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Leben

Das Leben erscheint mir zuweilen als eine Abfolge spektakulärer und weniger spektakulärer Begebenheiten, die sich im Gewesensein erschöpfen. Frei nach Breton, welchen Nutzen, welchen Gewinn ziehen wir daraus?

Das ist nicht auszumachen, kann nicht entschieden werden, und zwar aus einem einfachen Grund: Wenn wir eine Zeit lang das Spektakel angeschaut haben oder auch Teil des Spektakels waren, irgendwann ist alles zu Ende, spätestens zum Zeitpunkt unseres Todes.

Aber, warum machen wir das alles, warum zetteln wir Kriege an, wie dieser Herr Putin, begehen unfassbare Gräueltaten und helfen andererseits anderen Menschen, retten sie, befreien sie von Krankheiten und Leiden. Warum häufen wir gigantische Vermögen an und verteidigen unseren Besitzstand mit Klauen und Zähnen? Warum sind uns Arbeitszeitnormen und wirtschaftlichen Vorteile sowie Spekulationsgewinne jenseits unseres Bedürfnisses so wichtig?

Mit der DNA wäre es zu erklären, wenn es stimmen würde. Würden die beschriebenen Verhaltensweisen nicht an der Erosion des Lebens auf dem Planeten beteiligt sein, entsprächen sie dem allgemeinen Verständnis, uns Menschen zu erhalten. Wäre dieses Verständnis vorhanden, zögen alle an einem Strang und würden sich in ihren Fähigkeiten ergänzen. Diese Bereitschaft scheint nicht zu bestehen.

Es geht vielmehr um Vorteile. Ein transzendentales Leben, wie Religionen verheißen, das ließe Elend und Ungerechtigkeiten ertragen. Ist aber der „Himmel“ abgeschafft bzw. geraubt, ein transzendentales Paradies unerreichbar, was bietet dann noch das Leben? Vielleicht Hoffnung? Aber worauf? 

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kriegslogik

Dass es mit dem Morden in der Ukraine zu Ende geht und dieses Einhalten die Rückkehr unserer Energiesicherheit gewährleistet, dürfte ein weit verbreiteter Wunsch in Deutschland sein. Es besteht folglich zur Zeit ein „Hoch“ für diplomatisch diplomierte Meinungsbürger, die Waffenstillstand und Frieden fordern und dabei freigiebig fremdes Gut, also die Ukraine, verteilen wollen. Die Krim soll ohnehin bei Russland verbleiben, denn dieses entspricht den Verhältnissen.

Sie kann also weg, der Donbass scheint eher russisch zu sein oder sowjetisch, zudem Industriegebiet, also schmutzig, undurchsichtig, bedenken wir also den Klimaschutz und die künftigen Anstrengungen, diesen zu erhalten bzw. wieder aufzubauen, sollen doch die Russen den Ärger haben, der Donbass kann weg. Die Westukraine war diese nicht vielleicht auch ein bisschen österreichisch?! Das behalten wir, aber da wir noch nicht genau wissen, wie dieses „behalten wir“ aussieht, bevorzugen wir die Sicherung durch Schaffung eines UN-Mandatsgebiets, einer Sonderzone, einem Puffer. Die Welt kann sich dann darum kümmern, aber endlich wird es wieder Frieden geben.

Die so reden, sind keine Zyniker, sondern Menschen, die schlicht ihre Interessen vertreten und dies bar jeglicher Erkenntnis und in völliger Ahnungslosigkeit tun, aber ihren Gefühlen vertrauend. Sie verkennen allerdings dabei, dass der Kriegsherr Putin der erste Beamte eines autoritären russischen Staates ist, dessen Macht durch Strukturen, die er selbst mit geschaffen hat, gefestigt wurde. Nicht Ideologien oder Terror sind Putins Herrschaftsinstrument. Er ist weder Stalin, noch Hitler.

Auch wenn der eine oder andere Russe ihn vergöttern mag, darauf wird er sich nicht verlassen können, sondern allein auf seine Polizei, die willfährige Justiz und das Militär. Seine Macht ist strukturell verankert und daher schwer auflösbar, weil hierfür die Zustimmung der in den Strukturen handelnden Personen erforderlich wäre. Werden sie aber ihre Zustimmung erteilen und, wann werden sie dies tun?

Wahrscheinlich dann, wenn sie sehen, dass Putin scheitert, wenn sie sehen, dass der Ukrainekrieg auf einer Fehleinschätzung ihres Kriegsherrn und seiner Gefolgschaft beruht, dann, wenn sie erhebliche Nachteile erleiden und die Jugend keine Perspektiven mehr für sich erkennt. Narrative sind beliebig oft und vielfältig erzählbar, aber werden die Strukturen Russlands beschädigt, ist Putin am Ende.

Einen Waffenstillstand und ein verkündeter Friede spielt Putin dagegen in die Hände und stärkt seine Position. Solange Putin die Sinnlosigkeit des von ihm entfesselten Krieges nicht wahrnimmt und entsprechend handelt, geht das mörderische Spiel weiter, augenblicklich noch in der Ukraine, aber dann vielleicht auch in Estland und Litauen, wer weiß?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Traurige Geschichte

Als Paladin dem Käfer auch noch das letzte Bein ausriss, hatte er nur den einen Gedanken: Ich muss mich an dem Tier rächen. Aber der Gedanke war ihm bereits langweilig geworden. Er war nur das äußerst Fassbare, sozusagen ein neutraler Rettungsring in einer dumpfen Leere. Das Ausreißen der Beine schien durchaus Sinn zu machen, ein Versuch, der Leere etwas entgegenzusetzen, zum Beispiel Schmerz. Zunächst war wohl der Schmerz nicht seiner. Kein abgerissenes Beinchen tat ihm weh und ob es überhaupt weh tut? Das Tier hatte nicht geklagt.

Nach dem Verlust aller Beine zertrat Paladin den Körper. Der war jetzt auch nicht mehr wichtig. Paladin erfuhr dabei Ekel. Der dadurch freigesetzten Scham begegnete er durch Vernichtung des Gedankens daran. Damit war alles weggedacht und es blieb die Leere. Diese war schmerzhaft. Paladin rebellierte gegen Gleichmut, Unschuld und Schönheit gleichzeitig. Paladin rebellierte gegen das Vergessen und das fest gefügte Erinnern. Paladin war weder gemein, noch Sadist. Er war nur traurig über seine Ahnungslosigkeit und beklagte bitter die Grenzen seines Empfindens. (aus: Hans vom Glück, Beinahe russische Geschichten)

 

Meiner Wahrnehmung nach ist Putin ein unglücklicher, am Leben verzweifelter Mensch, weil er keinerlei Empfindungen mehr hat. Dadurch, dass er andere quält und peinigt, versucht er festzustellen, ob sich Gefühle wieder bei ihm einzustellen vermögen. Zur Verstärkung seiner Trostlosigkeit ist es aber nicht der Fall. Er hat sich selbst eingebunkert, abgeschottet von der Welt und jedem Gefühl und keiner wagt es, ihn zu berühren. Angesichts des von ihm geplanten und veranstalteten Schreckens kann seine Tat nicht, auch nicht durch Selbstmitleid, aufgewogen werden.

Wäre ihm aber begreifbar zu machen, dass sein Selbstmitleid jede Möglichkeit seiner Erlösung verhindert, könnte er Konsequenzen für sich ziehen? Denn auch er hat einmal gelebt und geliebt, wenn auch vor langer Zeit, oder? War er vielleicht auch einmal ein trauriges Kind? Und was vermag Trauer bei ihm auszulösen?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Schwarzer Mann

Als ich mich in den 1990er Jahren erstmals, aber in der Folgezeit sehr häufig, in Russland aufhielt, wurde ich wiederholt von Einheimischen vor den „schwarzen Männern“ gewarnt. Diese Männer kämen von Außerhalb, zum Beispiel dem Kaukasus, seien unnahbar, kaltblütig, ggf. brutal. Ich bin ihnen in Städten wie St. Petersburg tatsächlich häufig begegnet und habe dabei beobachtet, dass sie mich und andere in der Regel nur dann wahrnehmen, wenn ihr Auftrag dies von ihnen verlangt. Sie saßen häufig in den Vorräumen von Restaurants und beobachteten mit stoischer Gelassenheit und Ruhe das ganze Geschehen.

Ihre körperliche Präsens aber war dennoch enorm und schaffte eine Atmosphäre des Respekts vor dem, was bei Übertretung ihrer Regeln zu erwarten sei. Die schwarzen Männer redeten wenig und verzogen selbst dann, wenn sie dies taten, kaum ihr Gesicht. Ein Lächeln kam nicht vor. Wenn man schwarzen Männern auf der Straße begegnete, sollte man ihnen lieber ausweichen, denn sie würden anderenfalls einfach durch einen hindurchgehen – oder über einen hinweg. Sie weichen nicht aus. Mit ihrer Entschlossenheit prägen die schwarzen Männer ein deutliches Kontrastbild zum warmherzigen, kulturell interessierten und hilfsbereiten Menschen.

Auf allen wunderbaren Festen und bei allen herzzerreißenden Begegnungen mit herrlich verrückten Menschen waren naheliegenderweise keine schwarzen Männer zugegen. Dies verrät aber nichts über eine angebliche Zerrissenheit des Landes, sondern darüber, dass auch in Russland – wie überall in der Welt – beides vorkommt: Kaltblütigkeit, stoischer Schrecken einerseits und Herzensgüte sowie Verständnis andererseits.

Putin hat schwarze Männer übrigens in die Ukraine geschickt. Dort führen sie seine Aufträge aus, bis sie wieder nach Russland zurückkehren und dort gleichmütig auf ihren nächsten Einsatz warten. Obwohl die meisten Menschen in Russland mit ihnen überhaupt nichts gemein haben, ist es allerdings schwierig, die Welt davon zu überzeugen, dass sie eigentlich nur friedlich leben wollen und sie diese sinnlose, aber grausame Selbstbeweihräucherung der schwarzen Männer abstößt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

„Z“

Möglicherweise ist es ein der militärischen Logik folgender Zufall, dass russische Armeefahrzeuge mit einem weißen Z versehen werden. Eine schlüssige Bedeutung dieser Kennzeichnung ist unklar. Es gibt zwar viele Erklärungsangebote, die allerdings für meine Betrachtungen völlig belanglos sind. Zufall oder nicht, jedenfalls könnte man auch von einem genialen Einfall sprechen.

Überall in Russland taucht nun dieses „Z“ auf, und zwar nicht nur auf Häusern und Fahrzeugen, sondern als Erkennungszeichen all derjenigen, die das Vorhaben ihres Präsidenten Putin und seiner Armee unterstützen und dies auch deutlich machen wollen. Wer sich zu „Z“ bekennt, muss nichts mehr erklären, das Zeichen spricht für sich. Aus dem konkreten Anliegen der Armee bei Kennzeichnung ihrer Fahrzeuge wird nun eine Metapher, deren Bedeutung alles aufsaugt, was für dieses Symbol stehen könnte.

Wie jedes dem Alphabet nahestehende Symbol ist es tabu bzw. sakrosankt, das heißt, jeder Widerspruch, jede Verächtlichungsmachung oder Missachtung dieses Zeichens wird als Angriff auf ein ungeschriebenes, aber allumfassendes Gesetz angesehen. Beispiele für die prägende Kraft des Schriftzeichens gibt es in der Menschheitsgeschichte vielfältig. Von „A“ bis „O“ und Benennung von weltlichen und religiösen Projekten durch Buchstaben wird verdeutlicht, dass unser Leben von Chiffren, Buchstaben und Zeichen geprägt ist.

Zorro trägt ein Zeichen und auch Kunstfiguren wie Batman tragen es auf der Brust. Durch Buchstaben und Zeichen wird ein Bekenntnis abgelegt. Zu löschen ist dieses nicht. Jeder Widerspruch ist sinnlos. Doch können Zeichen, Buchstaben, Worte in Konkurrenz zueinander treten, ein auf den Kopf gestelltes „Z“ signalisiert vielleicht Widerstand, ein flach liegendes „Z“, also ein N, könnte ein Symbol für Geschlossenheit in der Zurückweisung Putins sein. Njet! So schafft man einen Bedeutungswandel dieses Zeichens.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Der Club der Egomanen

Willkommen im Club der Egomanen: Trump, Putin, Erdogan, Modi, Johnson, Orbán, Höcke, Assad, Bolsonaro und Xi Jinping. Sicher habe ich einige unterschlagen oder nicht berücksichtigt, weil sie mir nicht eingefallen sind oder ich sie als nicht so bedeutend erachtet habe. Es ist bemerkenswert, dass sich im Club der Egomanen nur Männer befinden.

Was eint nun dieses Männerbündnis, was schafft ihre Singularität? Dies in aller Schlichtheit: Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich und Tempo! ich ich ich ich ich ich ich ich !!!!. Es ist bemerkenswert, dass sowohl im Zähler als auch im Nenner dieser Charakter dasselbe steht.

Das macht sie so eindeutig, fast unverwundbar und mächtig. Kein Vorwurf kann sie treffen. Sie haben ihre Zeit. Dann ist sie zu Ende. Den Club der Egomanen verlassen sie allerdings auch post mortem nicht. Ihr Nachruf besteht nur in einem Wort: ICH.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Sinnlosigkeit

Was juckt es den Bären, wenn man ihm einen Floh in den Pelz setzt. Kurz schüttelt er sich und im hohen Bogen verlässt ihn der Floh. Das Beispiel soll verdeutlichen, dass es völlig sinnlos ist, gegen die Mächtigen etwas vorzubringen, sie schütteln sich einmal und schon geht es weiter.

Ja, es mag sein, dass der Prozess des Schüttelns etwas länger dauert oder die Hilfe von Kammerjägern erforderlich ist, aber, im Ergebnis bleibt der Pelz frei von Störenfrieden. So ist es, wenn wir uns nicht nur Putin, sondern auch Trump, Erdogan und neuerdings auch den chinesischen Parteichef Xi Jinping als Bären denken.

Dabei geht es nicht nur um ihr persönliches dickes Fell, sondern um das Fell an sich. Es geht um die Machtlosigkeit des Flohs angesichts der organisierten Macht von Einrichtungen, die empfindlich reagieren, wenn sie sich angegriffen fühlen, dann unnachsichtig sind und nicht zulassen, dass sie in Frage gestellt werden. Die eigene Selbstverherrlichung geht so weit, sich anzumaßen zu wissen, was Religion ist und was sie will. Indem sie diese instrumentalisieren, lästern sie Gott, und zwar ohne zu erwarten, dass sie zu Lebzeiten dafür bestraft werden. Man könnte auch sagen, sie lästern und missachten die Schöpfung Gottes.

Aber das juckt sie genauso wenig, wie der Floh in ihrem Pelz. Religion, der Mensch, seine Fähigkeiten und Neigungen. Alles ist nur Mittel zum Zweck der Mächtigen. Müssen wir resignieren, verzagen oder bleibt für uns noch etwas zu tun? Ich glaube, ja. Es geht für uns darum, Haltung zu beweisen, unsere Würde, unsere Integrität, unsere Ablehnung, unsere Beharrlichkeit, uns nicht verführen zu lassen, unser Wille, uns im Pelz der Mächtigen festzukrallen und nicht loszulassen, wenn der Bär sich schüttelt. Ein Einzelner vermag da wenig, aber viele anständige Menschen sind eine echte Herausforderung für alle Machthaber. Schaffen wir also eine Population der Integrität, Würde und Güte, die im Pelz der Mächtigen mehr juckt als ein einzelner Floh.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

G 20

Endlich! Der Spuk ist vorbei. Hamburg ist wieder befreit aus der Geiselhaft von über 20 Staatenlenkern plus Anhang und Sicherungskräften. Hamburg ist wieder befreit von Chaoten, denen Politik völlig gleichgültig ist. Diesen geht es um Rabatz und Bestätigung ihrer kriminellen Energie unter dem Schutz der Demonstrationsfreiheit und klammheimlicher Solidarität notorischer Misanthropen.

Der G 20-Gipfel wird nicht als schön und auch nicht als besonders erfolgreich in Erinnerung bleiben. Wahrscheinlich kann sogar behauptet werden, er war im behaupteten Sinne überhaupt nicht erfolgreich, da er wenig gebracht, aber viel gekostet habe. Es ist völlig legitim, all dies zur Sprache zu bringen und schließlich auch, völlig zu Recht, darauf zu verweisen, dass es eine unerträgliche Zumutung ist, Hamburg für solche Formate zu beschlagnahmen.

In Hamburg leben Bürger, Menschen, die arbeiten müssen, einkaufen gehen wollen und flanieren. All dies war nicht oder nur eingeschränkt möglich. Nun ist ein Teil dieser Stadt zerstört und muss wieder aufgebaut werden. Was bleibt: Wut, Hass und Erleichterung. Es ist vorbei. Die Krawalle erfolgten auf Ansage, es verbarg sich schon in der Ankündigung, die Politiker des G 20-Gipfels in die „Hölle“ zu schicken und fand sich bestätigt in der puren Aggression eines schwarzen Blocks.

Es ist der Polizei und der Polizeiführung zu danken, dass es nicht weitere Eskalationsstufen, insbesondere Tote gegeben hat. Es gab auch richtige Demonstrationen. Deren Aussagekraft überdauerten leider den Gipfel nicht. Eindrucksvoll waren für mich allerdings Demonstranten, die mit Lehm verkleidet auf Zerstörung und Armut in der Welt hingewiesen haben. Sie haben uns vor Augen geführt, dass wir nicht nachlassen dürfen, um uns über das Elend der Welt Gedanken zu machen und Lösungen anzustreben. Diese Demonstrationen benötigen allerdings nicht den G 20-Gipfel, denn dort werden sie ohnehin nicht wahrgenommen. Bei dem Treffen der Staatenlenker geht es vor allem um das Austarieren von Chancen und Möglichkeiten, frei nach dem Dealgedanken: Gibt’s du mir, dann gebe ich dir.

Es ist illusorisch anzunehmen, dass irgendetwas ohne Gegenleistung funktioniert. Es geht darum, dass bei solchen Gipfeln Leistungsanreize geschaffen und die Möglichkeiten eröffnet werden, neue Verbündete zu suchen oder realpolitische Partnerschaften zu verfestigen. Wo sonst sollten sich Putin und Trump treffen? Wo sonst könnte Herr Erdogan erfahren, was andere Staatsoberhäupter von ihm denken? Begegnungen der Politiker untereinander macht nicht den gesamten Gipfel aus, aber prägen ihn nachhaltig.

Die, die behaupten, der Gipfel bringe überhaupt nichts, verkennen völlig ihre eigene Bedeutung und Stärke. Aber Demonstrationen können nur dann etwas bewegen, wenn sie integrativ als Richtschnur für eigenes und fremdes Handeln wirken. Nicht Andere müssen machen, sondern wir, sei es bei der Wahl unserer Politiker, sei es bei unserem Engagement für andere Menschen durch Tätigwerden vor Ort oder durch Spenden und tägliche Zuwendungen gegenüber Dritten. Nur geben gibt, nicht schreien und Schuldzuweisungen, so war auch dieser G-20-Gipfel wieder ein Lehrstück für uns. Wir sollten anfangen zu lernen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Faschist

Faschismus ist zwischenzeitlich ein gängiger Arbeitsbegriff von Potentaten, die damit Menschen in ihrem Sinne beeinflussen wollen. Offenbar ist er noch nicht ganz abgenutzt, obwohl nicht nur Erdogan, sondern auch Putin ihn gerne benutzen. Faschisten sind immer die Anderen und man gehört selbst selbstverständlich zu den Guten. Warum funktioniert das, obwohl die durch den Faschismus-Vergleich Angesprochenen wahrscheinlich die Bedeutung des Begriffes Faschismus überhaupt nicht kennen.

Ich vermute, dass der Begriff deshalb so gut funktioniert, weil sich jeder etwas Anderes darunter vorstellen kann, also gerade deshalb, weil niemand richtig weiß, was Faschismus ist. Emotional setzen die Potentaten auf diesen Effekt und destillieren aus der Ratlosigkeit des Adressaten ihre Unterstützung. Es möchte ja keiner bekennen, dass er nicht wisse, was hier gesagt wird und zudem vertraue er dem Potentaten, der dem Bösen so einen Namen gegeben hat. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. So einfach könnte es auch gesagt werden, aber nicht so empathisch.

Zudem scheint es legitim, mit in den Chor der Anderen einzustimmen, wenn der Potentat die Melodie vorgegeben hat. Der Einzelne mag doof sein, wenn er dies tut, aber wenn eine Mehrheit in das Lied einstimmt, kann es nicht falsch sein. Zudem ist es von Herzen befreiend, sich nicht grübelnd und abwägend durch das Leben zu bewegen, sondern einmal laut zu brüllen, um dann wieder dem Tagesgeschäft nachzugehen. In einer größeren Gruppe ist das auch einfacher, denn die Anderen machen mit.

Sollte jemand wegen seines Chorbeitrages je zur Rede gestellt werden, so kann er auf die suggestive Kraft der Masse verweisen und sich davonstehlen, wenn es brenzlig werden sollte. Wer zündelt, entfacht ein Feuer. Wer Andere aus Opportunitätsgründen Faschisten nennt, muss sich vergegenwärtigen, dass seine Taten eines Tages aufgeklärt werden.

Wie heißt es? Gottes Mühlen mahlen langsam, aber gerecht. Wir sollten uns nie vor den Wagen eines Potentaten spannen lassen und sein Marschlied singen. Irgendwann bleibt es uns in der Kehle stecken.

Dann Gnade uns Gott!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mutwillen

Auch, wenn wir es oft beschreiben und analysieren, ganz verstehen wir nicht, warum andere ihren Mutwillen mit uns treiben. Da sind Politiker wie Putin, Trump und Erdogan, da sind aber auch schikanöse Behörden, Betriebsinhaber, Milizen oder Jugendgangs. Wir wissen, was sie tun, wir analysieren ihre Taten und finden irgendwelche Begründungen. Aber, warum sie es wirklich tun, erfahren wir nicht.

Natürlich geht es um Macht, die irrationale Lust, andere zu quälen und sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Damit ist allerdings noch nicht alles gesagt. Es gibt auch einen ganz rationalen Hintergrund für dieses Verhalten, und zwar:  Nur der Erfolg zählt. Die Peiniger auf allen Gebieten leben ausschließlich von dem Echo ihrer Taten. Werden diese mehrheitlich wahrgenommen, dann gibt dieser Erfolg ihnen recht, und zwar selbst dann, wenn ihre Taten frevelhaft, ungeheuer oder zumindest fragwürdig erscheinen könnten.

Der Peiniger kann sich allerdings auf die bleibende Anerkennung seiner Zumutungen nicht verlassen, dies wird deutlich, wenn man sich die Rechtfertigungen aller schon gewesenen Bösewichter vor Augen hält. Besonders einprägsam war einer der letzten Aussprüche des abgesetzten Stasichefs Mielke vor dem DDR-Abgeordnetenhaus: „Ich liebe Euch doch alle!“ Die Chancen der Schwachen, Unterdrückten und Gedemütigten stehen dann nicht schlecht, wenn sie Erfolg haben. Vençeremus! Ob es dann auch wieder Unrecht ist, kann dahingestellt bleiben. Der Erfolg zählt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski