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Würde

Kaum ein Artikel des Grundgesetzes wird so viel bemüht, wie Artikel 1 GG: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Diese Bestimmung postuliert nicht nur den Abwehranspruch des Bürgers gegen den Staat und die Rechtsgewährung durch den Staat, sondern entspringt auch einem humanistischen Ideal, dass im Kollektiv die Würde jedes einzelnen Menschen zu erhalten ist.

Nichts ist dagegen zu sagen, aber was bei dieser Betrachtung vergessen wird, ist, dass der Mensch, dem die Würde zuteil wird, auch den Anspruch darauf erheben muss. Selten habe ich gehört, dass ein Mensch von sich sagt, dass er seine Würde beanspruche. Ein Mensch, der das tut, verlässt mit diesem Anspruch den Bereich der Zuweisung im gesellschaftlichen System und gefährdet dadurch die „väterliche“ Aufsicht.

Der seiner Würde bewusste Mensch beansprucht Teilhaberschaft, Freiheit und Verantwortung. Jede staatliche Zuweisung fordert zum Widerspruch auf und jede durch Sinn begründbare Einschränkung seiner Freiheit kann er annehmen oder ablehnen. Dies gilt im Übrigen nicht nur für das Verhältnis zum Staat, sondern auch im Verhältnis zu jeglicher Ideologie, Religion und sonstigen Lenkungsstrukturen.

Ein sich seiner Würde bewusster Mensch lässt eine Zuweisung als „abgehängt“ genauso wenig zu, wie die eine „Heuschrecke“ zu sein. Es ist vielmehr seine durch Verantwortung definierte Selbst- und Kollektivwahrnehmung, die sein Bewusstsein und sein Handeln bestimmt. Zweifellos ist ein sich seiner Würde bewusster Mensch schwerer zu manipulieren und zu steuern, als ein solcher, dem die Würde nur noch als Trostpflaster in einer ungerecht empfundenen und vom Konsum, Sozialhilfe und Hartz-IV bestimmten Gesellschaft verbleibt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gift

Tonnenweise werden derzeit in Belgien Eier vernichtet. Sie sind vergiftet. Können wir noch in Ruhe irgendein Lebensmittel in Deutschland verzehren, das mit Eiern in Berührung gekommen ist?

Nein, wir wissen nicht, in welchen Großbetrieben, Kantinen oder Fabriken die Eier verarbeitet wurden. Sie befinden sich in Kindernahrung, wie Nudeln oder Kuchen. Systematisch werden wir Menschen vergiftet. Durch Pestizide, Diesel und Reinigungsmittel. Ist das normal? Ist das ein Kollateralschaden, den man in einem prosperierenden Land einfach hinnehmen muss?

Wahrscheinlich wird dies jeder verneinen und auch jeder Politiker behaupten, dass man alles unternehmen werde, um der Situation Herr zu werden und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Dieses Vorbringen ist natürlich kläglich und soll die Ohnmacht kaschieren, die angesichts der umfassenden Angriffe auf unsere Gesundheit besteht. Was könnte getan werden? Es wird nach repressiven Maßnahmen gerufen. Die Schuldigen müssten bestraft werden und künftig sei der Schutz gegen Vergiftungen und Verseuchungen auszubauchen.

Also, der Staat wird das regeln? Das ist nicht anzunehmen. Es fehlt an einem wichtigen Bindeglied zwischen Staat und Gesellschaft, d. h. es mangelt an einer allgemeinen Überzeugung aller Menschen, dass man dieses oder jenes nicht tut, hier also: andere Menschen zu vergiften. Es wäre an der Zeit, einen Kodex zu schaffen, der Anforderungen eines Menschen enthält, die unabdingbar sind.

Artikel 1 GG enthält zwar schon das Gebot, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Das ist aber zu wenig. Es müssen Regeln geschaffen werden, die die Verabredung beinhalten, andere nicht zu schädigen, zu vergiften, zu übervorteilen etc. Mit Strafgesetzen allein ist dies nicht getan. Religionen haben früher einen Ordnungsrahmen für menschliches Verhalten gesetzt. Der Einfluss der Religion ist geschwunden, ohne dass zwischenzeitlich Alternativen kodifiziert worden wären. Stets werden in Sonntagsreden die Werte unserer Gesellschaft angemahnt, ohne dabei genau zu bekennen, worin diese Werte tatsächlich bestehen sollten. Werte sind belanglos, wenn sie nicht erreicht werden oder sie gar nicht erkannt werden können.

Es kommt daher weniger auf die Werteansicht als vielmehr auf das Verhalten jedes einzelnen Menschen in der Gruppe an. Alles wird von Menschen für Menschen geschaffen. Wir müssen verinnerlichen, dass es uns wert ist, für uns selbst und für künftige Generationen die Welt als unsere gesunde Lebensgrundlage zu erhalten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Weltanschauung

Ob Husserl, Heidegger oder Sartre, immer, wenn ich von diesen oder anderen Philosophen lese, erfahre ich durchaus mit Erkenntnisschauer, dass sie sich auf eine für sie wesentliche Erkenntnismöglichkeit konzentrieren und alle ihre Wahrnehmungen darunter subsummieren. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar, denn ohne diese Beharrlichkeit würde es kaum gelingen, ein Phänomen wirklich zu erfassen und es durch Wahrnehmung zu erproben. Was ich hier sage, scheint für alle Philosophen und ihre Werke zu gelten. Es scheint aber nicht nur für die Philosophie, sondern auch für die Religion, ja für jede Alternative der Weltanschauungen zu stimmen. Aus Teilaspekten formt sich das Ganze, so könnte man meinen.

Ich glaube aber nicht, dass es so ist. Gegenstand jeder philosophischen, religiösen oder weltanschaulichen Wahrnehmung ist unser Leben in der Wirklichkeit und in der transzendentalen Welt. Zur Wirklichkeit zählt auch das Unwirkliche der digitalen Welt und die transzendentale Welt erfasst Parallelwelten, pure Sinnlichkeiten und das, was wir nicht wissen.

Alle Betrachtungen folgen einer Logik der Wahrnehmung, ordnend, kategorisierend und formatierend. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ein solche Betrachtung dem zu betrachtenden Gegenstand gerecht wird bzw. die Bilder, Ideen und Beurteilungen, die damit erzeugt werden, bestandskräftig sind. Alles, was wir sagen, denken und beurteilen, ist ausschließlich momentan, mutmaßlich ohne Geltungswirkung über diesen Augenblick hinaus. Kein Moment erscheint mir eindeutig und dies sowohl im wirklichen, als auch im transzendenten Sinne.

Wie in einem Kaleidoskop zerfällt bei jeder Drehung des Sehrohrs das soeben noch Wahrgenommene in etwas Anderes, was genauso substanziell ist wie der abgelaufene Moment. Es hat sich nichts verändert und doch ist alles gerade ganz anders geworden, nichts verändert bedeutet auch, die weiter gewanderten bunten Steine sind dieselben geblieben, nur hat sich das Muster verändert. Bei einem Sehrohr, das keine Steine enthält, bricht sich der Hintergrund auf eine besondere Weise, ohne dass er sich selbst verändert hätte. Auch der Späher hat sich nicht verändert, weder das Auge, noch seine Rezeptoren.

Und doch ist alles ganz anders, und zwar in jedem Augenblick. Im Augenblick der Betrachtung lauert bereits der nächste Augenblick, der alles in Frage stellt und damit jede Eindeutigkeit einer Aussage verhindert. Eine sichere Weltanschauung, eine eindeutige Religion oder philosophische Erkenntnis gibt es nicht. Jeder in ihr befangene Augenblick ist wahr und schon fragwürdig in seiner Absolutheit, wenn er wahrgenommen wird.

Der atomare Kern eines Phänomens, das gleichzeitig gar keines ist, enthält eine so enorme Lebenskraft, dass sie sich der Erkenntnis verweigert. So müssen wir uns damit begnügen, was wir zu sehen glauben, beurteilen und meinen. Das Schöne ist, dass wir vom Kern aller Wahrnehmungen eine Ahnung haben dürfen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gott

Zumindest die drei großen Weltreligionen beanspruchen Gott für sich als Maßstab aller Dinge. Es geschehe auf der Welt nichts ohne den Willen Gottes. Die Wahrnehmung des einzigen Gottes hindert sie allerdings nicht daran, miteinander tief verstritten zu sein und sogar in Feindschaft zu leben. Das ist typisch menschlich, aber sicher nicht göttlich. Bringt man es auf den Punkt: Die Behauptung zu wissen, was Gott will und von uns erwartet, ist im höchsten Maße atheistisch.

Was für eine Anmaßung, Gott Eigenschaften zu unterstellen, die menschliche Qualitäten aufweisen. Was für eine Anmaßung, Gottes Willen zu verkünden und in die Sprache der Menschen zu übersetzen. Was für eine Anmaßung zu glauben, durch Zweifel Gott selbst in Frage stellen zu können. Alles, was den Zweifel, die Anmaßung und den menschlichen Nutzungsgedanken anbetrifft, ist in einem Programm zusammengefasst, was man gemeinhin Religion nennt.

Religion ist dabei allerdings nicht nur Opium für das Volk, sondern auch ein Ordnungsrahmen, der Sinn erklärt und Hoffnungen erlaubt. Religion ist menschliche Sachverwaltung. Mit Gott selbst hat das aber nichts zu tun, denn dessen Kraft und Herrlichkeit benötigt keine Interpreten, sondern erklärt sich selbst.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Unruhestifter

Bei Unruhestiftern holen die meisten Menschen die Polizei. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. So artikuliert sich die althergebrachte Grundeinstellung in unserer Gesellschaft, die immer noch einen großen Resonanzraum hat. Die meisten Bürger verhalten sich ruhig und angepasst. Damit eröffnen sie anderen Bürgern die Möglichkeit, sich selbst darzustellen und ihre Machtgelüste zu pflegen. Die meine ich aber nicht.

Die Lauten und die Leisen sind Vorder- und Rückseite derselben Medaille. Sie unterscheiden sich nur in ihren Vorlieben, was Sicherheit und Unauffälligkeit bzw. anmaßende Präsenz anbetrifft. Unruhestifter sind aber diejenigen, die ausbrechen aus der berechenbaren Rollenverteilung, Notwendigkeiten für ihr Verhalten sehen, aber auch Lust daran haben, durch ihre Provokationen gesellschaftliche Debatten in Gang zu setzen.

Ein Unruhestifter ist nicht auf den Augenblickerfolg, sondern, wie das Wort „stiften“ impliziert, darauf aus, ein Signal zu senden, dass jetzt und in der Zukunft wirkt. Auch der Unruhestifter hat ein Projekt im Visier, das Unruhe schafft und andere Bürger dazu bewegen kann, sich mit diesem auseinanderzusetzen. Der Unruhestifter rechnet zwar auch, aber nicht unbedingt mit Zustimmung. Zustimmung ist ohnehin eher eine Zukunftserwartung.

Im Zeitpunkt seines Impulses ist der Unruhestifter vielmehr meist sehr allein und auf sich gestellt. Erst allmählich werden durch die entfachte Unruhe gestaltende Kräfte frei, die eine Wirkung auf unsere Gesellschaft haben können. Unruhestifter sind nicht willkommen. Sie stören oft die jeweils augenblicklich vorherrschende Ordnung und tangieren die Interessen der Daseinsverwalter, ob in Kultur, Politik, Religion oder Lebensstil.

Unruhestifter zwingen nicht nur den Einzelnen, sondern Gruppen, sogar die ganze Gesellschaft, sich mit etwas auseinanderzusetzen, dass Änderungen schaffen kann, sei es in persönlichen Beziehungen oder allgemeingesellschaftlich. Bei Veränderungen weiß man aber nie ganz genau, was dabei herauskommt. Wie bei einem Knallbonbon ist dabei gerade die Überraschung das Aufregende. Deshalb sollten wir froh sein, über jeden Unruhestifter, der uns mitnimmt auf seinem Aufbruch in die Zukunft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Falsche Optik/Wortwahl

Deutschland schafft sich ab. So lautet die gewagte These des Erfolgsautors Thilo Sarrazin. Ich halte sie für falsch. Wir Deutschen sind viel zu skeptisch gegenüber Veränderungen und Neuerungen als dass wir das Wagnis eingehen würden, uns selbst abzuschaffen. Aber zu unserem Wesen scheint auch eine Verunsicherung zu gehören, die uns zu drängen scheint, es allen recht zu machen und dabei selbst den Überblick zu verlieren. Vom Altbundespräsidenten Wulff stammt der seltsame Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Was wollte er mit dieser Aussage bezwecken? Den Religionsfrieden schaffen? Nein, er wollte ausdrücken, dass hier eine Willkommenskultur bestünde, Muslime auch in Deutschland so selbstverständlich seien wie Christen und Juden.

Aber, warum hat er dann nicht gesagt, dass Muslime zu Deutschland bzw. unserer Gesellschaft gehören, soweit sie deren Errungenschaften wertschätzen und unsere Gesetze und Regeln achten? Hierzu sind die Kirchen und Moscheen verpflichtet. Der Religionsausübung kann und darf ein gesellschaftlicher Vorrang vor unserem Grundgesetz nicht eingeräumt werden.

Nicht die Religion, sondern der Staat und unsere säkulare Gesellschaft genießen Priorität und Menschen jeden Glaubens können nur in diesem Rahmen durch Haltung überzeugen und Vorbild sein. Es gilt hier stete Überzeugungsarbeit zu leisten, ob als Christ, Jude oder auch als Moslem. Das ist eine Bringeschuld der Religionen gegenüber unserer Gesellschaft und keinesfalls darf die religiöse Überzeugung oder die Kirche einen höheren Stellenwert einnehmen als die Leitbilder dieser Gesellschaft, damit sich deren Toleranz entfalten kann.

Eine falsch verstandene Toleranz oder sogar die Vereinnahmung von Religion durch die Gesellschaft behindert den Integrationsprozess und sollte dringend abgeschafft bzw. verhindert werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Hass

Hass überall. Mal ist vom Hass auf die jeweilige andere Religion die Rede, mal erfahren wir etwas über den Hass von Menschen auf die Einrichtung von Flüchtlingsheimen, den Hass auf einen Nachbarn oder Ethnien. Der Feststellung dieses Hasses folgt die Interpretation auf den Fuß. Der Hass habe damit zu tun, dass die eigene Religion von Anderen missachtet werde, mit der Angst vor der Überfremdung oder der wirtschaftlichen Verelendung. Es wird versucht, dem Hass so eine rational erfassbare Basis zu geben, die Worte Frust und Überforderung werden bemüht.

Die Interpreten spielen denjenigen, die hassen, in die Hände. Der Hass ist somit gerechtfertigt und ein Element der sozialen Auseinandersetzungen, das nach begreifbaren Kriterien gewürdigt werden muss. Muss es das wirklich?

Wer hasst, liebt nicht. Er ist liebesunfähig. Er empfindet keine Empathie für andere und verachtet sich schließlich selbst, weil er wie ein Selbstverliebter daherkommt, aber auch diese Sprache nicht beherrscht. Könnte man mit dem Hassenden Mitleid empfinden, dann entdeckte man eine in eigener Schuld völlig erstarrte narzisstische Persönlichkeit, deren ausschließliche Selbstbehauptung darauf beruht, dass er andere Menschen demütigt und quält. Ein Hassender ist wie ein Mensch aus Zellophan. Er bemüht sich um Anerkennung, aber was von ihm bleibt, ist nichts als Leere, Unscheinbarkeit. Doch dem Hassenden kann geholfen werden, aber nicht durch Beschreibung seiner angeblichen Beweggründe, sondern durch konsequentes Handeln, das Respekt für die Integrität anderer Menschen einfordert und auf die Verhinderung der Taten durch Aufklärung und Prävention durch Präsenz des Staats abzielt. Regeln, Pflicht und Verantwortung sind Tugenden, die altmodisch erscheinen, aber wirkungsvoll unsere Gesellschaft austarieren könnten, wenn wir für deren Akzeptanz eintreten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski