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Faschist

Faschismus ist zwischenzeitlich ein gängiger Arbeitsbegriff von Potentaten, die damit Menschen in ihrem Sinne beeinflussen wollen. Offenbar ist er noch nicht ganz abgenutzt, obwohl nicht nur Erdogan, sondern auch Putin ihn gerne benutzen. Faschisten sind immer die Anderen und man gehört selbst selbstverständlich zu den Guten. Warum funktioniert das, obwohl die durch den Faschismus-Vergleich Angesprochenen wahrscheinlich die Bedeutung des Begriffes Faschismus überhaupt nicht kennen.

Ich vermute, dass der Begriff deshalb so gut funktioniert, weil sich jeder etwas Anderes darunter vorstellen kann, also gerade deshalb, weil niemand richtig weiß, was Faschismus ist. Emotional setzen die Potentaten auf diesen Effekt und destillieren aus der Ratlosigkeit des Adressaten ihre Unterstützung. Es möchte ja keiner bekennen, dass er nicht wisse, was hier gesagt wird und zudem vertraue er dem Potentaten, der dem Bösen so einen Namen gegeben hat. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. So einfach könnte es auch gesagt werden, aber nicht so empathisch.

Zudem scheint es legitim, mit in den Chor der Anderen einzustimmen, wenn der Potentat die Melodie vorgegeben hat. Der Einzelne mag doof sein, wenn er dies tut, aber wenn eine Mehrheit in das Lied einstimmt, kann es nicht falsch sein. Zudem ist es von Herzen befreiend, sich nicht grübelnd und abwägend durch das Leben zu bewegen, sondern einmal laut zu brüllen, um dann wieder dem Tagesgeschäft nachzugehen. In einer größeren Gruppe ist das auch einfacher, denn die Anderen machen mit.

Sollte jemand wegen seines Chorbeitrages je zur Rede gestellt werden, so kann er auf die suggestive Kraft der Masse verweisen und sich davonstehlen, wenn es brenzlig werden sollte. Wer zündelt, entfacht ein Feuer. Wer Andere aus Opportunitätsgründen Faschisten nennt, muss sich vergegenwärtigen, dass seine Taten eines Tages aufgeklärt werden.

Wie heißt es? Gottes Mühlen mahlen langsam, aber gerecht. Wir sollten uns nie vor den Wagen eines Potentaten spannen lassen und sein Marschlied singen. Irgendwann bleibt es uns in der Kehle stecken.

Dann Gnade uns Gott!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski