Schlagwort-Archive: Ahnungslosigkeit

Kreuzgang

Wer widersteht der Macht der Behauptung, die angeblich Wissen schafft? Wer vermag uns von selbst gewählten Bezüglichkeiten befreien, die angeblich originäre Erkenntnisse verwalten? Die allem innewohnende Erinnerung wird durch erlebbare Erfahrungen geborgen. Das wurde mir bestätigt durch einen zufällig erlaubten nächtlichen Besuch kurz nach Weihnachten im Garten Gethsemane, eine halbe Stunde, in der Nacht, alleine, nur meine Frau und ich, sprachlos in Gedanken, alles fühlend im Wissen und in der Erinnerung an diesen besonderen Augenblick, umfassend zu verstehen.Dann schwingt die Welt, ist ein Ton in allen Dingen, offenbart das aus Urkeimen gezeugte Vorhandensein aller Erfahrungen trotzend allem Gewollten, alleine dem augenblicklichen Sinn und Anspruch gehorchend und auf sonderbare Art und Weise Realitäten knüpfend aus Erfahrbarem und Unbekanntem.

Schläft ein Lied in allen Dingen, so heißt es bei Eichendorf, das Lied zeugt mit Heiterkeit für die Vergänglichkeit und Wiedergeburt, die Transformation aller Wünsche, Sehnsüchte und Möglichkeiten in unserer Vorstellungswelt. Alles ist Fiktion und doch nutzbare Wirklichkeit, Spiegelung unserer Erwartungen an mich selbst und Andere. Wir schaffen uns eine Konstruktion der Lebensbewältigung in unserer umfassenden Unwissenheit und Ahnungslosigkeit. Unsere Unmöglichkeit, das Wesen aller Dinge an sich zu erfassen, macht uns zuweilen wütend. Würden wir allerdings mit unserer Ahnungslosigkeit gütiger umgehen, würden wir wahrscheinlich mehr fühlen und sehen, weil es keine Begrenzungen durch unser forderndes Ich mehr gäbe. Das Ich des Anderen, das andere Ich, das Gegen-Ich sozusagen würde uns bei der Konstruktion unseres Wunschlebens heiter unterstützen und uns vieles erleben lassen, das wir noch nicht einmal ahnen können.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Traurige Geschichte

Als Paladin dem Käfer auch noch das letzte Bein ausriss, hatte er nur den einen Gedanken: Ich muss mich an dem Tier rächen. Aber der Gedanke war ihm bereits langweilig geworden. Er war nur das äußerst Fassbare, sozusagen ein neutraler Rettungsring in einer dumpfen Leere. Das Ausreißen der Beine schien durchaus Sinn zu machen, ein Versuch, der Leere etwas entgegenzusetzen, zum Beispiel Schmerz. Zunächst war wohl der Schmerz nicht seiner. Kein abgerissenes Beinchen tat ihm weh und ob es überhaupt weh tut? Das Tier hatte nicht geklagt.

Nach dem Verlust aller Beine zertrat Paladin den Körper. Der war jetzt auch nicht mehr wichtig. Paladin erfuhr dabei Ekel. Der dadurch freigesetzten Scham begegnete er durch Vernichtung des Gedankens daran. Damit war alles weggedacht und es blieb die Leere. Diese war schmerzhaft. Paladin rebellierte gegen Gleichmut, Unschuld und Schönheit gleichzeitig. Paladin rebellierte gegen das Vergessen und das fest gefügte Erinnern. Paladin war weder gemein, noch Sadist. Er war nur traurig über seine Ahnungslosigkeit und beklagte bitter die Grenzen seines Empfindens. (aus: Hans vom Glück, Beinahe russische Geschichten)

 

Meiner Wahrnehmung nach ist Putin ein unglücklicher, am Leben verzweifelter Mensch, weil er keinerlei Empfindungen mehr hat. Dadurch, dass er andere quält und peinigt, versucht er festzustellen, ob sich Gefühle wieder bei ihm einzustellen vermögen. Zur Verstärkung seiner Trostlosigkeit ist es aber nicht der Fall. Er hat sich selbst eingebunkert, abgeschottet von der Welt und jedem Gefühl und keiner wagt es, ihn zu berühren. Angesichts des von ihm geplanten und veranstalteten Schreckens kann seine Tat nicht, auch nicht durch Selbstmitleid, aufgewogen werden.

Wäre ihm aber begreifbar zu machen, dass sein Selbstmitleid jede Möglichkeit seiner Erlösung verhindert, könnte er Konsequenzen für sich ziehen? Denn auch er hat einmal gelebt und geliebt, wenn auch vor langer Zeit, oder? War er vielleicht auch einmal ein trauriges Kind? Und was vermag Trauer bei ihm auszulösen?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski