seins noch Rudimente schädlichen Verhaltens entdeckten.“

Hoffen wir, dass wir im Darkroom unserer Seele noch erotische Gefühle horten können und sei es nur als Erinnerung an eine unvollkommene, verrückte und anregende Welt des Vergnügens und der Verantwortung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Verhaltenstraining

Dem Menschen ist die Sicherheit gegenüber seinem eigenen Verhalten abhanden gekommen. Traditionell orientiert er sich am Beispiel der Eltern, der Großeltern oder des Dienstherrn. Diese Orientierung ist fragwürdig geworden, da sich Eltern, Schule, Ausbildung, Politik und alle Institutionen einer Vorbildfunktion entziehen. Der Mensch wird frei, ob aus Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit oder Überforderung. Weder die Familie, noch die Gesellschaft fühlen sich dazu aufgerufen, für das sozialadäquate Verhalten eines Menschen zu sorgen. Bezeichnenderweise hat dieses Vakuum nicht die Kirche für sich nutzen können, sondern der Verhaltenstrainer. Der Verhaltenstrainer ist eine Spezies, die auch keine eigenen Erkenntnisse davon hat, ob etwas richtig oder falsch ist, sondern er adaptiert strukturelle Abläufe aus allen Bereichen unseres Lebens und bietet diese anderen als Lebenshilfe an. Das Angebot reicht vom gesamten geistig- religiösen Umfeld über medienwirksame Auftritte bis hin zur Unternehmensführung. Die meisten Bereiche unseres Lebens sind fremdbestimmt und entsprechen weder im Wesen noch in der Überzeugung unserem Lebensmuster. Unser Trainer ist Philosoph, Psychiater, guter Freund, Healthmanager und Apologet. Haben wir es mit unserem Verhaltenstrainer besprochen und hat er uns gesagt, wie es künftig weitergeht, so sind wir frei, frei von der eigenen Verantwortung für unser Verhalten. In einer Gesellschaft, die auf Sicherheit, medialer Wirksamkeit und Langeweile aufgebaut ist und dabei im Verteilungskampf bestehen muss, ist der Verhaltenstrainer ein außerordentlich wichtiger Partner – aber für den Menschen auch ein ernst zu nehmender Gegner!

Wir Menschen sind einzigartig. Wir sind von der Natur beschenkt mit unglaublichen Fähigkeiten: Gestalten, Fühlen, Denken, uns Freuen und diese Freude Weitergeben, und dies in einer Welt, die nicht die unsere ist, die wir aber täglich neu erfahren dürfen. Gerade diese Chancen, die wir Menschen haben, machen uns unfertig im positivsten Sinne des Wortes. Sie prägen uns aus. Leben heißt vor allem lebenslanges Lernen, sammeln von Erfahrungen und Eindrücken. Dass sich diese Haltung gegen den Anspruch eines Verhaltenstrainers stellt, wird dabei sehr schnell deutlich. Der Verhaltenstrainer behauptet von einer oder mehreren Attitüden, dass, wenn man diese beherzigt, der von ihm programmierte Erfolg sich auch einstellen würde. Und selbst wenn dies so wäre? Ist damit schon alles erreicht, was der Mensch vermag?

Lebenslanges Lernen bedeutet, offen zu sein für Fremdes, Ungewohntes, Neues, Spannendes, Fröhliches, aber auch für Schmerz und Kummer. Das Leben an sich unterscheidet nichts, weder bevorzugt es ein bestimmtes Verhalten, noch impliziert es selbst Ablehnung oder Hoffnungslosigkeit. Wenn wir unsere eigenen Chancen sehen, anstatt die anderen um ihre Chancen zu beneiden, können wir bereits damit anfangen, unser Verhalten anders auf die Wirklichkeit einzustellen, als wir es womöglich bisher getan haben. Nicht der Andere ist Gegenstand unserer Betrachtung, sondern wir selbst mit unserem „eigenen Weg“.

Der eigene Weg hat damit zu tun, dass wir uns mit Freude selbst entdecken, selbst betrachten in unserer Einmaligkeit und dabei auch nicht erschrecken darüber, dass wir uns plötzlich anders sehen als die Verhaltenstrainer oder Fernsehprogramme oder die allgemeine gesellschaftliche Verhaltensweise dies uns mit allem Komfort an Sicherheit oder auch aller Brutalität deutlich werden lassen wollen.

Der Mensch, der sich begegnet, entdeckt womöglich bei sich zuerst das Fremde, das Unerklärliche, was ihm Angst macht. Dies sind zunächst seine eigene Geschichte, seine Geburt und sein Tod. Viele Menschen zweifeln an der Berechtigung ihrer Geburt, halten diese für einen Irrtum oder Schlimmeres. Andere wiederum folgern daraus, dass sie jetzt erst recht einen Anspruch auf Leben haben. Aber warum? Wozu? Diese Fragen sind schwer zu beantworten, wenn man nichts von sich weiß. Es gibt auch niemanden, der abschließend etwas darüber sagen könnte, sondern nur die Summe der Selbstbeobachtungen gibt Hinweise. Unerklärlich ist dem Menschen, wenn er seine Eltern vor sich sieht, wie er aus ihnen entstanden sein soll. Es ist ihm unerklärlich, dass er gleichwohl ein eigenes Wesen hat. Er erschrickt vor dem Gedanken, dass er, der nun zur Welt gekommen ist, sich ableitet aus der Entstehung des ganzen Lebens. Er will verstehen, warum er in einem Prozess ständigen Gebärens nicht eingeht in das Leben, sondern in den Tod als das Erlöschen allen Lebens. Die aberwitzige Fantasie des Menschen zwingt ihn, mit diesem tragischen Eigenverlust umzugehen, indem er seinem Leben einen Sinn gibt, welcher sich nicht im Tode erschöpft. Es gibt so nicht nur ein Fremdes im Menschen, sondern viele Fremdheiten, die entdeckt werden müssen. Zum Einen ist es der Körper, der sich aufbaut zu Kraft und Betätigung, alsdann zerfällt nach einer Zeit der Schwäche. Fremd ist auch die Ahnung, die uns mitgegeben wurde aus einer anderen Zeit und uns überlebt, sei es in der bewussten Weitergabe an andere Menschen, sei es in der Spiritualität, die der Eine oder Andere nicht wahrhaben möchte. Fremd bleibt uns die Sexualität, deren lebensspendende Funktion wir sofort begreifen, worin sich aber weder unser Handeln erschöpft noch unsere Attraktivität. Erotik und Zuneigung spielen in unserem Leben eine große Rolle, wenngleich aber auch mit Wehmut und Schmerz. Nahe kommen wir so den anderen Menschen nie, wie sehr wir uns quälen oder bemühen. Fremd in uns ist die enorme Gewalt, die sich aller Fähigkeiten und Eigenschaften des Menschen bedient, die es ihm gestattet große Dinge zu schaffen oder auch andere Menschen zu quälen, zu schänden, zu schädigen, zu verletzen und zu schikanieren. Grundlos ist das nicht. Möglicherweise drücken wir damit unseren Schmerz aus und unsere Hoffnungslosigkeit. Vielleicht schafft sie uns Schöpfungs- energien oder soll uns Möglichkeiten der Reinigung geben. Jedenfalls ist auch das, was wir nicht verstehen, da und wir müssen damit umgehen. Kein Verhaltenstrainer vermag uns davon abzuhalten, Gewalt auszuüben, dieses Fremde in uns intensiv zu erleben, sondern wir müssen es selbst kennenlernen, um damit umzugehen. Nur wer sich selbst entdeckt, der wird sich finden, wird in der Lage sein, seinen eigenen Weg zu gehen.

Muss der eigene Weg erfolgreich sein im allgemeinen Sinne? Dieser Sinn versteht unter Erfolg, dass zumindest ein Großteil der Bilder bedient wird, die in unserer Gesellschaft beherrschend sind. In erster Linie ist darunter ein guter Job zu verstehen, ein gutes Auskommen, Familie, Gesundheit, Sport, ein eigenes Haus, ein Fahrzeug und mindestens drei Mal Urlaub im Jahr. Woran bemisst sich allerdings dieser Erfolg? An den eigenen Ansprüchen oder denjenigen, die diese Klischees hervorgebracht haben? Erfolgreich im eigenen Sinn kann auch derjenige sein, der diese Klischees nicht bedient, keinen Urlaub macht, für andere arbeitet, nicht an der Börse spekuliert, sondern z. B. Opfer bringt, sich einer Sache hingibt, von der nicht er profitiert, sondern aus der möglicherweise ein Anderer Nutzen zieht. Es kommt dabei auch nicht unbedingt auf das Ergebnis an, welches sich vielleicht auch gar nicht einstellt, sondern auf die eigene Haltung zu den Dingen. Ein Opfer bringen kann eine große Sache sein oder eine kleine. Sie erschöpft sich nicht darin, dass es einmal erbracht wurde und somit den Menschen vor der Zukunft freispricht. Es ist eine Haltung, in der der Mensch erkennt, dass er sich mit seinem eigenen Durchsetzungsvermögen hinten anstellt und andere zum Zuge kommen lässt, weil damit alle etwas vom Leben haben, das Leben vielfältiger und möglicherweise auch etwas aggressionsfreier wird.

Das Leben ist schön. Der Mensch sollte sich vertrauen, sich selbst anvertrauen. Das Sprichwort heißt: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem Anderen zu!“. Es ist schon erstaunlich, wie treffsicher unsere Sprichwörter sind und wie deutlich sie unser Verhalten steuern würden, wenn wir ihnen vertrauten. Was das Sprichwort nicht von uns verlangt ist aber, dass wir uns passiv verhalten und sozusagen eine Rolle des Gutmenschen spielen, der wir ja gar nicht sind. Es kann im Leben nicht falsch sein, seine Fähigkeiten zu erproben und sie hartnäckig einzusetzen. Der Vorteil für alle Menschen besteht darin, dass wir auch Andere damit aufwecken und in dem Wettstreit zur Entwicklung unserer Gesellschaft einen Beitrag leisten. Es gibt eine Fülle von Maßnahmen, die, wenn wir sie ergreifen, beherzigen und konsequent durchführen, uns erhebliche Vorteile verschaffen und dabei auch vieles von dem gewähren, was wir am wenigsten haben, und zwar Zeit. Wir sind in der Lage, viel mehr zu schaffen, als wir uns selbst zutrauen. Um diese Zeit zu gewinnen, sind äußere und innere Umstände zu berücksichtigen.

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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski